Kultur

Der König, der nicht König sagen konnte

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 09.02.2011 2 Kommentare

Colin Firth als stotternder Monarch und Geoffrey Rush als sein eigenwilliger Sprachlehrer brillieren in «The King’s Speech», dem diesjährigen Oscar-Favoriten.

Herzog Albert, der spätere König, erstarrt vor dem Mikrofon: Colin Firth in der Anfangsszene von «The King’s Speech».

Herzog Albert, der spätere König, erstarrt vor dem Mikrofon: Colin Firth in der Anfangsszene von «The King’s Speech».
Bild: PD

Der Film

The King’s Speech (GB/Australien/USA 2010). 118 Minuten. Regie: Tom Hooper. Mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter u. a.

Ab 10. Februar als Vorpremiere im Zürcher Lunchkino im Arthouse Le Paris. Ab 17. Februar im regulären Programm.

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Er tritt vor das Mikrofon, das ihn übergross anschaut. Die Untertanen stehen auf, das Wembley-Stadion schweigt. Der Herzog soll eine Grussbotschaft seines Vaters verlesen, des Königs von England, Schlussworte zur ersten grossen Ausstellung des Britischen Empires. Die BBC überträgt aus London bis nach Kanada, Kenia, Jamaika, Indien und Australien. Das Radiolicht blinkt, der Äther rauscht. Doch der Redner schweigt mit offenem Mund. Dann quält er sich durch die Silben, bleibt an den Konsonanten hängen, sein Stottern kommt als Echo im Stakkato zurück. Drei Minuten vergehen, der Herzog bringt keinen einzigen Satz zustande. Die Untertanen schauen zu Boden.

Mit der ersten und gescheiterten Radiorede von Herzog Albert Frederick Arthur George, gehalten am 31. Oktober 1925 in London, setzt «The King’s Speech» ein, das Historiendrama des britischen Regisseurs Tom Hooper. Der Film dürfte mit Oscars reich behängt werden, hat in England patriotische Schübe und in den ehemaligen Kolonien Begeisterung ausgelöst. Er beschreibt die Demütigungen eines adligen Stotterers, der nichts so sehr hasste wie öffentliche Auftritte und trotzdem König wurde. Nicht weil er wollte, sondern weil er musste: Sein älterer Bruder David (als König Edward VIII.) dankte nach einem Jahr ab, um eine zweifach geschiedene Amerikanerin zu heiraten.

Redendes Versagen

Zwei Stunden und 14 Jahre nach der ersten Rede des Herzogs klingt der Film mit der ersten Kriegsrede des Königs aus, der Beschwörung britischer Tugenden nach dem Einfall deutscher Truppen in Polen. Auch diesmal braucht George VI. fast eine halbe Minute, bis ihm das erste Wort entweicht. Aber dann bricht er nicht mehr ab: Er hat seine Sprache und damit seine Stimme gefunden.

Tom Hooper hat mit der Fernsehserie «John Adams» über den zweiten amerikanischen Präsidenten sein Interesse an der Verbindung von Sprache und Macht dokumentiert. Und auch sein Talent, historische Stoffe mitreissend zu inszenieren. John Adams aber, der amerikanische Advokat, war ein brillanter Redner, während Herzog Albert vor Publikum redend versagte. «Ich werde als König Georg der Stotterer in die Geschichte eingehen», sagt er im Film einmal, der schon als Kind von seinem Vater terrorisiert, den Geschwistern gehänselt und von kalten Ammen grossgezogen wurde. Der ein schlechter Schüler blieb und ein unauffälliger Marineoffizier, oft krank, schweigsam und scheu, von jähen Wutanfällen geschüttelt. Bis er dann, damals dreissig Jahre alt, einen ungewöhnlichen Untertanen kennen lernte: den Australier Lionel Logue, einen Rhetoriklehrer und Sprachtherapeuten, einen Autodidakten mit unkonventionellen Methoden.

Singen und fluchen

Diese angespannte Beziehung zweier Männer, die sich auch im richtigen Leben zur Freundschaft vertiefte, macht den Film so stark. Hooper inszeniert die Begegnung als Kammerspiel der Unvereinbaren. Mit einem Königssohn, der nicht reden kann. Und dem Sohn eines Buchhalters, der sich nicht dreinreden lässt. Mit einem Monarchen, der Schwächen zeigen muss. Und einem Lehrer, der ihn gleich behandelt wie alle anderen Schüler auch.

Dazu muss der Lehrer Respekt einfordern. So besteht er darauf, dass die Therapie in der Praxis stattfindet und nicht im Palast. Dass die beiden einander beim Vornamen nennen: Lionel und Bertie. Dass Bertie von sich erzählen muss, obwohl er das noch nie getan hat. Und dass für Lionel keine Übung zu töricht ist, um nicht ausprobiert zu werden: das Deklamieren am offenen Fenster, das Aufsagen von Zungenbrechern, das laute Singen, das Fluchen sogar. Über achtzigmal, das ist historisch verbürgt, hat der angehende König seinen eigenwilligen Lehrer getroffen.

Der verstockte Brite

Was die beiden Figuren eint, ist das herausragende Spiel der Schauspieler. Colin Firth und Geoffrey Rush nehmen ihre Rollen nicht ein, sie leben sie aus. Firth hat sich ja, seit seinem Auftritt als Mr. Darcy in der BBC-Verfilmung von «Pride and Prejudice», als Verkörperung des verstockten Briten überall empfohlen. Selbst wenn er bei Komödien wie «Bridget Jones» mitmacht und in «Fever Pitch» zum Beispiel einen unrettbaren Arsenal-Fan spielt, bleibt seine Mimik karg und der Ausdruck im Gesamten unfroh.

Noch nie aber hat Colin Firth die Regungen seiner Figur so brillant dargestellt wie hier. Er zeigt die Scheu, die Scham, die Qual, die jäh explodierende Wut, die gestauten Gefühle des angehenden Königs, seinen Selbsthass und auch seine Selbstironie. Er zeigt das mit einem Minimum an Mimik, einem Maximum an Ausdruck und ohne jede Sentimentalität.

Geschichte, zurechtgerückt

Genauso überzeugend, wenn auch mit gegenteiligen Ausdrucksmitteln, gibt Geoffrey Rush den Sprachlehrer Lionel Logue. Er spielt den australischen Autodidakten so, wie ihn Zeitgenossen beschrieben und Patienten erlebt haben. Als unkonventionellen, aber selbstbewussten Lehrer, der Autorität mit Herzlichkeit und Humor vereint; als Therapeuten auch, der stotternden Menschen konsequent das Gefühl vermittelte, dass nur sie selber sich helfen konnten und sie es auch schaffen würden.

Wunderbar besetzt sind auch die Nebenrollen. Allen voran der unvergleichliche Michael Gambon als cholerischer Königsvater sowie Helena Bonham Carter und Jennifer Ehle als Gattinnen von Albert respektive Lionel.

Der geläuterte Monarch

Nur Timothy Spall reduziert seinen Winston Churchill zur Karikatur. Was insofern eine gewisse Logik hat, als Churchills Rolle im Film nichts mit den historischen Vorgängen zu tun hat. In Wahrheit traute der König Churchill lange nicht und dafür Churchills Vorgänger Neville Chamberlain viel zu lange, der noch 1938 auf eine Besänftigung Hitlers gesetzt hatte. Die Beziehung zwischen Churchill und dem König intensivierte sich erst während des Krieges. Zudem verharmlost der Film die offenen Sympathien, die Alberts Bruder David für die Nationalsozialisten hegte.

Schliesslich gestaltete sich Alberts Beziehung zu seinem Sprachlehrer einiges förmlicher, als der Film glauben macht. Das jedenfalls geht aus den Tagebuchnotizen hervor, die Lionel Logue hinterlassen hat. Dramaturgisch lässt sich das aber rechtfertigen. Indem der Regisseur den widerwilligen König als Patienten zeigt und den australischen Bürger als Therapeuten, gelingt ihm eine grosse Parabel über die Macht der Sprache und die Sprachlosigkeit der Macht. Mit der Folge allerdings, dass er dabei einen monarchischen Mythos bruchlos inszeniert. Zuerst muss der kommende König als Mensch das eigene Leid überwinden, bevor er als geläuterter Herrscher zum Vorbild seines Volkes aufsteigen darf. Und wohl auch zum Liebling der Oscar-Verteiler in Hollywood. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2011, 08:48 Uhr

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2 Kommentare

Kim Dällenbach

09.02.2011, 11:18 Uhr
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Ein ganz ausgezeichneter und zeitloser Film. Antworten


Denise Eva

01.03.2011, 10:50 Uhr
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Ich finde nicht, dass dieser Film die Sympathien von Albert- für das Dritte Reich, auch noch thematisieren muss, es würde vom eigentlichen Thema ablenken. Es gibt viele Dokus, die über das berichten. Mir gefiel der Film. Antworten



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