Kultur

TV-Kritik: Wo beginnt die Islamisierung?

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 28.10.2009 116 Kommentare

Abgestimmt wird über ein Bauverbot von Minaretten, gestritten jedoch über die «Islamisierung» der Schweiz. Burka, Scharia, Minarett: Der «Club» lotete gestern die Grenzen der Toleranz aus.

Pro und Contra Minarette: Christine Maier (m.) und Gäste gestern im «Club».

Pro und Contra Minarette: Christine Maier (m.) und Gäste gestern im «Club».
Bild: SF

Schon Wochen bevor über das Bauverbot für Minarette abgestimmt wird, gehen die Wellen hoch: Anlass ist das Plakat der Anti-Minarett-Initiative, auf dem eine verhüllte Frau vor einer von Minaretten durchsetzten Schweizer Flagge zu sehen ist. Die Nachricht ist klar: Der Untergang des Abendlandes steht bevor!

SVP-Nationalrat Lukas Reimann, Mitinitiant «Gegen den Bau von Minaretten», druckste auch gar nicht lange herum. Mit einem Bauverbot sende man folgende Nachricht an die zahlreichen muslimischen Zuwanderer: Bei uns gelten die Grundrechte. Etwaige Fundamentalisten sollen sich gefälligst reformieren. «Was tagtäglich an Islamisierung auf der Welt und in der Schweiz passiert», so Reimann weiter, «sollte uns die Augen öffnen.»

«Mehr als eine Religion»

Was Reimann salopp in einen Satz packte, sollte sich als Crux der Diskussion erweisen. Immer wieder stritt man darüber, ob sich die anekdotischen Horrorszenarien aus muslimischen Staaten im Nahen Osten auf die Schweiz übertragen lassen. Reimann etwa wollte aus eigener Erfahrung wissen, dass Hassprediger in Schweizer Moscheen ihr Unwesen treiben. Unterstützt wurde er von Christian Waber von der bibeltreuen Splitterpartei EDU. Der Politiker hatte vor einem Jahr behauptet, dass der Islam ein menschenverachtender Glaube sei – inklusive Sippenhaft, Zwangsheirat und Kindern, die zu Selbstmordattentätern herangezüchtet werden. Gestern gab er sich diplomatischer. Der Islam, so Waber, sei «mehr als eine Religion».

Wobei man bei der nächsten grossen Frage angekommen war. Geraten gläubige Muslime in unserem Land in einen Konflikt zwischen Scharia und Schweizer Recht? Ja, befand Heinz Gstrein, ehemaliger Nahostkorrespondent für die «NZZ». Aus diesem Grund befürwortet Gstrein ein Minarett-Verbot. Denn leider seien Politik und Religion im Islam nicht zu trennen; die Türme also nicht nur religiöse Symbole, sondern auch politische.

Gegen Gstreins Einschätzung protestierte der Arzt Adel Abdel-Latif scharf. Ständig am Rand seines Sessels klebend, verwies er mit Vehemenz auf die Religionsfreiheit. Auch Islamwissenschaftlerin Amira Hafner Al-Jabaji, die einzige Frau der Runde, betonte, dass Schweizer Muslimen die Scharia nicht aufgezwungen wird. Hafner Al-Jabaji, die den besonnensten Eindruck hinterliess, gestand ein, dass die meisten Muslime die Minarette gar nicht wollten. Trotzdem hält sie ein Verbot für falsch. Denn die muslimische Community, die ständig wächst und inzwischen in der dritten Generation hier ist, habe das Recht auf ihre religiösen Symbole. Die SVP aber, so Hafner Al-Jabaji, wolle nicht akzeptieren, dass Muslime in der Schweiz angekommen und integriert sind – und nun ihre Rechte einfordern.

Schweizer Vorbildfunktion

Weiter wurden Image-Aspekte eines Minarett-Verbots diskutiert. Abdel-Latif verwies auf Obama, der eine Annäherung zum Islam propagiert. Die Schweiz manövriere sich mit einem Verbot weiter ins Abseits. «Wir leben in einer globalisierten Welt, in der die Kulturen zusammenschmelzen», so Werber Frank Bodin: «Das verlangt Toleranz und Respekt. Gerade der Schweiz kommt dabei eine Vorbildfunktion zu.»

Da hat Bodin natürlich recht. Doch genau bei der Toleranz, das hat die spannende Diskussion einmal mehr gezeigt, liegt der Hund begraben. Abgestimmt wird zwar über ein Bauverbot von Minaretten, gestritten jedoch über die «Islamisierung» der Schweiz. Doch wo beginnt diese? Respektive wo endet die Toleranz: Bei Dispensen für den Schwimmunterricht? Dem Minarett? Bei der Burka? Der Scharia? Fragen, die jeder anders beantwortet und sogar Zeitgenossen, die sich als tolerant bezeichnen, ins Grübeln bringen. Und das ist wohl – wenn auch eher unfreiwillig – das eigentliche Verdienst der Initiative: Man setzt sich mit dem Islam auseinander. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2009, 10:50 Uhr

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116 Kommentare

Sam Pirelli

28.10.2009, 10:55 Uhr
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Ein wohltuend kluger Artikel, besten Dank! Ich wohne in einem Quartier mit 70% Ausländeranteil, und auch ich stosse an die Grenzen meiner Toleranz, wenn ich sehe, dass die Frau meines Nachbarn nach 16 Jahren hier noch kein Wort Deutsch spricht, weil sie, zuhaus eingesperrt, von jeden gesellsch. Austausch ausgeschlossen ist. Aber mit Minaretten hat das nichts tatsächlich zu tun. Man bleibt ratlos. Antworten


Hanspeter Zürcher

28.10.2009, 10:34 Uhr
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Aus meiner Sicht dürfen die Muslime ihre Türme haben, aber die folgenden zwei einfachen Fragen stehen nach wie vor unbeantwortet im Raum: Warum dürfen Christen in fast allen islamischen Ländern keine Kirchtürme bauen und warum werden Christen in diesen Staaten verfolgt? Alle Muslime drücken sich hier um eine Erklärung herum! Antworten



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