«Das Triebhafte, das ich bei Tarantino spüre, vermisse ich oft im Kino»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 27.12.2010 3 Kommentare
Sebastian Schipper und Sophie Rois in «Drei». (Bild: PD)
Von «Lola rennt» bis zu «Drei»
Tom Tykwer
Geboren 1965 in Wuppertal, gehört der Autodidakt seit den 90er-Jahren zu den prägendsten Köpfen des deutschen Kinos. 1994 gründete er zusammen mit Dani Levy, Wolfgang Becker und dem Produzenten Stefan Arndt die Firma X-Filme, die seither Filme wie «Good Bye, Lenin!» oder zuletzt Michael Hanekes «Das weisse Band» produziert hat.
Als Regisseur feierte Tykwer seinen internationalen Durchbruch mit dem Überraschungserfolg «Lola rennt» (1998). Später folgten Filme wie «Heaven» (2002), nach einem Drehbuch von Krzysztof Kieslowski und mit Cate Blanchett in der Hauptrolle, die Bestseller-Verfilmung «Das Parfum» (2006) oder zuletzt der Hollywood-Thriller «The International» (2008) mit Clive Owen und Naomi Watts.
In kleinerem Rahmen hat Tykwer nun seinen ersten deutschsprachigen Film seit zehn Jahren gedreht: «Drei» ist eine zeitgeistige Berliner Dreieckskomödie mit Sophie Rois, Devid Striesow und Sebastian Schipper in den Hauptrollen. Der Film läuft in Zürich bereits als Vorpremiere im Lunchkino im Arthouse Le Paris und kommt am 30. Dezember in die Kinos.(flo)
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In Ihrem Film «Drei» gibt es dieses Bild, als die tote Mutter ihrem Sohn als Engel erscheint. Haben Sie nie eine innere Stimme, die Ihnen sagt: Moment, das ist jetzt Kitsch, was du da machst?
Ich finds nicht kitschig. Das Verhältnis, das wir zu unseren Eltern haben, ist so stark davon geprägt, dass wir die meiste Zeit mit ihnen als Kind verbracht haben; deshalb ist diese Assoziation mit dem Engel für mich völlig schlüssig. Ich stehe zu solchen Entscheidungen, weil ich das ordentliche, ausgeglichene, akkurate, sich beherrschende Kino langweilig finde. Es sind doch gerade die gemischten Gefühle, die uns über das Ende des Films hinaus beschäftigen, weil wir dadurch gezwungen werden, unsere eigene Haltung dazu etwas genauer zu formulieren. Der Film hat sie uns nämlich nicht mitgeliefert. Es ist wie mit dem Sex.
Mit dem Sex?
Beim Sex ist man selber ja nie so elegant, wie uns das die Filme zeigen, und es ist auch nie so einfach, wenn man sich auszieht. Sex ist immer irgendwie krass. Alles ist kompliziert, und gerade weil es kompliziert ist, ist es auch toll. Aber in den Filmen fliesst das immer so dahin, die Leute können das immer alles. Das ist genauso bescheuert, wie alle immer mit Pistolen herumfuchteln können.
Ihr neuer Film ist von einem überraschend komödiantischen Ton geprägt. Tue ich Ihnen Unrecht, wenn ich sage, dass Humor nicht gerade eine wesentliche Eigenschaft Ihrer letzten Filme war?
(Lacht.) Das ist als Aussage eher deskriptiv, würde ich sagen. Mein letzter irgendwie komödiantischer Film war wohl «Lola rennt». Ich bin offensichtlich nicht besonders geeignet, Filme zu machen, die sich vom Setting her besonders ähnlich sind. Ich glaube eher an eine innere Verwandtschaft der Filme. Wenn man reist, nimmt man sich ja auch immer mit: So sehr die Welt um mich herum eine andere ist, bin ich doch immer dieselbe Person, die darin herumläuft. Man transformiert sich hoffentlich ständig dabei, schleppt aber immer auch eine Menge Ballast mit. Das beste Beispiel dafür ist für mich Ang Lee. Wenn ich mir seine Filme anschaue, ist es kaum zu fassen, dass das derselbe Regisseur sein soll. Und doch ist es offensichtlich, dass da jemand mit klarem stilistischem Gestus und mit grosser Neugier sich immer wieder ganz unterschiedliche Genres vorknöpft.
Lassen Sie uns den Bogen zurück zu Ihrem neuen Film spannen …
Ach nee. Kommen Sie, wir reden über andere Filme.
Von mir aus gerne. Sie haben ja für Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds» die deutschen Szenen übersetzt. Hat dabei etwas für Sie herausgeschaut, abgesehenvom Honorar?
Dafür kriege ich nichts, dafür will ich kein Geld. Wir sind ein bisschen befreundet, und Tarantino fragte mich, ob ich jemanden kenne, der das übersetzen könnte. Ich hab gesagt: Lass es lieber mich machen. Was es da für ein Vertrauen braucht! Er konnte das nicht prüfen, er spricht ja kein Wort Deutsch.
Was lieben Sie an seinen Filmen?
Dieses Triebhafte, das ich bei Tarantino spüre, vermisse ich oft im Kino. Das Kino hat ja seine Wurzeln im Spektakel, aber gleichzeitig lässt es immer alle möglichen Denkräume offen, und diese Fusion aus Spektakel und Denkexperiment, das kriegt kaum einer hin wie Tarantino. Bei seinen Filmen marschiere ich immer gleichermassen inspiriert wie überwältigt aus dem Kino. Das prägt ihn auch als Person: Er ist, wie soll ich sagen, monströs libidinös mit dem Kino verstrickt, dabei auch schwitzend und vulgär, entgleist und entfesselt. Gleichzeitig ist er einer der Reflektiertesten in dem Metier. Diese Mischung ist bestechend.
Das klingt nach dem Philosophen Slavoj Zizek: Ist Tarantino der Zizek des Kinos?
Ich weiss nicht. Zizek ist ja ein triebhafter Intellektueller. Der ist nicht an Affekten interessiert, wenn sie ihn treffen, sondern nur, wenn er sie verarbeiten kann. Tarantino dagegen hat dieses Unmittelbare noch nicht verloren. Der ist sehr an den Affekten interessiert und kann sich ihnen auch hingeben, wenn sie ihn treffen. Zizek hat, glaube ich, vergessen, wie das geht. Bei ihm muss alles sofort in die Verarbeitungsmaschine eingespeist werden. Darin ist er dann wieder sehr lustvoll. Aber ich finde Zizek toll als Kinodenker, der die ästhetische Debatte wiederbelebt hat. Dank ihm hat Filmtheorie überhaupt wieder eine gewisse Popularität erlangt.
Sie selbst haben ja einstals Operateur angefangen.
Ich hab im Kino gearbeitet, seit ich vierzehn war: erst als Kartenabreisser, dann als Vorführer und später als Programmierer. Der Alltag im Kino ist stark davon geprägt, dass man den Saal vollkriegen muss. In den 80ern, als ich anfing, war das noch ein Leichtes. In Berlin konnte man damals ein Wunschprogramm mit den abstrusesten Retrospektiven machen, und die Leute kamen einfach. Die kamen auch um Mitternacht und guckten sich drei Filme von Pudovkin an. Einen Film im Kino zu erwischen, war damals etwas Besonderes.
Heute kann man sich nochdie obskursten Filme runterladen oder auf DVD besorgen. Stimmt Sie das nicht ein wenig wehmütig?
Natürlich mindert die Verfügbarkeit, die wir heute haben, das Wertgefühl für einzelne Filmereignisse. Aber sie schärft wiederum den Blick, weil man auf eine gesunde Weise gnadenloser ist – auch gegenüber den sogenannten Klassikern, die man nicht mehr automatisch toll findet, bloss weil man sie endlich im Kino erwischt hat. Heute kann man jederzeit jeden Klassiker sehen, oft auch in besserer Qualität. Wenn ich mir den «Dritten Mann» in der Criterion-Edition kaufe, dann ist das ein spitzenmässiger Transfer, unendlich viel besser als die runtergenudelte Kopie, die ich damals in Berlin im Moviemento gezeigt habe. Da war der Moment, als Orson Welles erschossen wird, gar nicht mehr drin, weil die Kopie schon so runtergerockt war, dass das Stück einfach fehlte. Das hat einen zwar auch geärgert damals, aber im Nachhinein verklärt man das gerne.
Was haben Sie als Filmvorführer fürs Kino gelernt?
Diese direkte Auseinandersetzung mit dem Publikum hat mich stärker gemacht für die Gnadenlosigkeit der Zuschauer. Ich hab ja auch meine eigenen Filme in dem Kino gezeigt, in dem ich arbeitete, und gerade mein erster Spielfilm wurde da so was von abgefertigt. Diese Härte und die Indifferenz, mit der manchmal auch reagiert wird, haben mir eine Menge beigebracht.
In einer deutschen Zeitung sagte kürzlich ein namhafter Regisseur, dass es einst nur einen Stoffgegeben habe, aus dem er unbedingteinen Film hätte machen wollen. Das sei «Das Parfum» gewesen,und Ihre Verfilmung finde erganz schrecklich …
Ich weiss genau, wer das ist, ja klar: Julian Schnabel.
Sie haben das auch gelesen?
Er hat das schon bei allen möglichen Gelegenheiten von sich gegeben. Schnabel wollte diesen Film halt unbedingt machen, er hatte sogar einen Drehbuchentwurf dazu geschrieben. Ich hab da mal reingeguckt und fand es nicht sehr interessant. Aber unser Verhältnis ist leider nicht sehr ausgeglichen, denn ich bewundere ihn und seine Arbeit. Und er ist, glaube ich, wirklich sehr wütend auf meinen Film. Emotional kann ich das nachvollziehen, er hatte halt eine ganz andere Vision. Aber da soll er sich mal entspannen.
Gibt es das auch umgekehrt, dass Sie einen bestimmten Stoff unbedingt hätten verfilmen wollen – und dann hat das ein anderer gemacht, und Sie finden den Film schrecklich?
Nicht so extrem. Ich hätte gerne «The Hours» gemacht, weil es damals auch tatsächlich die Möglichkeit dazu hätte geben können. Ich muss zugeben, dass ich den Film, den Stephen Daldry dann daraus gemacht hat, auch ziemlich gut finde. Aber ich bin borniert genug, zu behaupten, dass ich glaube, ich hätte ihn noch besser gemacht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.12.2010, 20:44 Uhr
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3 Kommentare
Das Wesentliche und Wichtige ist wohl, dass Tom Tykwer nicht schreiben kann, wohl sehr dezidiert Julian Schnabels Drehbuch umsetzte und das Resultat dafür erntete, so Tom Tykwer begreifen würde, dass man nicht non stop fremde Texte unter seinem eigenen Namen publizieren kann- hätte er viel im Filmgeschäft gelernt. Antworten
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