Kultur

«Teleboy hätte nie sterben dürfen»

Interview: Simone Matthieu. Aktualisiert am 15.02.2010

Kurt Felix über die SF-Bestenliste von DerBund.ch/Newsnet - sowie TV-Nostalgie und die ewige Kritik am deutschsprachigen Fernsehen.

1/10 Der Krebs schien überwunden: Kurt Felix und Paola im Mai 2008. Nachfolgend Bilder aus Kurt Felix' langer TV-Karriere.
Bild: Keystone

Kurt Felix: «Wir hätten den Teleboy nie sterben lassen dürfen»

   
Möchte nicht mehr zum Fernsehen: SF-Legende Kurt Felix.

Möchte nicht mehr zum Fernsehen: SF-Legende Kurt Felix.

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Herr Felix, Gratulation. «Teleboy» belegt in der Hitliste der 20 besten SF-Sendungen von DerBund.ch/Newsnet Rang eins.
Ich freue mich sehr, mit dem «Teleboy» positive Schweizer Fernsehgeschichte geschrieben zu haben. Dass diese Samstagabendserie auch in der Ewigenliste der höchsten Einschaltquoten den 1. Platz belegen würde, waren wir uns damals überhaupt nicht bewusst. Also haben wir in den 70er-Jahren mehr als der Hälfte der Sendungen unwiederbringlich gelöscht. Eigentlich unfassbar.

Wieso das denn?
Damals kostete ein Band 4'000 Franken. Ich weiss noch, wie der Fernsehdirektor höchstpersönlich mich daran erinnerte, die Bänder zu löschen, wenn sie ein paar Tage herumgelegen waren. Als die Bänder dann günstiger wurde, weigerte ich mich, die Sendungen zu löschen.

Zum Glück.
Ob dieser TV-Erfolgsgeschichte hätten wir den «Teleboy» überhaupt nie sterben lassen dürfen, wenn man bedenkt, dass «Verstehen Sie Spass?» dieses Jahr den 30. Geburtstag feiert und der «Samschtigjass», den ich anno 1968 erfunden habe - ebenfalls unter den Top 20 von DerBund.ch/Newsnet - noch heute über den Bildschirm läuft. Aber vielleicht fällt jemandem irgendwann mal ein, den «Teleboy» renoviert wieder auferstehen zu lassen. Es war die schweizerischste, lustigste und kurzweiligste aller TV-Shows auf dem heimischen Kanal.

Sie selber haben keine Lust auf «Teleboy reloaded»?
Nein. Ich möchte nie mehr Träger einer Sendung sein und die volle Verantwortung haben.

Unserer Jury fiel es leichter, ältere Formate für die Top 20 zu finden, als neue. Liegt das daran, dass man verklärt auf die Vergangenheit zurück blickt. Oder war das Fernsehen früher tatsächlich besser?
Sie können natürlich heute nicht mehr solche Erfolge einstreichen wie früher. Stellen Sie sich vor: 2 Millionen Deutschschweizer sitzen am Abend vor dem Fernseher und sehen «Teleboy» - da ist niemand mehr auf der Strasse unterwegs. Das war ein echter Strassenfeger. Solche Quoten sind heute gar nicht mehr möglich mit den vielen Sendern, die sich konkurrenzieren. Zur Nostalgie: Natürlich muss man jede Sendung in ihrer Zeitepoche anschauen und bewerten. Eine gute Sendung muss dem Zeitgeist entsprechen. Deshalb würde auch «Teleboy» heute nur noch aufbereitet funktionieren, nicht in seiner ursprünglichen Form. Im Rückblick sieht sicher vieles besser aus. Ich glaube allerdings, wenn Sendungen - oder auch Melodien wie «New York, New York» oder «O Mein Papa» – Jahrzehnte überleben, liegt das an ihrer Qualität, nicht an nostalgischer Verklärung.

Wie sieht Kurt Felix' Bestenliste aus?
Meine persönliche Hitliste sieht etwas anders aus. Ich bin überrascht, dass «Motel» den 2. Platz belegt, eine Sendereihe, die zunehmend Ärger verursachte und wegen Quotenschwund eingestellt wurde. Dafür vermisse ich zum Beispiel die Wissenschaftssendungen von Bruno Stanek, mit seinen faszinierenden Beiträgen über die Raumfahrt und die Mondlandung. Auch die traditionellen Übertragungen der Lauberhornrennen, mit denen das Schweizer Fernsehen weltweit neue technische Masstäbe gesetzt hat, gehören zu meinen Favoriten. Und natürlich «Grell-pastell» von Kurt Aeschbacher – einst die mutigste und redaktionell innovativste Talkshow im deutschsprachigen Europa.

Sie haben sich Anfang letzten Jahres von ihrem Job als TV-Kritiker zurückgezogen. Unter anderem mit der Begründung, die Leute ihrer Generation von TV-Machern seien praktisch alle nicht mehr da. Verstehen die Älteren nicht mehr, was die Jungen fasziniert?
Wir verstehen schon noch, was die Jungen wollen. «Deutschland sucht den Superstar» oder «TV total» sind die besten Beispiele dafür. Die ältere Generation kann sehr wohl beurteilen und verstehen, was die jüngere will. Ich habe mich deshalb zurückgezogen, weil es irgendwann Zeit ist, zu gehen. Ich habe das alles so lange gemacht. Ich bekomme heute bereits in der Maske Depressionen, wenn meine Frau und ich in einer Show als Gäste auftreten und vorher geschminkt werden müssen.

Als das Schaffen der scheidenden TV-Direktorin Ingrid Deltenre letztes Jahr von der Presse kritisch beurteilt wurde, haben sie Deltenre in einem Artikel in Schutz genommene. Ist die ewige Kritik am eigenen Staatssender eine Schweizer Unart?
Es ist eine deutsche Unart. Es gilt ja eigentlich die Regel, dass 13 Folgen einer neuen Sendung ausgestrahlt werden müssen, um die Zuschauer an das neue Format, den neuen Sendeplatz, den neuen Moderator zu gewöhnen. Heute ist es im deutschsprachigen Raum oft schon nach der ersten Folge vorbei. Im englischen Sprachraum ist man geduldiger, dort erhält ein neues Format die Chance, sein Publikum zu finden. Hätte man über die Zukunft des «Samschtigjass» damals nach der ersten Ausstrahlung entschieden, es würde ihn heute nicht mehr geben. Die gesamte Presse schrieb, Jassen am Fernsehen sei eine Zumutung für die Zuschauer.

Sie sagen, jetzt, wo Sie keine TV-Kritiken mehr schreiben, schauen Sie sich keine Unterhaltungssendungen mehr an. Ist das Unterhaltungsfernsehen so schlecht geworden?
Im Gegenteil. TV-Shows werden heute immer perfekter produziert. Es gibt hervorragendes Licht und tolle Bühnenbilder. Die Technik hat sich enorm verbessert. Unter dem Strich wurde auch die Programmqualität besser und vielfältiger. Um dies zu beweisen, braucht man nur einmal alte Programmzeitschriften zu studieren. Ich schaue mir aus einem anderen Grund keine Unterhaltungssendungen mehr an: Es geht mir wie jemandem, der den ganzen Tag in einer Schraubenfabrik arbeitet und wenn er nach Hause kommt, schaut er sich am TV wieder nur Schrauben an. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.02.2010, 15:56 Uhr

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