Kultur

Michèle Binswanger
Redaktorin Kultur


TV-Kritik: Was ist ein lebenswertes Leben?

Aktualisiert am 12.09.2012 55 Kommentare

Der neue Trisomie-21-Test könnte zu mehr Abtreibungen führen, so Kritiker. Der gestrige «Club» diskutierte über die selektive Leistungsgesellschaft und was das für Schwangere bedeutet.

1/5 «Es kann sehr schnell gehen und wir stehen plötzlich nicht mehr auf der Gewinnerseite.» Ruth Baumann-Hölzle, Institut Dialog Ethik.

   

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Seit der Geburtshelfer Ian Donald in den Sechzigerjahren Ultraschall zur sonografischen Abbildung eines Embryos einsetzte, ist die pränatale Diagnostik (PND) zum festen Bestandteil des medizinischen Angebots für Schwangere geworden. Eigentlich ein Segen, stellt dieses medizinische Angebot werdende Eltern aber auch vor schwerwiegende Entscheidungen. Seit August ist in der Schweiz ein neuer Trisomie-21-Test zugelassen, mit dem sich der Druck auf Schwangere noch erhöht. In einer interessanten und von Mona Vetsch ausgezeichnet moderierten Runde umriss der gestrige «Club» die Problemlage.

Es war eine kluge Entscheidung, die Diskussion nicht auf die Abtreibungsfrage hin zu konzentrieren, sondern sie mit direkt und indirekt Betroffenen zu besetzen: Behinderten, Angehörigen, Medizinern, Hebammen, Ethikerinnen. So gelang es, über Moral zu diskutieren, nämlich was es bedeutet, ein behindertes Kind abzutreiben oder auszutragen, ohne dass dabei moralisiert wurde. Klar wurde auch, dass es nicht um den konkreten neuen Test geht, sondern dass wir bereits eine hochselektive Leistungsgesellschaft sind, welche schmerzhaften Fragen gerne aus dem Weg geht.

Ambivalente Gefühle

Vetsch zeigte mit diesem «Club», wie relevante Themen diskutiert werden können, ohne in unfruchtbares Hickhack oder Psychotalk abzudriften. So drehte sich die Diskussion zunächst um die Frage, was die Möglichkeiten der PND für Konsequenzen haben, für die Eltern einerseits, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes. Barbara Camenzind hat ein Trisomie-21- Kind und berichtete zunächst von ihrer Erfahrung als werdende Mutter, die mit einer entsprechenden Diagnose konfrontiert ist. «Es ist eine Achterbahnfahrt, bei der es zunächst vor allem runtergeht.»

Auch wenn die Entscheidung am Ende bei den Eltern liegt, stellen die Möglichkeiten der PND hohe Anforderungen an alle Beteiligten. Da ist zunächst das Ärztepersonal, das bereits vorgängig darüber informieren sollte, wie man im Falle einer negativen Diagnose weiter vorgehen kann. Denn viele Schwangere blenden diese Möglichkeit lieber aus, wie Luigi Raio, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Inselspital Bern erläuterte. «Schwangere sind in einer hoffnungsvollen Situation, die wollen das oft nicht hören.»

Die grossen philosophischen Fragen

Entsprechend gross ist der Schock, wenn der Fall dann eintrifft. Und das Bedürfnis, sich mit einem schnellen Entscheid vom Druck der Situation zu befreien. Doch genau hier liegt die Crux. «Solche Entscheide brauchen Zeit», sagt Hebamme Ursula Burren. «Viele Eltern empfinden es zunächst als mühsam, sich immer wieder überlegen zu müssen, welche Konsequenzen ihr Entscheid haben wird. Aber im Nachhinein sind alle froh, haben sie den Prozess gemacht.» Allerdings läuft die gesellschaftliche Entwicklung auch hier in eine andere Richtung. Das medizinische Personal steht unter hohem Druck, oft fehlen Raum und Musse.

Die Entscheidung für oder gegen ein Leben mit einem behinderten Kind wird zwar individuell getroffen. Aber die gesellschaftlichen Faktoren spielen eine entscheidende Rolle. Die medizinischen Möglichkeiten setzen Schwangere unter enormen Druck. Ob sie sich so oder so entscheiden, für oder gegen einen Abbruch bei negativer Prognose, sehen sie sich mit Kritik konfrontiert. Hätte man dem Kind das Leben in Behinderung nicht ersparen können? Ist der Abbruch nicht egoistisch? Oft sind die Frauen damit auf sich alleine gestellt, können auch nicht offen trauern, weil der Freundeskreis nicht mitmacht, weil unsere Leistungs- und Spassgesellschaft das Dysfunktionale zu verdrängen pflegt.

Es sind die grossen, die philosophischen Fragen, die sich hier letztlich stellen: Was ist ein gutes, ein lebenswertes Leben? Eindrücklich erläuterte das Stéphane Bloch, der mit einem offenen Rücken zur Welt kam und heute Vater dreier Kinder ist. Obschon er aus eigener Erfahrung weiss, was Behinderung für den Betroffenen bedeutet, entschieden er und seine Frau sich gegen PND. «Wäre mein Kind behindert gewesen und man hätte mir Vorwürfe gemacht, dann hätte ich auch Antworten darauf gehabt», sagt er. Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle benannte schliesslich, worüber wir uns letztlich Rechenschaft ablegen müssen, wenn wir über Behinderungen diskutieren: «Die Gesellschaft von schönen, starken, unabhängigen Menschen ist eine Illusion. Wir alle haben bedürftige Seiten, müssen irgendwo getragen werden, Behinderte machen diese Abhängigkeiten bloss sichtbar. Und deshalb müssen wir sie mittragen können.» Ein Gedanke, über den man öfters nachdenken sollte.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.09.2012, 09:57 Uhr

55

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

55 Kommentare

Hermann Battaglia

12.09.2012, 11:16 Uhr
Melden 35 Empfehlung 1

Beim letzten Satz im "Bund"-Bericht von Ethikerin Baumann handelt es sich um das Beste, was ich in dieser Frage seit langer Zeit gelesen habe. Wie gut wäre es, wenn möglichst viele Leute diese Haltung teilen würden und sie als Massstab für ihr Handeln nähmen. Antworten


robert mueller

12.09.2012, 10:51 Uhr
Melden 26 Empfehlung 0

Frau Camenzind hat die Lebenssituation mit einem Trisomie 21 Kind schon sehr als normal dargestellt. Sie hat sich in diese Rolle richtig eingelebt. Da hätte ich vom CH-Fernsehen gerne auch Personen in der Sendung gesehen, welche nicht diese "Normalität" mit ihrem Trisomie 21 Kind erleben. So einfach wie dargestellt ist dies bei weitem nicht. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre