Kultur
Alice folgt noch einmal dem Kaninchen
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 27.02.2010
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Nun ist es Zeit, das Walross sprach, Von mancherlei zu reden, Von Schuhen, Schiffen, Siegelwachs, Von Königen und Zibeben, Warum das Meer kocht und ob wohl Auch Schweine manchmal schweben... Lewis Carroll, «Alice hinter den Spiegeln».
Es ist das Wesen der Geschichte von Alice im Wunderland, dass die Figuren darin sich über nichts wundern, wenn sie auch oft über etwas staunen. Eine wundersame kindliche Fähigkeit, die kritische Vernunft ins Skurrile zu erweitern. Sie hat mit dem Alter nichts zu tun, obwohl sie dazu tendiert, sich mit dem Altern auszuwachsen. In ihrer Blüte ermöglicht sie es einem zehnjährigen Mädchen, das eben entschieden hat, ein Buch ohne Bilder und Dialoge sei der Mühe nicht wert, ein rosaäugiges Kaninchen mit Weste und Taschenuhr für nicht allzu unnatürlich zu halten, sondern für eine Herausforderung der forschenden Neugier.
Blutdurst und Psychosen
So kommt eines zum anderen: Das Mädchen Alice klettert dem Kaninchen in sein Loch nach und fällt tief und lang, «abwärts, abwärts, abwärts», dass es glaubt, bei den «Antipathen» wieder herauskommen zu müssen. Und dass es Zeit hat, zu überlegen, wie man die wohl auf höfliche Art frage, ob man in Neuseeland oder Australien sei. Jedoch Australien wäre sozusagen eine antipodische Banalität gegenüber der Welt, in der Alice dann wirklich aufschlägt: einer Welt der Schrumpfliköre und Wachstumskuchen; einer des liebevoll gepflegten Wörtlichnehmens und Missverstehens und des verrückten Seins und Sein-Könnens – belebt von anthropologischen, zoologischen und kryptozoologischen Besonderheiten. Die schönste ist diese grinsende Cheshire-Katze, welche die Kunst beherrscht, sich vom Schwanz her in Luft aufzulösen, bis nur noch ihr Grinsen in der Luft hängt.
Eine sauerstoffreiche fantastische Welt, worin Märzhase und Hutmacher den Tee servieren. Es herrscht ein wenig Terror, denn die Rote Königin liebt das Croquet-Spiel mit lebenden Flamingos und den Geruch von Exekutionen am Morgen. Aber garantiert nie herrscht der Terror der Wahrscheinlichkeit und des Begriffskorsetts.
Nicht nur für Kinder
Deshalb ist es – wahrscheinlich – geschehen, dass Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» (1865) und «Alice hinter den Spiegeln» (1871) nicht nur den Zehnjährigen immer gefallen haben, für die sie gedacht waren, sondern auch den Surrealisten und verspielten Linguisten, den Mathematikern, den Liebhabern sprachphilosophischer Paradoxa und seinerzeit sogar der Königin Victoria, die nicht leicht zu amüsieren war. Und Tim Burtons «Alice in Wonderland», eine filmische Variation, hat mit aller dreidimensionalen Macht auch nichts am ewigen Kern des feinen, sinn- und unsinnvollen Gedankenspiels beschädigen können. Der Film denkt die Geschichte sogar auf intelligente Weise weiter. Fürs halberwachsene Kind.
Bei Burton ist Alice (Mia Wasikowska) nämlich gewachsen und mannbar. Zwar nicht ganz viktorianisch domestiziert, aber doch so, dass sie vergessen hat, schon einmal ins Kaninchenloch gefallen zu sein. Geblieben ist ihr, gewissermassen subkutan wunderländisch, ein aufmüpfiges Temperament, das nicht einfach die Verlobung mit einem Lord zulässt, dessen einzige individuelle Besonderheit eine Neigung zur Verstopfung ist; und als das Kaninchen ihr nun wieder die Taschenuhr zeigt und was die Stunde geschlagen hat, springt sie ihm nach aus subversivem Instinkt.
Wunderliches Wunderland
Die Eintrittsrituale von Schrumpfung und Wachstum sind dann ganz die originalen. Aber im Wunderland muss etwas passiert sein; man könnte sagen, es fehlt ihm die alte Liebenswürdigkeit. Es hat das Kindliche abgetan. Dorngestrüpp wuchert dürr, dazwischen bekämpfen sich kleine Pegasusse und Drachen, der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) ist definitiv psychotisch geworden und der Blutdurst der Roten Königin (Helena Bonham Carter) bedenklich.
Überhaupt scheinen alle Wunderländer etwas verstört, weniger kindlich und frei in ihrer traumhaften Absurdität, eher so, als stünden sie jetzt als ihr eigenes Zitat unter dem Kriegsrecht der träumenden Spätpubertät. Denn im Grunde geht es bei Burton darum, dass die neue Alice sich an die alte erinnert, ohne wieder kindisch zu werden. Dass sie lernt, das Vorpal-Schwert zu kontrollieren (man kann sich etwas dabei denken, muss aber nicht; oder wie Freud gesagt haben soll: Manchmal ist eine Zigarre einfach eine Zigarre). Und dass sie die Monster zähmt oder tötet, die die Rote Königin, ein missgünstiges, grosskopfiges Über-Ich, auf sie und das Wunderland loslässt. Das heisst: Es ist in 3-D-Technik eine Menge Psychologie in die Märchenhaftigkeit gespritzt worden.
Das ist nicht dumm, nur manchmal einfach fast zu viel. Zu viel dreidimensional auf uns eindrängender Symbolgehalt. Zu viel Lust, aus dem Wunderland einen Erlebnispark der effektvollen Halluzinationen zu machen. Zu viel Archetypisches in Jabberwocky und Bandersnatch, die im Original doch nur zwei Nebenungeheuer aus gespinsthaften Klängen waren. Am Ende (man sagt das in einer Filmkritik aber mit schlechtem Gewissen) zu viel neobarocke Macht des Kinos über den federnden Charme der Literatur.
Keine Einwände sonst. Tim Burton lässt seine Fantasie gern Amok laufen, das verbindet ihn gewiss aufs Schönste mit Lewis Carroll. Es gibt wunderbare Dinge in diesem Film: eine allweise Raupe mit der Seidenstimme von Alan Rickman; irrlichternde Traumstimmungen; Bonham Carters Königin mit ihrem sensationellen Riesenkopf und in ihrer verquälten Bosheit.
Ein Film für grosse Kinder
Auch die neue Alice, die schliesslich doch die alte ist und sozusagen eine hinreissende Jeanne d'Arc des Wunderlands dazu. Ein kluges, erwachsenes Kind zwischen Möglichkeits- und Wirklichkeitssinn. Und vermutlich ganz im Sinn Carrolls, der ihr auch eine Portion Realismus mitgab neben der Begabung, über die Nasenspitze der eigenen Logik hinauszuschauen; nämlich so: «Wenns so wäre, könnte es sein; wenns so sein könnte, wär es; weils aber nicht so ist, ist es nicht. Das ist logisch.»
Uns drängts allerdings, beeindruckt und erschöpft von der visuellen Üppigkeit, noch zu einer Bemerkung: Das ist ein Film für grosse Kinder, denen ein gewisses Mass Fantasy schon die Nerven gestählt hat. Der sinnliche Überfall wirkt heftig. Persönlich gesagt: Ich würde ein Mädchen im Alter der kleinen Alice Liddell, der Lewis Carroll 1862 zuerst von seiner Alice erzählte, noch nicht in Burtons Wunderland mitnehmen.
Alice in Wonderland (USA 2010). 108 Minuten. Regie: Tim Burton, Drehbuch: Linda Woolverton. Mit Mia Wasikowska, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Johnny Depp, Alan Rickman u. a.
Ab nächsten Donnerstag in den Kinos.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.02.2010, 12:22 Uhr











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