Ein Schweizer auf Mission für 007
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 05.09.2011 2 Kommentare
Der Luzerner Leonhard Gmür (69) arbeitet als Produktionsmanager und Location Scout für verschiedene nationale und internationale Filmproduktionen. Nach Studien in Rechtswissenschaft und Journalismus startete er 1971 als Assistent von Maximilian Schell in der Filmbranche. Seit 1985 hat er eine eigene Firma (Unicorn Films). Gmür lebt in Vernate (TI).
«A View to a Kill»
«Golden Eye»
«On Her Majesty's Secret Service»
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Der nächste Bond-Film soll in Mumbai und Ahmedabad und im Bundesstaat Goa gedreht werden. Sind Sie ebenfalls beteiligt?
Das liegt unter dem Mantel der Verschwiegenheit. Dazu kann ich noch nichts sagen.
Sie waren aber für mehrere Bond-Filme als Location Scout mitverantwortlich für die Schauplätze.
Ja, bei «Octopussy» in Berlin, «A View to a Kill» im Engadin, «The Living Daylights» in Österreich, «Golden Eye» im Tessin, «Tomorrow Never Dies» in Hamburg und «Quantum of Solace» in Bregenz.
Hat jede Region ihren eigenen Scout?
Ja, man kann sich ja nicht auf der ganzen Welt auskennen. Mein Gebiet ist grob gesagt der Alpenraum, wobei ich auch schon in der Mongolei Locations gesucht habe. Vor Ort spreche ich mich jeweils mit Spezialisten ab.
Wie fix sind Ihre Vorgaben?
Ich habe einen gewissen Spielraum. Wenn man von mir ein Kloster haben will, kann ich natürlich nicht den Flughafen Kloten als Kulisse vorschlagen. Wenn aber ein Regisseur zum Beispiel einen interkontinentalen Flughafen im Tessin haben will, muss ich mir etwas einfallen lassen. Entweder, ich versuche einen anderen Ort vorzuschlagen, oder wir lassen beim Flughafen ein paar neue Ausgänge hinbauen, damit es nach etwas Grossem ausschaut.
Was ist die perfekte Location?
Für mich ist es wichtig, dass ein Ort optisch etwas hermacht. Allerdings kann eine attraktive Location völlig unbrauchbar sein, wenn sie schwierig zu erreichen ist. Für «Golden Eye» beispielsweise wollte man einen Staudamm haben. Nun gibt es deren viele in der Schweiz. Ich musste mitberücksichtigen, dass 60 bis 80 Leute in der Umgebung untergebracht werden mussten. Hätte ich die Grande Dixence gewählt und gesagt, ich bräuchte in der Umgebung 80 Einzelzimmer, dann hätte ich das halbe Unterwallis blockiert. Unter anderem auch deshalb haben wir uns schliesslich für den Verzasca-Staudamm im Tessin entschieden.
Also kommt nicht der attraktivste Ort zum Zug, sondern der praktischste?
Wie bei allem im Leben geht es darum, den besten Kompromiss aller Möglichkeiten zu finden. Ausserdem ist es wichtig, den finanziellen Rahmen nicht zu sprengen. Wenn ich zum Beispiel einen Berggipfel brauche, kann es entscheidend sein, wo die Helikopterbasis liegt. Liegt diese auf 700 Meter über Meer und der Gipfel auf 2700, dann beträgt der Höhenunterschied 2000 Meter. Liegt die Basis wie im Engadin auf etwa 1700 Metern, beträgt der Höhenunterschied zum Gipfel 1000 Meter. Wenn die Crew 20-mal hoch und wieder hinunter fliegen muss, summiert sich das.
Wie hoch ist das Location-Budget bei einem James Bond?
Ich nenne ungern Zahlen, weil die sehr wenig aussagen. Nur so viel: Bei einem Bond-Film kostet das Intro, also die ersten paar Minuten bis zum Vorspanntitel, etwa gleich viel wie ein normaler Spielfilm.
Ist die richtige Location bei «Bond»-Filmen besonders entscheidend?
Ja. Auf der anderen Seite ist «James Bond» eine Trademark, die bestimmte Türen öffnet. Wenn ich beispielsweise in Zürich die Anfrage stelle, ob ich für James Bond die Bahnhofstrasse für 14 Tage sperren könnte, kann man zumindest darüber reden. Bei jedem anderen Film wäre das wohl unmöglich.
Sind denn Bond-Locations überhaupt noch zu toppen?
Klar ist es immer eine grosse Herausforderung, etwas zu finden, was noch nie da war. Aber ich bin ja bloss ein kleines Zahnrad im grossen Getriebe. Bei amerikanischen Produktionen gibt es oft einen Hauptscout, der zusammen mit den jeweiligen Länderscouts auf Drehortsuche geht. Sehr viele Leute sind sehr lang und intensiv daran beteiligt.
Wie lange kann das dauern?
Mehrere Monate. In vielen Fällen werden wir etwa eineinhalb Jahre vor Drehbeginn angefragt.
Machen Sie sich Gedanken, welche Folgen ein Film für einen Ort hat? Die thailändische Insel, auf der «The Beach» mit Leonardo Di Caprio gedreht wurde, ist durch den Tourismus mehr oder weniger zerstört.
Bei uns ist das ein wenig anders. Klar hat so ein Film Auswirkungen. Ein berühmtes Beispiel ist das Drehrestaurant Piz Gloria auf dem Schilthorn, das enorm vom Bond-Film «On Her Majesty’s Secret Service» profitiert hat. Beim Verzasca-Staudamm bietet eine Firma den «Bond»-Bungeesprung an. Es ist jedoch nur eine kleine Prise Zucker auf den Tourismus-Kuchen. Einen Negativtourismus wie auf der thailändischen Insel gibt es in unseren Breitengraden nicht.
Sind Sie eigentlich ständig unterwegs, um Orte zu finden?
Oft. In den kommenden zwei Wochen bin ich in Ägypten, um einen geeigneten Drehort in der Wüste zu finden. Wir reisen unauffällig mit einer kleinen Crew dorthin und lassen uns von einheimischen Spezialisten beraten.
New York scheint als Kulisse in jedem dritten Hollywoodfilm vorzukommen. Finden Sie das fantasielos?
Die Silhouette von New York ist halt ein Sinnbild für eine Grossstadt. Häufig dreht man an einem Ort bloss die wichtigen Szenen und den Rest ganz woanders. Wir zeigen etwa eine Einstellung des Moulin Rouge, und der Zuschauer ist in Paris. Dass der Film vielleicht in Hamburg gedreht wurde, merkt niemand. Aber wir von der Filmbranche sind halt ein bisschen Schaumschläger, das gehört halt einfach dazu.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.09.2011, 12:11 Uhr
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