Danke George Clooney. Danke Richard Gere.
Von Simone Meier, Venedig. Aktualisiert am 11.09.2009
George Clooney in Venedig. (Bild: Keystone)
Die Frage, was der Mensch denn eigentlich mit den Zombies anstellen kann, ausser sie zum zweiten Mal zu töten, war schon längst überfällig: Es sind einfach viel zu viele Arbeitskräfte, die der Welt in den Zombie-Filmen verlustig gehen. George A. Romero, der bald 70-jährige New Yorker Regisseur, der sich seit 1968 in seinen Filmen ausschliesslich dem Verhältnis von Mensch und Zombie widmet, hat jetzt eine hübsche Vision gefunden: In «Survival of the Dead» nämlich beweist er, dass Zombies erziehbar sind.
Die Zombie-Werdung gleicht darin einer schockhaften Demenz-Erkrankung, heilbar ist das zwar nicht, aber immerhin kann das halb tote Wesen mit viel Frischfleisch und Geduld wieder an ein paar nützliche alte Tätigkeiten erinnert werden. Der Briefträger lernt wieder, was ein Briefkasten ist, die Hausfrau kann wieder kochen, und – das Allerwichtigste – das Pferdemädchen erkennt, dass es sich nicht mehr unbedingt von Menschenfleisch ernähren muss, sondern sein Pferd tatsächlich zum Fressen gern haben kann. Tierschützerisch gesehen ist dieses Wühlen in den blutigen Ross-Filets natürlich äusserst fragwürdig, aber die Idee dahinter, dass sich der Mensch (es ist in diesem Fall ein konservativer amerikanischer Christ irischer Abstammung), die hirntote Zombiemasse untertan machen kann, wenn er sie nur geschickt genug mit Junk-Food versorgt, ist eine grandiose Metapher auf die Verelendung der Mediengesellschaft, ihre Ignoranz und Fügsamkeit.
Ganz und gar lebendig und im richtigen Leben viel schöner als auf der Leinwand war dafür George Clooney, als er vor eine total hysterisierte Masse von Pressemenschen trat, die ihn wohl auch alle am liebsten aufgefressen hätten. In der Nacht zuvor war er mit Kumpel Matt Damon in «Harry’s Bar» abgestürzt, Damon kam mit roten Augen zum Festival, Clooney dagegen wie aus einem Jungbrunnen gehüpft. Und dabei arbeitet der Mann wie ein Verrückter. In Venedig trat er als Produzent und Hauptdarsteller von «The Men Who Stare at Goats» und als ausführender Produzent von «The Informant!» auf, und dann hat er ja auch immer noch eine gebrochene Hand und diese zeitraubende italienische Freundin.
«The Men Who Stare at Goats» ist ein riesiges, rührendes Männerfreundschaftsfilmvergnügen. Clooney und Jeff Bridges verkörpern darin zwei angejahrte amerikanische Soldaten, die sich einst in einer Sondereinheit für mental hochbegabte Spezialkrieger kennengelernt haben. Bridges lehrte dort Clooney, wie man in einem ersten Schritt Ziegen und eventuell in einem zweiten Kriegsfeinde durch blosses Anstarren zum Herzstillstand bewegen kann. Es soll diese Spinnerabteilung in der amerikanischen Armee tatsächlich gegeben haben. Der britische Journalist Jon Ronson hat ihre Geschichte in einem Buch festgehalten, es waren gerissene Hippies mit Uri-Geller-Fähigkeiten, die sich so um den Dienst an der Waffe drücken konnten. «The Men Who Stare at Goats» zeigt nun die tragische Auflösung einer einstigen Vereinigung aus langhaarigen Idealisten, ein letztes Finale im alten Vergnügen (LSD hilft immer) und das gemeinsame Verschwinden von zwei Freunden für immer. Zuerst hat man feuchte Augen vor Lachen, dann vor Ergriffenheit. Danke, George.
Und danke, Richard. Denn dass ausgerechnet er in Venedig seine Wiedergeburt als ernst zu nehmender Schauspieler erleben würde, hatte gewiss niemand erwartet. Der Sechzigjährige war ja über die Jahre eher so im Genre «grau melierter Softie-Tanzlehrer mit Yoga-Erfahrung und Hang zum Musical» in Verruf gekommen. Und plötzlich ist er einer von «Brooklyn’s Finest» – ein Titel, der wie ein Broadway-Musical klingt, aber das pure Gegenteil zeigt, nämlich die harte Realität von Brooklyns Polizisten, die alle zu wenig verdienen, depressiv, suizidgefährdet und drogensüchtig sind und doch versuchen sollten, noch einen Rest von Gesetz und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten. «In New York nehmen sich jedes Jahr mehr Polizisten das Leben, als im Dienst das Leben verlieren», sagt Regisseur Antoine Fuqua ungläubig .
Richard Gere ist unter diesen Polizisten ein frisch Pensionierter, er ist frustriert und findet erst jenseits der beruflichen Formalitäten zu einem kleinen Heldentum. Es ist eine Rolle, in der Richard Gere alles Wohltemperierte zugunsten einer völligen Gebrochenheit fahren lässt, und das ist beeindruckend traurig. Und ist als Leistung eines Schauspielers vielleicht sogar das beeindruckendste, was von den grossen Hollywoodfilmen in Venedig hängen bleibt.
Auf dem Flughafen, im Restaurant mit dem schlechtesten Essen, das man sich in Italien vorstellen kann, sitzt Tilda Swinton am Nebentisch. Wie immer ungeschminkt, mit einer verstrubbelten blonden Punk-Frisur, einer grossblumigen, äusserst britischen Bluse und Ballerinas, die nach Chanel aussehen. Wahrscheinlich ist sie auf dem Weg nach Hause, zu Mann und Kindern im schottischen Schloss, auf dem Flughafen sitzt sie aber noch mit ihrem jungen Liebhaber. «Schick mir das Drehbuch», verabschiedet sie sich von einem Italiener. So ist das, in Venedig.
(Der Bund)
Erstellt: 11.09.2009, 11:14 Uhr




