Der drollige Misanthrop
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 15.04.2010
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«Whatever Works» (USA 2009). Regie: Woody Allen. Mit Larry David, Evan Rachel Wood, Patricia Clarkson u.a. Ab Donnerstag in Schweizer Kinos.
«Curb Your Enthusiasm» ist auf DVD erhältlich. Oder im deutschen Pay-TV unter dem Titel «Lass es Larry» zu sehen.
Woody Allens neustes Werk, da sind sich Kritiker und Publikum einig, ist ein Flop. «Whatever Works» lässt Biss und Realismus vermissen und ist mehr Feelgood-Movie als Geschlechterkomödie. Es gibt jedoch einen Grund, sich den Film trotzdem anzusehen: Hauptdarsteller Larry David, ein auf Serien spezialisierter Komiker, den Allen sich für «Whatever Works» ausgeborgt hat. Nicht, dass David besonders gut spielt. Eigentlich spielt er überhaupt nicht, er ist einfach sich selbst, das heisst: ein drolliger Misanthrop.
Vor neun Jahren hat der heute 62-Jährige die erste Staffel seiner nach wie vor höchst erfolgreichen Serie «Curb Your Enthusiasm» lanciert. Seither gilt er als Experte für Fettnäpfchen und Hohepriester von Freunden der gepflegten Blamage. Stets politisch unkorrekt mokiert er sich in der semi-dokumentarischen Serie über Inzest-Selbsthilfegruppen, jüdische Bräuche, Katholiken oder Patienten von Organ-Transplantationen. Wobei er nicht viel mehr tut, als mit unmöglichen Turnschuhen durch Beverly Hills zu latschen.
Wenig Identifikationspotenzial
Davids Humor wird als oft «gut beobachtet» bezeichnet, doch paradoxerweise schert er sich einen Deut um andere Menschen. Seine Quelle ist er selber. Er erzählt keine Witze, er ist der Witz. Das war schon bei der Serie «Seinfeld» so, wo David als Autor tätig war. Auf die Frage eines Journalisten, wie er auf die Idee des inzwischen legendären Masturbation-Ramadans kam (wo unter anderem eine erwachsene Hauptfigur von der eigenen Mutter beim Onanieren erwischt wird), antworte David: «Man schreibt über das, was man kennt.»
Tatsächlich sind die Situationen, die David konstruiert so peinlich, dass sie mittlerweile unter dem Begriff «Larry-David-Moment» in die US-Alltagssprache eingegangen sind. Etwa wenn man einer übergewichtigen, einsamen Frau zur Schwangerschaft gratuliert. Oder vom Schwiegervater erwischt wird, wie man in sein Lavabo pinkelt.
Alle wollen Larry
Das Konzept/Schicksal des ewigen Pechvogels zahlte sich für David aus. «Seinfeld» gilt als erfolgreichste Komödienserie aller Zeiten. Davids Vermögen belief sich bereits vor «Curb» auf 200 Millionen Dollar. Umso erstaunlicher ist sein neuerlicher Erfolg: Eine Hauptfigur, die steinreich ist und trotzdem andauernd etwas zum Jammern hat, birgt nicht gerade viel Identifikationspotenzial.
Doch wahrscheinlich erkennt der Zuschauer in David eher den Loser als den Millionär – was er lange Zeit tatsächlich war. In den 70ern arbeitete der New Yorker nach einem Uni-Abschluss in Geschichte zuerst als BH-Verkäufer und Limousinenfahrer (was er in einer «Curb»-Episode verarbeitet). Danach tourte er als Standup-Comedian erfolglos durch Bars. In den 80ern versuchte er sich als Autor für «Saturday Night Live», wo es aber nur ein einziger von ihm geschriebener Sketch ins Programm schaffte. Erst 1989 wendete sich das Blatt, als er mit Jerry Seinfeld, einem Komiker, den er von früher kannte, die gleichnamige Serie ins Leben rief.
Heute balgen sich namhafte Künstler wie Ben Stiller oder Alanis Morissette um einen Cameo-Auftritt in Davids Serie. Nicht, dass das Larry David in Aufregung versetzen würde. Der Titel seiner Show («Drossel deinen Enthusiasmus»), soll zum Ausdruck bringen, wie wenig er Enthusiasten leiden kann. Kein Wunder, Larry David ist das fleischgewordene «Murphy's Law»: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Doch wie heisst es so schön: Sein Pech ist unser Glück.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.04.2010, 10:47 Uhr
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