Brachial und sinnlich
Stürzt sich mit vollem Körpereinsatz in die Titelrolle: Ralph Fiennes (vorne) in «Coriolanus». (Bild: PD)
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Aus dem Weg, hier kommt die Armee! Sie wirken gut gelaunt, die deutschen Soldaten, die uns frühmorgens am Potsdamer Platz in geschlossener Formation entgegenmarschieren. Zum Gefecht sind die nicht unterwegs, denn Krieg wird hier zum Glück nur im Kino geführt. Da werden sie dann aber mit ganz schwerem Geschütz konfrontiert. Im alten Rom wird geballert, bis einem der Schädel brummt.
Der britische Schauspieler Ralph Fiennes hat sich für seinen ersten Film als Regisseur den «Coriolanus» vorgenommen, eine selten gespielte Tragödie von Shakespeare. Die Sprache hat Fiennes beibehalten, doch das antike Rom, in dem das Stück angesiedelt ist, hat er fest in einer Gegenwart verankert, wie sie uns täglich vom Fernsehen in die Stube geliefert wird. Da fahren Panzer durch brennende Strassen, die intriganten Senatoren tragen Anzug und Krawatte, und die Wut des hungernden Volkes erinnert an aktuelle Bilder aus den Nachrichten.
Kriegerisches Getümmel und grimmige Gesichter
Mitten in diesen politischen Wirren steht Ralph Fiennes als ebenso stolzer wie verbissener General Coriolanus. Der kehrt als Kriegsheld aus dem Feindesland zurück, aber die Gunst des Volkes verspielt er sich vor laufenden Kameras mit seinem soldatischen Starrsinn. Statt in der Politik landet der Krieger in der Verbannung, wo er sich seinen einstigen Feinden anschliesst und den Sturm auf Rom plant. Umstimmen lässt er sich erst in letzter Minute, als seine alte Mutter (Vanessa Redgrave) vor ihm auf die Knie geht. Die Wandlung vom Warlord zum Friedensbringer bezahlt er mit dem Tod.
In diesem «Coriolanus» wird deklamiert und geballert, die Kamera stürzt sich hinein ins kriegerische Getümmel und rückt dann wieder die grimmigen Gesichter ganz gross ins Bild. Fiennes hat den martialischen Stoff mit grossem Respekt vor der Sprache, aber im brachialen Stil eines Dokudramas ins Kino geholt. Er selbst stürzt sich mit vollem Körpereinsatz in die Titelrolle. Die politische Parabel jedoch, die ihm womöglich auch vorschwebte, bleibt auf der Strecke. Und der Wettbewerb von Berlin schleppt sich damit weiter durch bleiernes Mittelmass.
Ein Denkmal für Pina Bausch
Was aber ist los, wenn die Bundeskanzlerin und Wim Wenders gleichermassen lächerlich wirken? Dann ist 3-D-Tag an der Berlinale, und Angela Merkel sitzt neben dem Regisseur in der Premiere, beide mit diesen doofen Brillen auf der Nase. Gesehen haben sie am Sonntag den schönen neuen Film von Wim Wenders, eine Hommage an die Choreografin Pina Bausch (1940–2009) und der erste 3-D-Film für ein Kunstpublikum. Also Brille auf, und auf der flachen Leinwand erstreckte sich eine Tanzbühne in die Tiefe des Raumes. Einen Moment lang dachte man: was für ein Unsinn! Wenn der 3-D-Effekt auf der Leinwand eine räumliche Illusion erzeugt, als wären wir im Theater, wozu sollen wir überhaupt ins Kino? Dann setzte Strawinskys «Sacre du printemps» ein, und nach wenigen Takten war jeder Einwand vergessen.
Wenders schöpft die Möglichkeiten des 3-D-Kinos aus, ohne den Effekt zu strapazieren. So wird «Pina» zu einem filmischen Denkmal für eine Künstlerin, wie man sich das sinnlicher und plastischer nicht hätte wünschen können. Hintergründe, auch zur Arbeitsweise von Pina Bausch, sucht man in diesem Film vergebens. «Pina» ist eine Hommage, die sich ganz in das Werk der Choreografin vertieft und in ihre unbedingte Grammatik der Körper. «Tanzen, tanzen, sonst sind wir verloren!» Mit diesem Satz von Pina Bausch entlässt uns Wenders am Ende wieder in die wirkliche Welt, und die wirkt danach unweigerlich ganz flach. Mag sein, dass Wim Wenders nur noch Spielfilme zum Vergessen dreht, aber seine Dokumentarfilme, die bleiben.
Betörende Bilder aus Zürich
Zum Zauber des Kinos gehört auch, dass die wirklichen Distanzen manchmal unverhofft implodieren. Da fährt man also vom Potsdamer Platz zum Bahnhof Zoo, spaziert dort ein paar Schritte weiter zum alten Delphi Filmpalast – und landet im Kino gewissermassen vor der eigenen Haustür, mit Blick auf den Bahnhof Hardbrücke. Es ist die Aussicht aus dem Atelier von Thomas Imbach, der im Forum der Berlinale gestern die Premiere seines neuen Films «Day Is Done» feierte. Das ist ein filmisches Tagebuch, das vom Vergehen der Zeit erzählt und in betörenden Bildern einfängt, was der Blick aus dem Fenster über dem Güterbahnhof hergibt: den Himmel über Zürich, die alltäglichen kleinen Rituale draussen, ein nächtliches Inferno im Hof oder auch einmal ein stummes Drama mit Blaulicht, aus jugendlichem Leichtsinn geboren.
Dazu öffnet Imbach eine Schleuse ins Private, indem er über diesen Impressionen alte Nachrichten von seinem Anrufbeantworter einspielt. Wir hören von Beziehungen, die in die Brüche gehen, wir hören den Vater, bis er krank wird – und irgendwann ruft er nicht mehr an, weil er gestorben ist. Zwischenzeitlich schält sich das Porträt des Künstlers als abwesender Vater heraus, wenn die Mutter des gemeinsamen Sohnes immer ultimativer auf die Erfüllung seiner elterlichen Pflichten pocht.
Aber solche Schonungslosigkeit mit sich selbst ist manchmal auch nur eine Form von Eitelkeit. Imbach, der Adressat, bleibt stumm, und im Bild ist er nur gelegentlich als Schemen zu erkennen. «Day Is Done» zeigt, dass man auch als grosser Abwesender einen sehr narzisstischen Film machen kann: Manchmal entdeckt Imbach die Welt beim Blick aus dem Fenster – oft aber ist es bloss die Spiegelung des eigenen Egos.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.02.2011, 20:55 Uhr
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