Böser schwuler Mann

Amerika ist ihm nicht genug: In seinem neuen Streich «Brüno» hat es Sacha Baron Cohen auf die globale Celebrity-Kultur abgesehen. Grausam komisch.

Er löst zuweilen Wut und blankes Entsetzen aus: Brüno aus Österreich. (Frank Ockenfels/zvg)

Er löst zuweilen Wut und blankes Entsetzen aus: Brüno aus Österreich. (Frank Ockenfels/zvg)

Der Showdown ist grandios. Da steigt der britische Extremkomiker Sacha Baron Cohen irgendwo in Arkansas vor einer aufgepeitschten Menge in den vergitterten Ring. Er trägt Schnauz und Rockerkluft, führt sich auf wie ein testosterongesteuerter Gladiator, heizt die Halle mit homophoben Tiraden auf. Dann prügelt er auf seinen schwulen Gehilfen Lutz (Gustaf Hammarstan) ein, das Publikum feuert ihn an – und reagiert entgeistert, als sich die Hiebe in Liebe verwandeln. Der Nahkampf zwischen den beiden Männern wird zum Ballett der sexuellen Begierde. Der Gitterkäfig dient jetzt zum Schutz vor der aufgebrachten Menge, in den Gesichtern sieht man Wut und blankes Entsetzen, manche weinen. Der schwule Mann hat ihre Arena entweiht.

Noch grellere Outfits

Einen ähnlichen Volksaufstand haben wir schon in «Borat» gesehen, wo Sacha Baron Cohen als kasachischer Reporter bei einem Rodeo erst den kriegsgeilen Patriotismus amerikanischer Rednecks kitzelte, um danach ihren geballten Zorn auf sich zu ziehen. Die Episode zeigte die Borat-Methode in Reinkultur: Als falscher Kasache operierte Baron Cohen wie ein hinterlistiger Vorbeter, der den Leuten so lange so treuherzig ihre eigene Intoleranz aufsagte, bis sie sich selbst nicht mehr geheuer waren oder aber alle ihre Hemmungen vergassen. Der sagenhaft erfolgreiche «Borat» war darum nicht einfach eine besonders respektlose Komödie mit den dokumentarischen Mitteln eines Michael Moore. Der Film war eine ethnografische Feldforschung zum Zustand von Amerika unter Bush, unter vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf Verluste.

Jetzt macht sich Sacha Baron Cohen daran, latente und offene Schwulenhasser aus der Reserve zu locken. Seine Methode ist weitgehend dieselbe geblieben, und trotzdem hat man bei «Brüno» keinen Moment lang den Eindruck, als würden hier die alten Streiche nochmals neu aufgewärmt. Als schwuler österreichischer Modereporter Brüno hat Baron Cohen nicht nur den Schnauz des Kasachen abgelegt und sich in noch grellere Outfits gestürzt – er hat auch den Aktionsradius seiner verdeckten Ermittlungen weiter gesteckt als in «Borat». Amerika ist ihm nicht genug: Jetzt hat er es auf die globale Celebrity-Kultur abgesehen.

Punktgenau grenzwertig

Das beginnt als Modesatire nach dem bewährten Schnittmuster, das Baron Cohen schon als Ali G pflegte: Ein ahnungsloser Modedesigner lässt sich vom falschen TV-Reporter Brüno zu einem Strip bis aufs Schamhaar hinreissen, ein Model philosophiert vor der Kamera über die hohe Kunst, auf dem Catwalk ein Bein vors andere zu setzen. Es folgt eine wahnwitzige Sequenz mit den ausgefallensten Sexpraktiken, die man jemals in einem Multiplexkino gesehen hat – doch nach einem desaströsen Auftritt an der Fashion Week in Mailand bremst Baron Cohen seinen Helden abrupt aus. Brüno wird als Moderator der Sendung «Funkyzeit» abgesetzt und landet auf der Strasse. Was jetzt? Klar, Brüno muss berühmt werden, und zwar sofort.

Diese Mission sorgt im Film für den notdürftigen dramaturgischen Faden – und liefert viele der bösesten Pointen. Als er in Hollywood abblitzt, sucht Brüno andere Weg zum Ruhm (oder was im Zeitalter von Youtube dafür gehalten wird). Er will ein Sexvideo mit einem Politiker drehen und lockt dafür den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Ron Paul ins Separee. Er lässt sich von zwei geografisch minderbegabten PR-Schwestern über jene Elendsflecken unserer Welt beraten, die nicht schon von Stars wie George Clooney humanitär gepachtet wurden. Er versucht, den Konflikt im Nahen Osten mit einem absurden Friedensgespräch über den Unterschied zwischen Humus und Hamas zu lösen. Als alles nichts hilft, sucht er einen Terroristen auf, der ihn zum Star des schärfsten Geiselvideos aller Zeiten machen soll. Es ist alles sehr grenzwertig – und dabei punktgenau auf unsere mediale Gegenwart gezielt. Als Brüno begreift, dass man als Hetero wohl leichter zum Star wird, lässt er sich von einem christlichen Schwulenheiler beraten.

Sacha Baron Cohen hat eigentlich nur ein Problem in «Brüno», und das darf man dem Film nicht als Schwäche anlasten: Nach «Borat» gibt es fast nichts mehr, womit uns dieser furchtlose Sonderermittler noch überraschen könnte. Erstaunlich genug, dass Baron Cohen nach dem Welterfolg mit «Borat» überhaupt noch ahnungslose Mitspieler vor seine Kamera kriegt. Harrison Ford hat einen Auftritt im wohl kürzesten Interview aller Zeiten, ansonsten kommt Brüno allenfalls an C-Promis wie das einstige Popsternchen Paula Abdul heran. Weil kein Sessel da ist, offeriert ihr Brüno ein paar mexikanische Gastarbeiter, die auf allen Vieren ihren Rücken als Sitzfläche darbieten. Paula Abdul, aus der Jury von «American Idol» bestens vertraut mit beiläufigen Grausamkeiten vor der Kamera, setzt sich anstandslos auf einen der Mexikaner – und plaudert dann ungerührt über ihr humanitäres Engagement.

Mag sein, dass sich Sacha Baron Cohen öfter allzu billige Opfer aussucht. Moralische Entrüstung wäre dennoch verfehlt. Es ist nicht Brüno, der die Menschen vor der Kamera um ihre Würde bringt; wenn schon, besorgen sie das selber. Brüno, dieser obszöne Paradiesvogel der Celebrity-Kultur, setzt lediglich die herrschenden Maximen des Unterhaltungsfernsehens um und treibt sie auf die Spitze. Wenn er sein schwarzes Adoptivbaby in einer Talkshow vorführt und dabei die homophoben Reflexe des vornehmlich schwarzen Studiopublikums weckt, so wirkt diese Szene gar nicht so überspannt, weil wir sie so ähnlich jeden Tag im Privatfernsehen konsumieren könnten. Einer wie Brüno würde da nicht besonders auffallen.

Grosser romantischer Moment

Nur ganz am Ende, als doch eine Reihe von echten Stars auftreten, schlägt sich Baron Cohen weit unter Wert. Da nimmt Brüno mit Bono, Sting und Elton John einen dieser zuckrigen Wohltätigkeitssongs auf, und das ist dann leider nur eine furchtbar altbackene Benefizparodie. Die britische Band Pulp hat das schon lustiger gemacht in ihrem Musikvideo zu «Bad Cover Version». Bis dahin ist «Brüno» aber ein so rasend komischer Parcours, dass man beim ersten Mal gar nicht alle kleinen Bosheiten richtig mitbekommt. Allein schon das grotesk falsche Deutsch, das sich Sacha Baron Cohen hier ausgedacht hat: Seinen falschen Österreicher lässt er in einer oft grausam doppelbödigen Kunstsprache reden. (Wenn Brüno «Arschspalt» meint, klingt das wie «Auschwitz».)

Klar, grosses Kino ist das nicht. Aber es gibt in diesem Film einen Blowjob, der in die Galerie der lustigsten Momente der Filmgeschichte gehört, gleich neben Meg Ryans gespieltem Orgasmus in «When Harry Met Sally». Und nicht zu vergessen dieser grosse romantische Moment zwischen Brüno und seinem Lutz. Ein schwules Happyend in einem Blockbuster für die Multiplexkinos: So gesehen sind wir mit «Brüno» schon ein gutes Stück weiter als noch in «Brokeback Mountain». (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2009, 10:31 Uhr

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