«Alles, was geschieht, hat einen Sinn»

Götz Spielmann ist ein Filmautor, der das grosse Ganze im Auge hat. Mit «Revanche» leuchtet er in die existenziellen Tiefen von Schuld, Rache und Vergebung.

Verstrickt in schuldhafte  Beziehungen: Johannes Krisch als Alex und Ursula Strauss als Susanne in «Revanche». (zvg)

Verstrickt in schuldhafte Beziehungen: Johannes Krisch als Alex und Ursula Strauss als Susanne in «Revanche». (zvg)

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«Bund»: Beim Titel «Revanche» denkt man an eine zweite Chance, die man in einem Spiel erhält, aber auch an Rache. Welche Bedeutung ist Ihnen lieber?

Götz Spielmann: Sicher die «spielerische». Den Titel habe ich aber gerade wegen seiner Doppeldeutigkeit gewählt, die passt ja gut zum Film. Ausserdem klingt das schön: Revanche. Auch wichtig.

Glauben Sie an eine zweite Chance?

Ich glaube an unendlich viele Chancen, nicht nur an eine zweite. Jeder Augenblick bietet die Möglichkeit zu einem neuen Beginn.

Im Zentrum von «Revanche» steht der Fehlschuss eines Polizisten, der zu einem tragischen Tod führt. Steht Zufall dahinter oder Schicksal?

Sind wir Teil des Räderwerks einer Maschine, oder hat das alles eine Fügung? Das ist eine sehr weitreichende Frage. Ich glaube, das kann man nur individuell beantworten, es gibt darin keine objektive Wahrheit. Ich persönlich glaube, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat. Was wir als Zufall bezeichnen, sind Ereignisse, deren Bedeutung wir noch nicht erfasst haben.

In Ihrem Film gibt es tatsächlich nichts Zufälliges: Seine Schönheit besteht gerade in der Perfektion seiner Konstruktion. Anders als im Leben macht in einem Kunstwerk alles Sinn.

Ich sehe zwischen Leben und Kunst keinen Widerspruch, sondern Analogien. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, fällt mir vieles zu. Ich schreibe nicht, wie ein Ingenieur eine Maschine entwirft, das ist vielmehr ein höchst lebendiger, geistiger und sinnlicher Prozess – ich möchte deshalb lieber von Komposition als von Konstruktion sprechen. Im Arbeitsprozess geschieht natürlich auch vieles, das ich verwerfe, weil es sich nicht einfügt. Sackgassen. Misslingen. Dennoch stellt sich im Rückblick oft heraus, dass das Verwerfen wichtig war für das Gelingen von etwas anderem. Ich sehe da viele Zusammenhänge.

«Revanche» stösst einen auf solche Fragen wegen seiner Konstruktion: Wie in Ihrem früheren Film «Antares» verbinden Sie wieder Figuren und Geschichten, die anfangs nichts miteinander zu tun haben. Woher kommt Ihre Vorliebe für diese komplexen Geflechte?

Vielleicht ist sie das Resultat meiner wachsenden Skepsis gegenüber dem individuellen Helden. Seine Zeit ist vorbei, glaube ich, er hat nicht mehr viel darüber zu sagen, was heutiges Leben ausmacht. Mich interessieren die Zusammenhänge, in denen man als Mensch steht, das grössere Ganze, dessen Teil man ist. Der Held ist ja nicht Teil von etwas, sondern steht für sich, der Welt gegenüber. Ich glaube aber nicht ans Individuum im Sinne einer abgeschlossenen Welt für sich, sondern an Zusammenhänge, an Beziehungen. Ich glaube, dass viele unserer Ängste, Konflikte und Probleme aus der Illusion von Individualität kommen.

Sehen Sie sich als Moralisten?

Nein, überhaupt nicht. Ich erzähle Geschichten und habe keine Moral zu verkünden.

Die Verbindung mehrerer Geschichten führt dazu, dass man als Zuschauer mehr weiss als die Figuren, die immer nur einen, ihren Ausschnitt der Welt wahrnehmen.

Das ist eine der zentralen Motivationen meiner Arbeit: Sichtbar zu machen, dass unser Zusammenhang sehr viel grösser und komplexer ist, als wir es wahrnehmen können. Wir beeinflussen die Welt viel mehr, als wir glauben, und wir sind in viel stärkerem Masse beeinflusst und Teil eines grösseren Ganzen, als wir wissen.

In «Revanche» deutet zunächst alles auf Rache hin, Sie aber erzählen davon, wie ein Mensch den Wunsch nach Vergeltung überwindet. Was haben Sie gegen Rachefilme?

Sie sind mir einfach zu platt. Es gibt einen wunderschönen Gedanken von Hannah Arendt – ich glaube in «Vita activa» –, der lautet: Wenn einem ein Unrecht geschieht, gibt es nur eine Möglichkeit, aktiv und autonom darauf zu reagieren: die Vergebung. Rache oder Vergeltung sind nicht autonom, denn sie sind eine Reaktion auf das Unrecht, also vom Täter bestimmt. In der Vergebung oder Versöhnung liegt also die grössere, die selbstbewusstere Kraft. Es ist ja auch schwieriger zu vergeben.

Kommen wir zu Banalerem wie den Oscars: «Revanche» war bei den fremdsprachigen Filmen nominiert. Was hat Ihnen dies gebracht?

Ich habe mir schon mit «Antares» international einen gewissen Status als Filmautor erarbeitet. Die Oscar-Nomination für «Revanche» hat das nun gefestigt und zugleich neue Türen geöffnet – mal schauen, was dahinter ist und ob ich in diese Räume will. Ich hatte sehr lange in meiner Arbeit das Gefühl, gegen den Wind arbeiten zu müssen, wenig verstanden, nicht ganz erkannt zu werden. Es ist angenehm, einmal auch Rückenwind zu spüren.

Wird Ihr nächster Film eine internationale Produktion sein?

Keine Ahnung. Ich habe weder Berührungsängste davor, noch ist mir das ein vorrangiges Ziel. Es kommt auf die Sache an, nicht in welcher Produktionsform man sie verwirklicht. Ich sehe mich nicht in erster Linie als österreichischen, sondern als Filmemacher in der Tradition des europäischen Autorenkinos. Ich habe erst seit Kurzem wieder Zeit, am Schreibtisch zu sitzen und an Ideen zu arbeiten.

Sie haben gesagt, Sie glaubten nicht an den Helden. Zugleich aber sind Sie ein Verfechter des Autorenkinos, Sie schreiben die Drehbücher, führen Regie, produzieren. Sind Autorenfilmer die letzten Helden?

Ja und nein. Nein, weil auch sie ihre Werke nicht allein schaffen. Ich bin in der Arbeit offen für Einflüsse, ich habe kreative Mitarbeiter und Schauspieler, auf meinen Sets geht es auch nicht hierarchisch zu. Ja, weil Filmautoren etwas Individuelles schaffen, das sich der Normierung und Vermassung entzieht. Das löst sich aber letztlich auch in etwas Grösserem auf. Erst wenn man tief ins Persönliche hinuntersteigt, kann man das Universale und Allgemeine fundamental erkennen. (Der Bund)

Erstellt: 22.07.2009, 08:48 Uhr

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