Allseitig abgesicherte Magie

Von Andreas Berger. Aktualisiert am 13.07.2009

«Harry Potter and the Half-Blood Prince» um den berühmtesten Lehrling der Zauberschule Hogwarts ist besser als der Serienvorgänger. Er lässt die Magie und den Zauber des Buches von Joanne K. Rowling aber nur erahnen.

Auf dem Weg zu einem gefährlichen Abenteuer in einer verwunschenen Höhle: Daniel Radcliffe als Harry Potter und Michael Gambon als Schulleiter Albus Dumbledore. (Warner Bros.)

Auf dem Weg zu einem gefährlichen Abenteuer in einer verwunschenen Höhle: Daniel Radcliffe als Harry Potter und Michael Gambon als Schulleiter Albus Dumbledore. (Warner Bros.)

Die Kellnerin wartet vergeblich. «Eigentlich ein Trottel.» So hat kurz zuvor der schüchterne junge Mann mit Brille ihre Frage, wer eigentlich Harry Potter sei, beantwortet. Die schöne Frau, die in einem Lokal neben einer Londoner U-Bahn-Station tätig ist, weiss nicht, dass ihr Gesprächspartner der berühmteste Schüler der Zauberschule Hogwarts ist. Arglos hat sie mit ihm ein «date» nach ihrem Arbeitsschluss abgemacht. Doch das von beiden erhoffte Rendezvous findet nicht statt. Kurz vor elf Uhr taucht neben den Bahngeleisen Albus Dumbledore auf. Und just in dem Moment, als die Kellnerin das Lokal verlässt, verschwindet Harry Potter mit seinem Schulleiter ins Zauberland.

Zusammen mit der spektakulär aufgemachten Zerstörung von Londons Milleniumbrücke durch die sogenannten «death eater» eröffnet diese Szene den Film «Harry Potter and the Half-Blood Prince». Zweierlei macht die Ouvertüre klar: Regisseur David Yates und sein Drehbuchautor Steve Kloves halten sich nicht immer sklavisch an die literarische Vorlage – die hübsche Episode um die Kellnerin etwa kommt im Buch von Joanne K. Rowling nicht vor. Und: Vertrautheit mit der bisherigen Entwicklung von Harry Potter und seinem Gegenspieler Voldemort wird vorausgesetzt. Wer die vorangegangenen fünf Romane und Verfilmungen nicht kennt, versteht nur Bahnhof.

Vorbereitung aufs Finale

Rowlings sechster Potter-Roman hat nicht den Drive der Bände vier und fünf, er ist eher eine Vorbereitung auf den Showdown im siebten und letzten Buch. Immerhin gibt es drei solide Spannungsbögen. Der erste dreht sich um ein Lehrbuch, in dem sich persönliche Anmerkungen des titelgebenden Halbblutprinzen finden, im zweiten geht es um die Machenschaften von Harrys Mitschüler Draco Malfoy, von dem man schon lange ahnte, dass er ein Maulwurf im Dienst Voldemorts ist, und der dritte und gewichtigste Strang handelt vom neuen Hogwartslehrer Horace Slughorn und dessen Gedächtnis. Durch Zauberkraft lassen sich Erinnerungen in der Welt von Harry Potter materialisieren und im Denkarium des Schulleiters Dumbledore anderen Menschen zugänglich machen; dabei stellt sich für Harry und Dumbledore das Problem, dass Slughorn als einstiger Lehrer Voldemorts sich weigert, die Erinnerung an ein für ihn peinliches Ereignis herauszurücken.

Das Kreuz mit dem Horkrux

In der filmischen Umsetzung spielt das Buch des Halbblutprinzen nur eine marginale Rolle. Stark vereinfacht wird Harrys Weg in die Vergangenheit des Bösewichts und dessen Lehrer; wo Rowling ausführlich Elternhaus, Kindheit und Werdegang von Tom Riddle alias Voldemort beschreibt, begnügt sich Yates’ Inszenierung mit ein paar wenig aussagekräftigen Rückblenden.

Hier wie auch anderswo drückt der Faktor Zeit auf den Spannungspegel. Am deutlichsten zeigt sich das in der Szene um den Ausflug von Harry und Dumbledore in eine Höhle. «Hier herrscht Magie», sagt im Buch der Schulleiter zu Beginn dieser Szene, in der Rowling über viele Seiten hinweg packend beschreibt, wie Dumbledore und Harry in den Besitz eines Horkrux zu gelangen versuchen und sich dabei mit vielen Gefahren konfrontiert sehen. «Hier herrscht Magie», sagt Dumbledore zwar auch im Film, doch aus Gründen der Erzählökonomie müssen viele spannungsfördernde Details weggelassen werden – mit dem Resultat, dass die verkürzt geschilderten Geschehnisse ohne grosses Mitfiebern des Publikums vorbeirauschen.

Der Tanz der Hormone

Filmisch geschickter ist dagegen die Gestaltung der Malfoy-Geschichte. Regisseur Yates und sein Drehbuchautor halten sich dabei an eine alte Regel von Thrillermeister Alfred Hitchcock, wonach es der Spannung nicht schadet, wenn das Publikum dem Helden einen Schritt voraus ist. Anders als im Buch, wo Harry und die Lesegemeinde bis kurz vor Schluss nicht wissen, was im Raum der Wünsche ausgeheckt wird, zeigt der Film, was Malfoy in besagtem Raum unternimmt, um den Angriff der Schergen Voldemorts auf die Zauberschule zu ermöglichen.

Spassiger als in der Vorlage ist der Tanz der Hormone – unabhängig von allen inszenatorischen Grenzen und dramaturgischen Verflachungen profitieren die Harry-Potter-Filme davon, dass Daniel Radcliffe (Harry), Emma Watson (Hermine), Rupert Grint (Ron) und die anderen Darstellerinnen und Darsteller wie die Figuren in den Büchern in jeder Geschichte ein Jahr älter werden, so dass ihre Adoleszenz seit 2001 quasi live übertragen wird. «Du musst dich rasieren», sagt Dumbledore zu Harry, der sich schwer damit tut, seine Sympathien für Ginny Weasley offen zu zeigen, da er Streit mit deren Bruder Ron befürchtet. Ron Weasley seinerseits lässt sich auf eine heftige Affäre mit Lavender ein und treibt damit seine Verehrerin Hermine zur Weissglut. Seinen besten Moment hat er, wenn er sich an mit Liebestrank gefüllten Pralinen vergreift. Fast so spassig wie Scrat in den «Ice Age»-Komödien ist Evanna Lynch als Luna Lovegood. Sie trägt nicht nur ein schrilleres Outfit als ihre braven Mitschülerinnen, sondern ist auch immer für einen schrägen Spruch gut. Man wünschte ihr mehr Präsenz und würde es auch nicht ungern sehen, dass Harry sich in sie statt in die farblose Ginny verliebt.

Künstlerische Grenzen

Aber hier stösst das Team um David Yates an produktionsbedingte künstlerische Grenzen. Erstens wacht die Schriftstellerin Joanne K. Rowling mit Argusaugen darüber, dass ihre Geschichten nicht sinnentstellt auf die Leinwand kommen, und zweitens legen die Produzenten Wert darauf, den Stoff nach allen Seiten hin abzusichern, damit die Harry-Potter-Filme dem Familienpublikum in der ganzen Welt zugänglich sind. Rein handwerklich ist der sechste Potter-Film besser als der vorangegangene «Harry Potter and the Order of Phoenix» (2007), es gibt diesmal auch keine übertriebene Spezialeffektorgie am Ende der Geschichte. Die Magie der Vorlage aber erreicht der Film wie alle seine Vorgänger nur momentweise. Der wahre Zauber und die ganze Faszination der Harry-Potter-Geschichte(n) erschliesst sich nur jenen, die die Bücher lesen. (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2009, 11:17 Uhr

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