Kultur

Philippe Zweifel
Ressortleiter Kultur


TV-Kritik: Uwe Barschel lebt

Aktualisiert am 15.10.2012 43 Kommentare

Unter mysteriösen Umständen starb vor 25 Jahren der deutsche Politiker Uwe Barschel in einem Genfer Hotel. Der gestrige «Tatort» rollte den Fall in einem brillanten Spiel aus Fakt und Fiktion neu auf.

1/9 Tatort Genf, fiktional: Borowski und Brandt im Hotel Beau Rivage, wo Uwe Barschel einst tot aufgefunden wurde.

   

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«Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!» Der Satz war das Präludium zu einem der mysteriösesten Kriminalfälle Deutschlands. Ausgesprochen hat ihn Uwe Barschel, der CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, nachdem er in Verdacht geraten war, eine Verleumdungskampagne gegen seinen Konkurrenten Björn Engholm gestartet zu haben. Das war am 18. September 1987. Drei Wochen später war Barschel tot. Ein «Stern»-Reporter fand ihn in der Badewanne von Zimmer 317 des Genfer Hotels Beau-Rivage.

Offizielle Todesursache war ein Medikamentencocktail. War es Mord oder Suizid? Hatte Barschel sich wegen der Verleumdungsvorwürfe umgebracht? War er in Waffengeschäfte verwickelt? Haben ihn Geheimdienste beseitigt? Wieso war er in Genf? Bis heute ist der Fall ungeklärt. Bis heute blühen die Verschwörungstheorien.

Dreh- und Tatort Genf

Zum 25. Jubiläum des Falls Barschel rollte der «Tatort» die widersprüchlichen toxikologischen Gutachten und die schlampige Spurensicherung der Schweizer Polizei auf. In einem kühnen Spiel aus Fakt und Fiktion verband man die damaligen Ereignisse mit einem Mordfall in der Gegenwart: Der homosexuelle Unternehmer Dirk Sauerland wurde umgebracht. Kommissar Borowski und seine Assistentin Sarah Brandt verdächtigten den bürgerlichen Spitzenpolitiker Treunau, der offenbar Sauerlands heimlicher Geliebter war.

Auch die Ex-Frau Sauerlands, eine bekannte TV-Journalistin, verbarg ein Geheimnis. Vor 25 Jahren hatte sie mit Sauerland Uwe Barschel in Genf nachgestellt und versucht, in sein Zimmer zu gelangen. Zwar behauptete die Journalistin, ihr Plan sei damals gescheitert. Im Laufe der Ermittlungen tauchten aber Fotos auf, die in Barschels Todesnacht im Beau-Rivage aufgenommen worden waren – und vor jenen des «Stern»-Journalisten datierten.

Quasihistorischer Sog

Wie der Drehbuchautor Querverbindungen zwischen dem fiktiven Mordfall und dem realen Fall Barschel konstruierte, war ungemein raffiniert. Wider besseres Wissen erhoffte man sich als Zuschauer neue Erkenntnisse über die Todesursache Barschels und verfolgte mit Spannung, wie Borowski und Brandt nach Genf reisten, um vor Ort, im Beau-Rivage, zu ermitteln. Dabei vertraten die beiden Polizisten die realen Ermittlungspositionen im Fall Barschel. Brandt vermutete einen Mord, Borowski bestand auf Selbstmord und betonte immer wieder, er sei überhaupt nicht wegen Barschel, sondern wegen Sauerland in Genf.

Doch bei Borowski, der in den 80ern in der Barschel-Ermittlungsgruppe war, kamen langsam Zweifel auf. Ein Schweizer Professor, der früher als Dolmetscher mit Geheimdiensten zu tun hatte, steckte ihm, dass Barschel zum Schweigen gebracht werden sollte. Ausserdem habe Sauerland etwas in Barschels Zimmer gefunden. Wieder in Deutschland stiessen die Polizisten auf das Videoband, aus dem die Fotos stammten. Es zeigte, dass Sauerland tatsächlich vor dem «Stern»-Reporter in Barschels Hotelzimmer war und einen Koffer mitgehen liess.

Zu diesem Zeitpunkt musste man höllisch aufpassen, dass man ob des komplizierten Handlungs- und Personengeflechts nicht den Überblick verlor. Die Mühe zahlte sich jedoch aus, je länger der Film dauerte, desto stärker wurde der quasihistorische Sog, der einen in die Barschel-Affäre zog. Bange fragte man sich, wie die «Tatort»-Macher dieses Husarenstück befriedigend aufzulösen gedachten.

Beherzter Clou

Die Angst war unbegründet, das Ende so stringent wie der Rest des Films. Die Journalistin stellte sich als Mörderin heraus; Sauerland musste sterben, weil er an einem Buch über Barschel schrieb und darin erstmals berichtete, dass er in jener Nacht im Beau-Rivage war und den Koffer mitgehen liess. Weshalb er dazu bis jetzt schwieg? Im Koffer befanden sich zehn Millionen Franken, die er sich damals mit der Journalistin teilte – offenbar Schweigegeld, das ein Geheimdienstmitarbeiter Barschel angeboten hatte (tatsächlich wurde in Deutschland vor ein paar Monaten per DNA-Analyse nachgewiesen, dass sich damals eine zweite Person in Barschels Zimmer befand).

Der beherzte Clou des «Tatorts» war, dass besagter Koffer bei Sauerlands Leiche gefunden worden war. Doch als Borowski und Brandt am Schluss des Films dämmerte, um was es sich dabei handelte, war der Koffer bereits aus der Asservatenkammer verschwunden – eine Intervention des Ministers? Des Geheimdiensts? Oder hatte Treunau etwas damit zu tun, der wie Barschel in Verdacht stand, in Waffengeschäfte mit Nahost verstrickt zu sein?

Am Ende begann sich das Verschwörungskarussell von neuem zu drehen. Borowski und Brandt sassen ernüchtert am Fluss. «Vielleicht werden wir den Fall Barschel eines Tages lösen», so der Kommissar. «Versprochen?» – «Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.»

Wie hat Ihnen der «Tatort» gefallen? Meinungen bitte unten eintragen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2012, 21:56 Uhr

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43 Kommentare

Markus Roth

14.10.2012, 22:24 Uhr
Melden 266 Empfehlung 21

Absolut Spitze! Kompex, gute Figuren und trotz der Irrungen und Wirrungen konnte man die Übersicht behalten. Bestes Zitat: "Politiker!" Antworten


Roger Graf

14.10.2012, 22:58 Uhr
Melden 239 Empfehlung 25

Hervorragend!
Das Duo Borowski und Brandt absolut autentisch und stark.
Bitte jetzt -ausnahmsweise, keine Kommentare wie schlechter, unwirkliche Story, langweiliger Sonntagskrimi,etc., etc...
Dies war wirklich ein Krimi allererster Guete.
Ich hoere....:-)
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