Aussichtsreiche Berner in Solothurn

Die Berner Filmer sind an den Solothurner Filmtagen, die vom 20. bis 27. Januar stattfinden, prominent präsent. Christian Iseli und Gabriele Schärer zeigen neue Dokufilme, Christine Repond ihren Spielfilm-Erstling «Silberwald».

In der Welt der Erinnerungen: «Das Album meiner Mutter» von Christian Iseli. (zvg)

In der Welt der Erinnerungen: «Das Album meiner Mutter» von Christian Iseli. (zvg)

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«Silberwald»: Der Titel klingt märchenhaft, die Story aber ist es ganz und gar nicht. In winterstarren, kalten Bildern erzählt Christine Repond die Geschichte einer Verführung durch das Böse und lässt zugleich die Möglichkeit einer Läuterung offen. In einem Wald im Emmental stossen der 15-jährige Sascha und seine beiden Töfflifreunde auf eine Hütte, in der Neonazis ihre Partys feiern. Das Licht zieht die drei magisch an. «Das Böse muss sich nicht unbedingt als Satan oder Diabolos zeigen. Es kann auch in Gestalt von Luzifer erscheinen, als Licht in der Dunkelheit», sagt Christine Repond.

Mit ihrem Spielfilm-Erstling kehrt die Berner Filmerin in die Welt ihrer eigenen Jugend zurück. Die 29-Jährige ist in Münsingen als Tochter eines Arztes aufgewachsen. Nach Filmkursen an den Schulen für Gestaltung in Bern und Basel und einem Stage als Videojournalistin bei TeleBärn zog sie 2004 nach München, wo sie seither auch lebt, um an der privaten Medien-Akademie Macromedia Film zu studieren. «Die Verlockungen der Landschaft, die Enge des Dorfs, die dumpfe Verlorenheit, das habe ich selber alles erlebt», sagt sie. Repond verliess sich aber nicht bloss auf ihre Erfahrungen. Sie recherchierte auch in Berufsfachschulen im Emmental, führte Gespräche mit rund 70 Jugendlichen über Themen wie Erwachsenwerden, Sehnsüchte, ihren Alltag – und ihre Haltung gegenüber Fremden. «Da traten Dinge zutage, die mich schockiert haben.» Obschon viele noch gar nie mit Ausländern in Kontakt gekommen seien, hätten sie schon eine negative Haltung: «Sie haben die Vorurteile zum Teil unkritisch von Eltern oder Grosseltern übernommen oder liessen sich durch die aktuellen Hetzkampagnen der SVP manipulieren.»

Es ist kein freundliches Bild, das Repond vom Emmental zeichnet, im Schweizer Film sonst jene Rückzugsidylle, wo die Herbstzeitlosen blühen. «Die Neonazis sind ein Thema in der Gegend um Konolfingen, wo wir gedreht haben», sagt sie. Nicht erstaunlich, dass die Produktionsfirma Dschoint Ventschr während des siebenwöchigen Drehs (Budget: 1,2 Millionen Franken) die politische Seite der Story nicht herausstrich. Repond will ihrerseits den Film nicht auf das Thema Rechtsextremismus reduzieren: «Sascha fühlt sich von den Glatzen ja nicht aus politischen Gründen angezogen.» Sie sieht «Silberwald» vor allem als die Geschichte eines Suchenden – und ein Suchender ist in gewissem Sinne nun auch ihr Film: Am 19. Januar erlebt er seine Uraufführung am Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, zwei Tage später folgt die Schweizer Premiere in Solothurn. Dann wird Christine Repond abschätzen können, ob er auch sein Publikum findet.

Erinnerungen und Erzählungen

Wie verlässlich sind Erinnerungen? Wann und wie werden sie zu Erzählungen? Wie weit entfernen sich diese von der Realität? Die Fragen zum Wesen der Erinnerung sind die bewegende Kraft hinter Christian Iselis essayistischem Dokumentarfilm «Das Album meiner Mutter». Iseli, Jahrgang 1957, Regisseur von Filmen wie «Der Stand der Bauern» (1995) oder «Le terroriste Suisse» (1988), taucht ausgehend von Fotografien in das Leben seiner Mutter und die Welt seiner nicht immer sehr verlässlichen Erinnerungen ein. Auslöser ist der Tod des Vaters: «Plötzlich war der ganze Schatz an Erinnerungen weg und ich konnte nicht mehr nachfragen», erzählt er im Film. Iseli griff deshalb zur Digitalkamera, zeichnete auf, was die Mutter ihm erzählte, protokollierte akribisch ihre Erzählungen und setzte diese Arbeit fort bis zu ihrem Tod 2008. Zu seiner eigenen Überraschung stiess Iseli dabei auf ein Geheimnis, das seine Mutter ohne die Fragen des Sohnes wohl mit ins Grab genommen hätte.

Anfangs dachte Iseli nicht an einen Kinofilm. «Das war zuerst ein persönliches Projekt zwischen mir und meiner Mutter», sagt er. Bald aber gewann das Unternehmen an Tiefe, weitete sich aus zur Geschichte einer Familie, in der sich Schweizer Sozial- und Mentalitätsgeschichte spiegelt. «In der singulären Geschichte meiner Eltern zeigt sich diejenige der Aktivdienstgeneration, das ist universell und deshalb Stoff für einen Film», sagt Iseli. Universell sind auch die Fragen nach der Erinnerung, die er aufwirft, und danach, wie man als Sohn oder Tochter umgeht mit der Endlichkeit der Eltern.

Freundschaft und Vertrauen

Erinnerungen weckt auch Gabriele Schärers «Moi c’est moi» – Erinnerungen an einen Film, der letztes Jahr in Solothurn für Furore sorgte. Wie Bruno Molls «Pizza Bethlehem» spielt auch Schärers Film im Westen Berns zwischen Gäbelbach und Tscharnergut. Und auch in ihrem Dokufilm (Kinostart in Bern am 24. Februar) stehen junge Menschen und ihre Träume im Zentrum. Zum Beispiel Rushit und seine Freunde von der Rapband Blockjunge.Strasse für Strasse wollen diese mit ihren Auftritten zuerst das Quartier erobern, dann die Stadt, schliesslich die Charts. Einen Popularitätsschub erhoffen sie sich auch vom Jugendtheater von Christoph Hebing. Der Regisseur erarbeitete 2008 mit Jugendlichen aus dem Quartier eine Hip-Hop-Fassung von «Antigone». Dieses Projekt war für Schärer der Ausgangspunkt. Mehr als die Erarbeitung des Stücks interessieren sie die pädagogischen und sozialen Aspekte der Theaterarbeit, ins Zentrum aber rückt sie die jungen Menschen. «Die Proben für das Berner Hip-Hop-Musical gaben mir die Möglichkeit, die Jugendlichen auch in schwierigen und sehr fragilen Momenten zu porträtieren», sagt sie. Jugendliche wie zum Beispiel auch die damals 18-jährige Natalia aus Kirgistan, eine Frau, welche die Bühne benutzen will, um möglichst gross herauszukommen, nach Konflikten dann aber aus dem Theaterprojekt aussteigt.

Für Schärer («Sottosopra», 2001) ist «Moi c’est moi» in erster Linie ein Film über Vertrauen und Freundschaft. Dabei stehen Rushit und seine Freunde in Kontrast zu Natalia, die ihren Weg ganz alleine gehen will. «Mich hat besonders berührt, wie die Rapper sich gegenseitig Vertrauen geben», sagt Schärer. «Damit setzen sie ein Beispiel, das über ihr individuelles Leben hinausweist.» (Der Bund)

(Erstellt: 16.01.2011, 11:20 Uhr)

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