Viel heisse Luft eines teuren Laiengremiums
Von Christian Lüscher. Aktualisiert am 28.10.2011 16 Kommentare
Kurz erklärt
26 Personen sitzen im Publikumsrat. Sie stehen stellvertretend für die Zuschauer. Im Gremium sitzen überwiegend Journalisten, Pädagogen, PR-Berater und Kulturschaffende. Vereinzelt findet sich noch ein Direktor, eine Rechtsanwältin oder eine Beamtin.
Der Auftrag der SRG an diese Kommission ist simpel: Der Rat hat jeden Monat über einzelne Sendeformate aus Radio und Fernsehen zu richten. Dabei steht der Inhalt der Sendungen im Zentrum.
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«Service public im besten Sinn des Wortes», so beurteilt der Publikumsrat das SRF-Projekt «Treffpunkt Bundesplatz». Die TV-Profis erhalten rundum gute Noten. Mehrfach lobt das Gremium die trimediale Kompetenz der Redaktion.
Kritik gabs wenig. Es sind kleine Verbesserungswünsche, die der Rat anführt: «Für weniger politikaffine Nutzer und Nutzerinnen war das Angebot ziemlich überfrachtet gewesen. Insbesondere der Wunsch nach einer leicht verständlichen, detaillierten Wahlanleitung wurde mehrfach geäussert.» Oder noch eine Kleinigkeit: Die Anzahl der Beiträge und Berichte aus der Westschweiz und dem Tessin sei etwas gering gewesen. Damit können die SRF-Verantwortlichen leben.
Kritik auf banalem Niveau
Die Gedanken, die der Publikumsrat Monat für Monat der Öffentlichkeit mitteilt, sind Luftblasen und Erkenntnisse, auf die niemand gewartet hat. Es sind einfache Beobachtungen, die in den Medien in der Regel Wochen zuvor längst diskutiert wurden. Es sind Banalitäten, die der Publikumsrat verbreitet (siehe Bildstrecke).
Inhaltlich machte die Kommission im Fall «Treffpunkt Bundesplatz» einen schwachen Eindruck. Kein Wort verlor der Publikumsrat über die bedenkliche und unkritische Lobbyisten-Serie. Auch die schlechten Einschaltquoten der Wahlarenen waren kein Thema, obwohl sie am Abend zur besten Sendezeit dem Zuschauer aufs Auge gedrückt wurden. Natürlich ist es nicht die Aufgabe des Publikumsrates, über Quoten zu debattieren. Trotzdem: Offenbar interessierte sich das Publikum nicht für die langatmigen Diskussionsrunden. Man hätte den inflationären Einsatz der Politpromis zumindest kurz thematisieren können.
Glaubwürdigkeit eingebüsst
Zudem muss man die Frage stellen, inwiefern das Gremium noch glaubhaft ist, wenn Leute im Publikumsrat sitzen, die selbst als Akteure mitgewirkt haben. Mark Balsiger, Politikberater und ehemaliger SRG-Journalist, durfte nämlich während zwei Wochen für das SRF-Team am Bundesplatz Reden von Politikern analysieren.
An Glaubwürdigkeit büsste das Gremium auch jüngst ein, als es anfangs September SRF-Talker Roger Schawinski beurteilte. «Schawinski lasse seine Gäste jeweils kaum aussprechen, wodurch zwar viele Themen angeschnitten, aber nicht vertieft werden», hiess das Verdikt des Rates, in dem auffallend viele PR-Berater sitzen.
Was halten die TV-Macher vom Leutschenbach von diesen Feedbacks? Sie müssen sich zwangsläufig mit der Urteilen auseinandersetzen. Sie haben, wie man hört, ein müdes Lächeln für das Gremium übrig. Man spricht von einer «Laientruppe», die vom Fernsehmachen wenig versteht. «Nur wenige nehmen diesen Publikumsrat wirklich ernst», sagt ein SRF-Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand. Der Publikumsrat sei überflüssig, weil er im Prinzip nichts feststelle, was die Zuschauer, Fernsehkritiker und Programmmacher nicht schon längst selbst bemerkt hätten. Die Idee einer «Volksstimme» sei zwar vorbildlich, jedoch verfüge man im täglichen Austausch mit Kollegen und Zuschauern über einen hervorragenden Feedbackkanal.
Dass der Publikumsrat im Prinzip überflüssig ist und die SRG – sie steckt bekanntlich tief in der roten Zone – die teuren Sitzungsgelder einsparen könnte, liegt auf der Hand. Es gibt in der Schweiz bereits viele Kommissionen oder Gruppen, den Presserat und eine Beschwerdestelle, die die Programmqualität der SRG kritisch beurteilen. Es gibt aber auch den kritischen Zuschauer, der gut gemachte Sendungen mit guten Einschaltquoten würdigt.
Überflüssiges Relikt aus der TV-Pionierzeit
Zudem gibt es noch Dutzende Medien- und Fernsehkritiker, die Fehlentwicklungen ansprechen und beim Publikum Debatten lancieren können. Und: Auf Social-Media-Plattformen werden heute in Echtzeit Debatten geführt. Bei Schawinskis Sendungsauftakt gingen auf Twitter und Facebook Hunderte Kommentare ein, die die Leistung des Talkers treffend beurteilten. Wichtig aber, das wird gern vergessen, ist nicht zuletzt die inländische Konkurrenz der Privatsender, welche die Programmverantwortlichen dazu zwingt, über die eigene Arbeit nachzudenken.
Das Argument der SRG, es gebe keine andere Instanz als den Publikumsrat, der in dieser Form Medienkritik betreibt, ist falsch. Die facettenreiche Medienlandschaft Schweiz kontrolliert die SRG und deren Inhalte bereits zu genüge. Es gibt keine Legitimation eines mit Gebührengeldern finanzierten Publikumsrates, der monatlich auschliesslich wohlwollend über SRF-Sendungen urteilt. Das Gremium ist, wie es Kurt Felix vor mehr als zehn Jahren in einer Kolumne bereits treffend auf den Punkt brachte, ein Relikt aus der TV-Pionierzeit, als die SRG überwacht werden musste.
Der Publikumsrat ist – man wird den Eindruck nicht los – ein PR-Rat. Die inhaltlich freundlichen und lobenden Berichte werden schliesslich Monat für Monat nach aussen getragen und in der Presse – leider! – kaum kritisch behandelt. Man könnte ihn auch als Feigenblatt beschreiben, im Prinzip ein PR-Werkzeug, das sich unter dem Deckmantel Publikum versteckt. Man sollte ihn abschaffen und das Geld besser ins Programm investieren, denn der einflusslose Club, er verfügt gegenüber den Programmverantwortlichen und Programmschaffenden über keinerlei Weisungsbefugnis, kostet eine Stange Geld. Für ihre Dienste werden die Mitglieder mit 250 Franken pro Sitzung entlöhnt, Spesen nicht eingerechnet. Alles in allem hat der Rat ein Gesamtbudget von 617'000 Franken zur Verfügung. Das bestätigt Kurt Nüssli, Regionalsekretär SRG Deutschschweiz, gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Auch der Ombudsmann bezieht seinen Lohn über diese Kostenstelle. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.10.2011, 13:45 Uhr
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16 Kommentare
Man nehme eine Hypothese, schiesse aus allen Rohren, bemühe eine Phantomquelle und lasse einen der Angeschossenen ganz am Schluss noch mit einem Sätzli Stellung nehmen. Willkommen beim journalistischen Verständnis des Christian Lüscher. Ich schäme mich fremd. Auf der Website des Publikumsrats wird übrigens ersichtlich, dass 2 von 26 Mitglieder PR-Berater sind. Mit Zählen hat Lüscher auch Mühe. Antworten
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