Kultur

«Das ist absolut obszön»

Von Florian Keller und Benedikt Rüttimann. Aktualisiert am 05.05.2011 1 Kommentar

Als hätte man keine Luft mehr zum Atmen: Der iranische Filmemacher Rafi Pitts über das politische Klima in seinem Heimatland und die Haftstrafe gegen seinen Kollegen Jafar Panahi.

«Das Regime hat im Volk keine Mehrheit mehr»: Regisseur Rafi Pitts glaubt an einen politischen Umbruch im Iran.

«Das Regime hat im Volk keine Mehrheit mehr»: Regisseur Rafi Pitts glaubt an einen politischen Umbruch im Iran.
Bild: Sophie Stieger

Rafi Pitts

Filmemacher

Pitts wurde 1967 in Mashhad als Sohn eines Engländers und einer Iranerin geboren. Nach der Trennung der Eltern wächst er bei der Mutter in Teheran auf, ehe die beiden nach London auswandern. Nach dem Filmstudium arbeitet Pitts in Paris als Assistent für Jacques Doillon und Leos Carax. Seit seinem Erstling «Die fünfte Jahreszeit» (1997) kehrt er für seine Filme immer wieder in den Iran zurück.

Sein neuster Film «The Hunter» (aktuell im Zürcher Filmpodium) ist ein ebenso wortkarger wie bildstarker Western über einen Outlaw wider Willen: Rafi Pitts selber spielt einen Nachtwächter, dessen Frau und dessen Tochter angeblich bei einer Demonstration erschossen wurden. Als der Familienvater bei den Behörden auf eine Mauer des Schweigens stösst, schiesst er mit dem Jagdgewehr auf ein Polizeiauto. Auf der Flucht durch Wald und Nebel wird er von zwei Polizisten gestellt. Seit der Premiere des Films an der letztjährigen Berlinale lebt Pitts in Paris. (TA)

Brennpunkt Iran

Iranisches Kino in Zürich, Bern und Basel

Im Dezember 2010 wurden der iranische Regisseur Jafar Panahi («Offside») und sein jüngerer Kollege Mohammad Rasoulof in ihrer Heimat zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt. Die vier Programmkinos in Zürich, Bern und Basel nehmen das politische Schicksal der beiden zum Anlass, um bis Ende Mai das neue iranische Kino ins Schaufenster zu rücken. Zu sehen sind auch jene Filme, die Jafar Panahi international bekannt gemacht haben: «The White Balloon» (Camera d’Or in Cannes, 1995), «The Mirror» (Goldener Leopard in Locarno, 1997) und «The Circle» (Goldener Löwe in Venedig, 2000). Die Filme von Panahi und Mohammad Rasoulof laufen bereits im Stadtkino Basel, ab 8. Mai sind sie dann im Kino Kunstmuseum Bern zu sehen und ab 19. Mai in Zürich im Kino Xenix. Das Filmpodium Zürich zeigt Filme von Rafi Pitts und «Crimson Gold» von Jafar Panahi. (TA)

Genaue Spielzeiten

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Im Dezember 2010 wurde Ihr Freund, der bekannte Regisseur Jafar Panahi, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt für einen Film, den er noch gar nicht gedreht hat. Wie geht es ihm heute?
Er ist nicht mehr im Gefängnis, sondern unter Hausarrest. Er hat gegen das Urteil Berufung eingelegt und wartet seit Januar auf eine Antwort. Aber ich habe das Gefühl, er wird keine Antwort bekommen. Neben meinem Freund Jafar gibt es allerdings noch einen weiteren Kollegen, der völlig vergessen geht.

Sie meinen Mohammad Rasoulof?
Nein, ich spreche von Mohammad Nourizad. Seine Filme wurden meines Wissens nie im Ausland gezeigt, und politisch steht er nicht auf der gleichen Seite wie wir. Nourizad gehört nicht zur grünen Bewegung, er war ein Sympathisant der Regierung. Doch nach den Demonstrationen gegen die Wiederwahl von Präsident Ahmadinejad hat er einen mutigen, kritischen Brief an Revolutionsführer Ali Khamenei geschrieben. Seitdem sitzt er im Gefängnis. Es wäre unfair, jemanden zu vergessen, nur weil er auf der falschen politischen Seite steht.

Seit dem Beginn der Grünen Revolution im Sommer 2009 sind die Gefängnisse des Iran ziemlich voll.
Ja, es wurden eine Menge Künstler, Journalisten und Intellektuelle eingesperrt. Viele wurden allein deswegen verhaftet, weil sie Fragen stellten. Und wenn das schon für Filmemacher gilt, können Sie sich vorstellen, was das erst für Journalisten bedeutet. Nach der Verurteilung von Jafar Panahi habe ich Präsident Ahmadinejad einen Brief geschrieben, der fast nur aus Fragen besteht. Und zwar weil ich glaube, dass man am besten vorwärtskommt, wenn man Fragen stellt.

In dem Brief haben Sie Ahmadinejad auch gefragt, ob er sich an die Gründe der iranischen Revolution von 1979 erinnern könne. Hat er Ihnen geantwortet?
Nein, bis jetzt nicht. Aber es war schon sehr befriedigend, diese Fragen zu stellen. Stellen Sie sich vor, morgen würden in Teheran eine Million Menschen auf die Strasse gehen und einfach ein Fragezeichen in die Höhe halten.

Seit der Premiere Ihres Films «The Hunter» im Februar 2010 in Berlin sind Sie nicht mehr in Ihre Heimat zurückgekehrt. Ist es zu gefährlich?
Sagen wir, ich suche immer noch den Weg nach Hause. Aber wenn ein Kollege nur schon wegen einer Idee für einen Film ins Gefängnis kommt, was glauben Sie, was man mit jemandem macht, der wirklich einen Film gemacht hat? Trotzdem würde ich niemals behaupten, ich könne nicht zurück in den Iran. Denn das hiesse, dass ich anerkennen würde, dass ich etwas verbrochen hätte. Und ich habe nichts verbrochen. Genau wie Jafar. Und wie Nourizad.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Revolutionen in den arabischen Ländern sehen?
Die Situation im Iran ist ganz anders. Es gibt zwar durchaus Ähnlichkeiten. Wie in Ägypten sind auch im Iran zwei Drittel der Bevölkerung jünger als dreissig Jahre, und in allen Ländern regieren Leute, die zu lange an der Macht sind. Doch im Iran hatte die oberste Autorität dem Volk eine Auswahl präsentiert. Die grüne Bewegung war eine legale Bewegung. Mir Hossein Moussavi war ein legaler Präsidentschaftskandidat. Die Iraner haben ihre Wahl getroffen – und wurden dafür grausam verfolgt und bestraft. Warum lässt man uns überhaupt wählen, wenn man einen Tag später wegen dieser Wahl zum Kriminellen gemacht wird? Es war dieses Gefühl, das viele von uns so wütend gemacht hat.

Gibt es Grund zur Hoffnung, dass der revolutionäre Geist aus den arabischen Ländern auch auf den Iran übergreifen könnte?
Die ganze Welle hat ja eigentlich mit der Grünen Revolution im Iran angefangen. Und ich bin überzeugt, dass auch im Iran ein politischer Umbruch stattfinden wird, weil das Regime im Volk keine Mehrheit mehr hat. Die Frage ist, ob das in einem Jahr passieren wird oder erst in fünf Jahren.

Sehen Sie eine Möglichkeit, dass dieser Umbruch vom Regime selbst eingeleitet wird?
Das wäre sicher vernünftiger. Mir ist lieber, wenn so ein Umbruch ohne Blutvergiessen über die Bühne geht. Alle sprechen immer von den Revolutionen in der arabischen Welt. Dabei habe ich noch keine wirkliche Revolution gesehen. Nehmen wir Ägypten: Das Land wird immer noch von der Armee regiert. Und bei einer Revolution ist es meines Wissens so, dass ein Regime gestürzt wird. Wenn ein Präsident abtritt, ist das noch keine Revolution. Sonst hätten wir in Frankreich alle fünf Jahre eine Revolution. Trotzdem: Es stimmt mich zuversichtlich, wenn ich sehe, was in Ägypten und in anderen arabischen Ländern geschieht. Da haben die Jungen beschlossen, ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Das ist sehr ermutigend.

Wie ist die Stimmung im Iran heute?
Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Sie keine Luft mehr zum Atmen haben. Meine Freunde zum Beispiel bekommen keine Erlaubnis mehr, Filme zu drehen. Nicht einmal während der McCarthy-Zeit in den Vereinigten Staaten wurden Filmemacher derart verfolgt und unterdrückt wie jetzt bei uns. Und Jafar Panahi ist der iranische Regisseur mit den meisten Preisen. Er hat vermutlich mehr Preise gewonnen als Abbas Kiarostami. Die Ironie ist, dass der Raum im Teheraner Filmmuseum, wo seine Preise ausgestellt sind, grösser ist als seine Gefängniszelle.

Wollte das Regime an Panahi ein Exempel statuieren?
Das weiss ich nicht. Das kann nur die Regierung beantworten. Ich kann nicht in ihrem Namen sprechen. Ich kann nur die Revolution infrage stellen. Jafar wurde ja nicht verurteilt wegen eines Films, den er gedreht hat, sondern wegen einer Idee für einen Film, den er erst drehen wollte. Das ist absolut obszön. In der iranischen Verfassung steht nirgends geschrieben, dass jemand allein wegen der Idee für einen Film bestraft werden kann. Panahi wurde als «Anti-Revolutionär» verurteilt. In meinem Brief forderte ich darum Ahmadinejad auf, die Revolution zu definieren. Damit wir wenigstens wissen, was wir tun dürfen.

Sehen Sie das Urteil gegen Panahi als ein Zeichen der Schwäche des Regimes?
Es ist jedenfalls kein Zeichen der Stärke. Stark ist, wer Kritik akzeptieren kann. Wer Kritik zurückweist, ist schwach. Nur ein Land, das sich der Kritik stellt, das über sich selber debattiert, kommt vorwärts. Das gilt für alle Länder, nicht nur für den Iran.

Im Iran herrscht seit Jahrzehnten Zensur. Sie haben einmal gesagt, die Zensur sei ein Teil Ihrer Kindheitsfolklore...
In dem Haus meiner Kindheit war ein Filmstudio untergebracht. Da ging ich oft einen Stock höher und schaute den Cuttern bei der Arbeit zu, wie sie die beanstandeten Szenen aus den Filmen schnitten. Die Zensur ist so alt wie der iranische Film, es hat sie schon immer gegeben. Ich würde sogar sagen, dass die Sprache des iranischen Films von der Zensur geformt worden ist. Das hat vermutlich das iranische Kino weltweit interessant gemacht. Wie kann ich innerhalb fester Regeln etwas anders ausdrücken? Es war zwar frustrierend, aber so haben wir eben gearbeitet.

Wenn Sie einen Film drehen wollen, wie müssen wir uns den Kampf mit der Zensur konkret vorstellen?
Bei meinem Film «The Hunter» brauchten wir sechs Monate, bis wir endlich die Erlaubnis hatten. Das war ein langer Kampf. Man wartet in den Korridoren der Zensurbehörde, und irgendwann erfährt man, dass der Film nicht gedreht werden dürfe. Also geht man wieder hin und fragt hartnäckig nach, und so geht das immer weiter hin und her. Es ist nicht die Form der Zensur wie früher in der Sowjetunion oder wie in China. Es gibt nicht einfach eine Absage, und das wars. Es ist der Nahe Osten, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Sie selbst spielen in «The Hunter» einen Familienvater, der unter dem Druck des Regimes zum Outlaw wird. Ist es nicht erstaunlich, dass Sie für ein so unmissverständlich politisches Drama überhaupt eine Dreherlaubnis erhielten?
Die Erlaubnis erhielten wir wenige Monate vor den Wahlen. Und ich glaube, dass wir den Film nur drehen durften, weil die Leute von der Zensurbehörde damals selber glaubten, dass sich das politische Klima ändern würde. Alle dachten damals, dass Moussavi gewählt werden würde und dass eine Zeit der Reformen anbrechen würde. Die Atmosphäre war euphorisch.

Und als die Bewilligung durch war, machte die Zensur bei den Dreharbeiten keine Probleme mehr?
Es war ein Albtraum. Im Iran gibt es zwei Stadien der Zensur: Es gibt die Zensurbehörde, und es gibt die Polizei. Man braucht ja immer auch die Unterstützung der Polizei, wenn man für Dreharbeiten zum Beispiel Strassen sperren will oder Uniformen und andere Requisiten braucht. Die Polizei war von Anfang an gegen den Film und verweigerte uns jede Unterstützung. Den Film konnten sie zwar nicht stoppen, weil wir ja die Erlaubnis von der Zensurbehörde hatten. Aber die Polizei hat die Dreharbeiten immer wieder unterbrochen. Die 35 Drehtage, die vorgesehen waren, zogen sich über vier Monate hin.

Wie eng wurden Sie bei der Arbeit am Film von der Zensur überwacht?
Die Behörde wollte, dass ein Mann von der Zensur beim Drehen dabei war. Der war dann unfreiwillig auch massgeblich bei der Schauspielführung beteiligt, denn ich hatte ihn gebeten, er solle sich jeweils gleich neben der Kamera hinstellen. Das war eine unglaubliche Hilfe für mich als Schauspieler: Der Zorn, den Sie im Film in meinem Gesicht sehen, richtete sich gegen den Mann von der Zensur, der neben der Kamera stand.

Bekommen die Menschen im Iran den Film überhaupt zu sehen?
Der Film ist offenbar ein grosser Hit auf dem Schwarzmarkt. In den iranischen Kinos war er nicht zu sehen. Dabei wollten wir einfach einen neorealistischen Western drehen. Ich stehe zwar in der Tradition des iranischen Neorealismus, aber diese Filme haben sich nie um das Lebensgefühl der jüngeren Generation gekümmert. Das ist eine zornige Generation, also dachte ich: Okay, wir drehen einen Film, in dem Polizisten erschossen werden, es gibt eine Autoverfolgungsjagd und Punkrock auf dem Soundtrack. Wenn am Ende ein politischer Film daraus wurde, dann deshalb, weil die Behörden ihn dazu gemacht haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2011, 07:51 Uhr

1

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

1 Kommentar

Meryem Azimi

05.05.2011, 08:17 Uhr
Melden

Man muss natürlich bedauern, dass die iranischen Behörden so überempfindlich reagieren - und erst recht natürlich, wenn wegen Filmkunst für die Iran berühmt ist, Künstler inhaftiert werden. Trotzdem möchte ich beitragen, dass es für Manipulationen bei den Wahlen 2009 keine Beweise gibt. Dort wo protestiert wurde "where ist my voice" hat Mussavi die Mehrheit gehabt. Es hat eben nicht gereicht. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!