Verzicht wird gebüsst
Von Erwin Haas. Aktualisiert am 16.09.2011 15 Kommentare
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Mit wenigen Ausnahmen sollen künftig alle Haushalte TV- und Radiogebühren bezahlen – unabhängig davon, ob jemand ein Empfangsgerät besitzt oder nicht. Das Parlament ist mit diesem Beschluss der Argumentation von Bundesrätin Doris Leuthard gefolgt, dass die elektronischen Medien heute auch über Computer und Natels empfangen werden können. Der Konsum sei folglich unkontrollierbar und nicht mehr punktgenau zu verrechnen.
Aus administrativer Sicht macht der Entscheid Sinn, denn die Inkassofirma Billag kann sich die teure Jagd nach Schwarzsehern künftig sparen. Vielleicht kommt der Bund sogar noch selber auf die simple Idee, dass er auf die ganze Billag verzichten kann, wenn er die Gebühren einfach auf die Steuerrechnung schlägt. Für die 90 Prozent der Schweizer, die fernsehen und Radio hören, wird der Konsum zudem etwas billiger. Der Rest soll sich gefälligst damit abfinden, dass er im Interesse von Demokratie und Meinungsbildung solidarisch einen wichtigen Service public mitfinanziert.
Geförderte Fettleibigkeit
Den wenigen Prozenten der Bevölkerung, die sich dem Rausch der allgegenwärtigen Informationsgesellschaft bewusst verweigern, wird das umgekehrte Giesskannenprinzip allerdings nicht gerecht. Und kultur- sowie gesundheitspolitisch setzt der Bund ein miserables Signal, denn als Nebenwirkung ermuntert er das Volk zum vermehrten Konsum. Es ist, als eröffne der Systemwechsel ein gefährliches Buffet à discretion. Man weiss ja, wie der Mensch tickt: Wenn er pauschal bezahlt und das Gefühl hat, ab jetzt sei gewissermassen alles gratis, frisst er oft mehr, als ihm guttut – und zwar nicht nur Informations- und Bildungssendungen, sondern auch allerlei Schrott.
Der Gebührenzwang fördert die geistige und körperliche Fettleibigkeit einer Nation, die schon heute zu lang vor dem Fernseher sitzt. Der Konsum bleibt zwar freiwillig, und dem Volk hat niemand vorzuschreiben, was es schauen und hören soll. Aber dass der Bund die Abstinenzler für ihren Verzicht quasi büssen will, ist nicht verursachergerecht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.09.2011, 13:52 Uhr
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15 Kommentare
Meine Steuern zahlen auch an Schulen (obwohl bewusst keine Kinder) oder an Militär (welches ich explizit nicht will). So what? Es wäre wirklich einfacher die Billag aufzulösen und den Betrag über Steuer einzuziehen - wie sovieles andere auch. Antworten
Das eigentliche Interesse der Regierung (und damit der Grossunternehmen, die die meisten Lobbys stellen) ist doch, uns vor der Glotze zu binden, auch die letzten Mohikaner. Wozu? Damit wir leichter manipuliert werden können: wirtschaftsfreundliche Berichterstattung; abhalten vom lesen, was bildet, und damit zur eigenen Meinungsbildung beiträgt; ablenken von sozialen Ungerechtigkeiten. Antworten
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