Kultur
Borat mit Bart
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 12.05.2012 14 Kommentare
Der Trailer zum Film «The Dictator»: (Quelle: Youtube)
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Seine Vorbilder sind Saddam Hussein, Dick Cheney und Kim Jong-il, dem der Film in glühender Zuneigung gewidmet ist. Er hat gerne grosse, spitzige Raketen, weil die länger aussehen als kleine runde. Er bestellt sich abends Schauspielerinnen und Models ans Bett, die er dann an Silvio Berlusconi weiterreicht. Er lässt alle hinrichten, die gescheiter sind als er, ihm widersprechen oder irgendetwas besser können, zum Beispiel rennen. Er ist von sich als Herrscher dermassen angetan, dass er Hunderte Wörter in seinen eigenen Namen umgetauft hat, weshalb zum Beispiel «gut» und «schlecht», «positiv» und «negativ» unterschiedslos «aladeen» heissen. Was allgemein für Verwirrung und in Aidskliniken für Anspannung sorgt.
Jedenfalls hat es General Aladeen weit gebracht. Nicht nur an die Spitze von Wadiya, seinem geliebten Wüstenstaat, dessen Angehörige sich nach der Unterdrückung sehnen. Sondern bis nach Amerika, «das eure Neger gebaut haben und jetzt den Chinesen gehört». Um eine Invasion abzuwenden, will Aladeen an der UNO eine diktatoriale Rede halten. Stattdessen erklärt er den Amerikanern mit der ihm eigenen, feurigen Begeisterung, warum die Diktatur so viel mehr bringt als die Demokratie. «Man kann Telefone abhören, Gefangene foltern, Wahlen fälschen, mit Lügen in den Krieg ziehen, die Gefängnisse mit einer einzigen Rasse füllen und die Krankenversorgung der Armen ignorieren.»
Gemeinsein als Filmgattung
Komiker sind gemein. Gute Komiker sind gerne gemein. Grosse Komiker sind gemein gegen alle. Und da ist noch Sacha Baron Cohen. Der hat das Gemeinsein zu einer eigenen Filmgattung erhoben. Mit Borat schuf er einen kasachischen Irren im Polyesteranzug, der seinen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und alle anderen Varianten der Entwürdigung nach Amerika trug. Das Schlimmste an seinem Dokumentarfilm, bei dem alles echt war ausser seiner Titelfigur, waren die Reaktionen auf diesen Borat: Zustimmung zu allem Wüsten.
Nach Borat kam Brüno, der schwule Nazi, aber der war schon weniger lustig. Das scheint auch Baron Cohen gemerkt zu haben. Weshalb er sich diesmal auf die konventionellere Form des Spielfilms beschränkt. «The Dictator», wie die ersten beiden Filme unter der Regie Larry Charles’, ist als schnelle, groteske, an amerikanischen Vorbildern inspirierte Verwechslungskomödie aufgezogen. Ein fröhlicher Despot wird auf dem Weg zur UNO von einem Double abgedrängt, findet sich ohne Bart und Geld auf der Strasse wieder und kommt ausgerechnet in einem Umweltladen unter, wo er ein Terrorregime installiert.
Es ist ausserordentlich schwer, eine Komödie als unablässig explodierende Abfolge von Pointen, Gags, Wortspielen und Doppeldeutigkeiten zu inszenieren, ohne dass der Lacher ermüdet oder der Film abschmiert ins Schrille, ins Geschmacklose, ins bodenlos Blöde. Das alles bietet Baron Cohen selbstverständlich auch. Aber erstens brilliert der Mann auf jedem humoristischen Niveau, weil er zweitens vor nichts Respekt hat.
Zum Schreien lustige Folter
Auf das Obszöne folgt bei ihm das Hintersinnige und auf den Wortwitz der Slapstick. Noch nie hat man über 9/11 so hoffnungslos lachen müssen, für völlig undenkbar hielt man eine lustige Folterszene, und keinesfalls war man auf eine Klage wie «Sie haben mich auf höchst unprofessionelle Weise vergewaltigt» auch nur ansatzweise vorbereitet.
«The Dictator» verweist im Titel auf Chaplin und lässt sich auch im Spiel der Verwechslungen vom «Grossen Diktator» inspirieren. Allerdings bleibt Baron Cohens Film frei von Sentimentalität, Subtilitäten und Moral, und auch Poesie ist keine zu haben. Im Unterschied zu «Borat» geht es ihm nicht mehr nur darum, drastische Lektionen in Bigotterie zu erteilen. Er möchte darüber hinaus auf so respektlose Weise wie möglich so lustig sein wie physisch gerade noch ertragbar. Sein Diktator sorgt für beides.
The Dictator (USA 2012). 83 Minuten. Regie: Larry Charles. Mit Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, John C. Reilly, Megan Fox u.a.
Ab 17. Mai im Kino. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2012, 08:58 Uhr
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14 Kommentare
Ein Film frei von Moral und anscheinden brilliant, weil er vor nichts Respekt hat. Leider lebe ich täglich in einer Welt, welche kaum noch Moral und Respekt hat. Was daran brilliant sein soll, erschliesst sich meiner leider nicht. Antworten
Cohen könnte ja mal wieder auf seines Gleichen draufdreschen. Da gäb es einigen Stoff. Netanyahu, der seinen Staat zum unbeliebtesten Land in der Weltgemeinschaft katapultierte, Orthodoxe, die getrennte Busse für Männer und Frauen fordern, Gefängnisse, die mit Jugendlichen gefüllt sind, eingemauerte Landesgrenzen. Da gäbe es viel an Humor zu ernten, so dass einem das Lachen richtig stecken bliebe. Antworten

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