Kultur

Als ein Mann für die Nazis als Frau antreten musste

Der Film, der dieser Tage in Berlin Premiere hatte, beruht auf eine wahre Begebenheit und könnte von der Thematik her nicht aktueller sein. Ein Mann, der sich als Frau ausgab, verdrängte eine Jüdin aus dem deutschen Kader.

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Gretel Bergmann (Karoline Herfurth) und ihre Konkurrentin Marie Ketteler (Sebastian Urzendowsky), die eigentlich ein Mann ist, am Vorabend des Hochsprungwettbewerbes im Berliner Olympiastadion.
Bild: X Verleih AG

   
Als Frau gestartet: Horst Ratjen.

Als Frau gestartet: Horst Ratjen.

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Der Film

Der Kinostart von «Berlin 36» in der Schweiz ist noch nicht bekannt. In Deutschland kommt der Film am 10. September in die Kinos.

Die bewegende Premiere des Film «Berlin 36» erlebte Gretel Bergmann nur aus grosser Entfernung. Die gebürtige Deutsche ist heute 95 Jahre alt, und vor allem wollte sie ihrem drei Jahre älteren Mann die anstrengende Reise von New York nach Deutschland nicht zumuten. In der wahren Geschichte des Films steht Bergmann, die von Karoline Herfurth gespielt wird, indes im Mittelpunkt.

Als 19-Jährige wurde die talentierte Hochspringerin aus dem Ulmer Fussballverein, wo sie drei Jahre Leichtathletik trainiert hatte, ausgeschlossen. Als Jüdin sei sie nicht mehr erwünscht. Sie durfte als jüdische Sportlerin in keinem Verein mehr Mitglied sein, auf keinem Platz mehr trainieren. Bergmann emigrierte nach England, wurde 1934 britische Meisterin im Hochsprung.

Das politische Schachspiel von Hitler

Unter den Zuschauern war auch ihr Vater. Doch war dieser nicht zur Unterstützung der Tochter nach England gereist, sondern hatte er den Auftrag der Nazis, Gretel Bergmann nach Deutschland zurückzubringen. Andernfalls drohten schreckliche Konsequenzen. Es war der erste Zug in Hitlers politischem Schachspiel mit Bergmann.

1936 fanden die Olympischen Spiele in Nazideutschland statt; die gigantische Propagandaorgel drehte schon früh und schreckte die anderen Nationen zumindest ansatzweise auf. Die USA drohten mit einem Boykott, falls sich in Deutschlands Olympiakader tatsächlich keine Juden befinden würden. Bergmann fungierte für den Führer also als «Alibijüdin».

Ein Stehplatzticket als Trost

Bergmann war vor den Olympischen Spielen in bestechender Form, stellte mit 1,60 m einen Landesrekord auf. Doch schon damals war es Bergmann mulmig zumute: «Ich hatte das unheimliche Gefühl, die Hauptfigur in einem Krimi zu sein, bei dem Autor den Ausgang erst in der letzten Sekunde verraten würde», schrieb sie in ihrer Autobiographie.

In der Tat beschied ihr das Selektionskomitee kurz vor den Spielen, dass sie, obwohl sie eben die deutsche Elite besiegt hatte, wegen ungenügender Leistungen nicht für die Olympia berücksichtigt werde. Als Entschädigung wurde ihr ein Stehplatzticket für Leichtathletik-Wettkämpfe in Aussicht gestellt.

Mit der Badehose geduscht

Hintergrund für die plötzliche Wende war die Ankunft der Amerikaner. Diese würden, so das Kalkül der Deutschen, nicht mehr abreisen. Die Nazis konnten so vermeiden, dass eine Jüdin gewinnt. «Ich hätte dann Adolf Hitler vor den Augen der ganzen Welt zum Lügner gestempelt», war sich Bergmann durchaus bewusst.

Ihr vorgezogen wurde Dora Ratjen, die im Film Marie Ketteler (gespielt von Sebastian Urzendowsky) heisst. Die vier Jahre jüngere Athletin wurde bei den Olympischen Spielen Vierte. Doch schon früh hegten die Konkurrentinnen Verdacht. Als Bergmann ein Zimmer mit ihr teilte, fiel ihr auf, dass Ratjen beim gemeinschaftlichen Duschen eine Badehose trug und in eine nebenan befindliche Kabine mit Badewanne schlich.

Ratjen holte 1938 mit Weltrekord in Wien den EM-Titel. Auf der Rückreise stellte ein Magdeburger Polizeiarzt fest, dass Ratjen männliche Genitalien hatte, die er sich während des Wettkampfs nach oben band. Dora Ratjen, die eigentlich Horst hiess, wurden Rekord und Titel aberkannt.

Tränen am Handy

Mit Hilfe eines Jugendfreundes ihres Vaters gelang es ihr, sich im Mai 1937 nach Amerika einzuschiffen. Mehr als 4 Dollar (10 Reichsmark) und ihre Kleidung durfte sie nicht mitnehmen. Sie fuhr zu ihrem grossen Bruder nach New York, die Eltern und der kleine Bruder blieben zurück: der Vater war Fabrikant und durfte nicht ausreisen – die Nazis brauchten seine Geschäftskontakte ins Ausland. Gretel Bergmann schwor, nie wieder deutschen Boden zu betreten.

Nach der Premiere am Donnerstagabend griff Produzent Gerhard Schmidt zum Telefon und rief vor der Leinwand Bergmann in New York an. Bewegt von dieser Geste spendet das Publikum tosenden Applaus. «Gretel weint in New York vor Freude», sagt Schmidt und hält zum Beweis sein aufgeklapptes Handy in die Höhe.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.08.2009, 16:30 Uhr

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