TV-Kritik: Von einem, der sein Leben nicht ertragen konnte

Das Schweizer Fernsehen begleitete einen psychisch kranken Mann auf dem Weg zum Freitod mit Exit. Das vielleicht härteste Los hatte dabei der Dok-Filmer zu tragen.

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«Ade Frau Vogt. Vielen Dank und bis in zwei Wochen», sagt André Rieder, der behäbige grosse Mann mit dem schweren Gang. Es klingt nach einem Abschied wie viele andere. Wie wenn man sich nach dem Haareschneiden vom Coiffeur verabschiedet. Oder nach der Routineuntersuchung von seinem Arzt.

Heidi Vogt ist weder noch. Sie ist die Leiterin der Freitodbegleitung Exit. In zwei Wochen werden sich die beiden zum letzten Mal wiedersehen, nachdem sie sich seit März 2010 zu mehreren Gesprächen getroffen haben. André Rieder wird ein Gift zu sich nehmen, einschlafen und kurz darauf tot sein. Das wissen wir bereits, denn der Dok-Film «Tod nach Plan» beginnt mit der Urnenbeisetzung des 56-Jährigen. Ausserdem hat der Film schon Wellen geworfen, bevor er überhaupt ausgestrahlt wurde. «Selbstmord am TV: Darf SF das?», empörte sich etwa der «Blick». Ja, fanden 58 Prozent der Leserinnen und Leser. Sterben am Fernsehen ist schliesslich nichts Neues, der Tod kein Tabu. Kritisiert wurde auch, dass SF einen psychisch Kranken ausnutze. «André Rieder hat uns selbst kontaktiert, ob wir einen Film über seinen Freitod machen wollen», betont die stellvertretende Dok-Redaktionsleiterin Nathalie Rufer im Interview mit Persoenlich.com.

«Keine persönliche Angelegenheit»

Die eigentliche Frage ist jedoch: Ist es ethisch vertretbar, psychisch Kranken Sterbehilfe zu leisten? Im Dok «Tod nach Plan» wird dies allerdings zur Nebensache. Nicht, dass der Film zu wenig ausgewogen gewesen wäre. Der Dok-Filmer Hanspeter Bäni konfrontiert die Exit-Leiterin und fragt kritisch nach. Etwa, warum keiner der drei Psychiater vor der Kamera Stellung nehmen wolle, die grünes Licht gegeben haben, dass André Rieder sterben darf. Vogts Antwort: Sterbehilfe bei psychisch Kranken sei in Ärztekreisen umstritten und ausserdem würden die drei Psychiater wohl von Sterbewilligen überrannt, wenn sie öffentlich auftreten würden. Einen Ethiker lässt Bäni genauso zu Wort kommen wie einen Exit-kritischen Psychiater. «Der Freitod ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit, sondern auch eine gesellschaftliche», sagt dieser. Er wolle den Leuten helfen, besser zu leben, statt zu sterben.

Wichtiger als die Ethik-Frage schien Hanspeter Bäni jedoch die Frage zu sein, weshalb der ehemalige Mediziner sterben will und ob es nicht etwas gibt, was ihn umstimmen könnte. Dafür begleitet er ihn in den letzten vier Wochen, auf den Friedhof, zu Exit und zu Rieders engsten Freunden, die er zum letzten Mal besucht. Allen bringt er dasselbe Erinnerungsgeschenk mit – einen Kerzenständer. Von allen verabschiedet er sich, als ob er für eine Weile auf Reisen ginge.

Leiden mit dem Filmer

Je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass es Hanspeter Bäni nicht wohl ist in seiner Haut. Er hakt immer wieder bei Rieder nach, fragt, ob das Leben nicht doch lebenswert sei, konfrontiert seine Freunde damit, ob sie ihn nicht von seinem Vorhaben abzuhalten versuchen würden, organisiert für den Hobby-Zauberer Rieder extra einen Besuch beim Magier Peter Marvey. Rieder freut sich, doch Bäni ist seinem Entscheid genauso ausgeliefert wie dessen beste Freunde. «Hab ich oder hat ihr Freundeskreis eine Chance, Sie davon abzuhalten?», fragt Bäni den Lebensmüden. Dieser antwortet bestimmt und fast ein wenig genervt: «Darauf gibt es eine einfache Antwort. N–E–I–N. Nein.»

Rieder hat sich definitiv entschieden. Im Film wirkt er seltsam gleichgültig. An den Medikamenten alleine dürfte dies nicht liegen. «Sie sind ein sehr analytisch denkender Mensch. Haben Sie auch Emotionen?», fragt ihn Bäni. Ja sicher, zwischendurch gebe es auch mal Tränen. Doch Tränen sehen wir keine. Wenn er seine besten Freunde verabschiedet und diese in Tränen ausbrechen, schaut er nicht zurück.

«Absolut null Bock»

André Rieder war seit rund zwanzig Jahren manisch-depressiv. Bevor die Krankheit ausbrach, war er ein erfolgreicher Arzt, hatte ein florierendes Pharmaunternehmen und verdiente viel Geld. So viel, dass er sich ein grosses Haus am Zürichsee leisten konnte und die Garage offen lassen musste, weil sie zu kurz war für Rieders Bentley. Er war kreativ, hatte Energie, die Ideen sprudelten nur so aus ihm heraus. Vielleicht war er da schon krank. Dann folgten die erste schwere Depression, monatelange Klinikaufenthalte, Tiefpunkte, etwa zwanzig an der Zahl.

Beim letzten Mal im Jahr 2008 schlug er einem Bekannten eine Vase über den Kopf, er musste in U-Haft und verlor daraufhin seine Wohnung. Einen solchen Tiefpunkt will Rieder nie mehr erleben. Die Medizin könne ihm nicht helfen, ein Rückfall könne jederzeit kommen, sagt er. Er sei austherapiert, steht im Gutachten seines Psychiaters. Die einzig sichere Methode sieht Rieder im Freitod. Auf eine Verwahrung oder eine forensische Therapie habe er «absolut null Bock».

«Sie tun Ihren Freunden weh»

Ist das Grund genug für einen begleiteten Freitod? Es gibt kein deutliches Ja und kein Nein. Noch schwieriger ist es bei einem Mann wie Rieder, der sich offensichtlich am Leben erfreut, der fröhlich mit seinen Freunden zusammensitzt, Witze reisst und wenige Stunden vor seinem Tod eine Picasso-Ausstellung besucht. «Er ist ein Showman», gibt Rieders gute Freundin Vroni Noseda zu bedenken, die ihn vor zwei Jahren bei sich aufgenommen hat, nachdem er seine Wohnung verloren hatte. Mit Freunden gebe er sich unbeschwerter, als sie ihn erlebe. Sie könne verstehen, dass er nicht mehr leben wolle. Die meisten seiner Freunde auch.

«Sie tun Ihren Freunden weh», versucht es Hanspeter Bäni erneut. Rieder findet die Frage ein bisschen frech. Er ist schliesslich derjenige, der am Tiefpunkt war und sich monatelang auf den Freitod vorbereitet hat, Gutachten von drei Psychiatern eingeholt hat, sich regelmässig mit Heidi Vogt von Exit getroffen hat. Er ist nicht mehr umzustimmen, weder von seinen Freunden noch von Bäni. Dieser begleitet Rieder nicht beim Sterben, sondern harrt am 1. Dezember 2010 mit seiner Kamera so lange vor dem Exit-Haus aus, bis nach Mitternacht Rieders Sarg herausgetragen wird. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2011, 09:49 Uhr)

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