Kultur

TV-Kritik: «Stehlen ist mein Job»

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 19.04.2012

Die Diskussion um kriminelle Roma-Kinder ist in den vergangenen Wochen entgleist. Wer vor lauter Überdruss auf den gestrigen «DOK» verzichtet hat, hat einen eindrücklichen Augenschein verpasst.

1/7 «Ich stehle. So ist das Leben», sagt dieses Roma-Mädchen unbekümmert zu den Polizisten, die es gerade gefasst haben.
Bild: Screenshot SRF

   

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Die allererste Szene im «DOK» «Europas verlorene Kinder» verhiess nichts Gutes. Die Reporter rennen mit einer Handkamera Zivilpolizisten hinterher, mitten in eine überfüllte Pariser Metro-Station hinein. Sie sind hinter ein paar Roma-Mädchen her, die gerade Touristen bestohlen haben. Das Bild wackelt, ein Schnitt auf die Kameras im Überwachungsraum, die Metro-Türen schliessen sich, die Diebinnen sind offenbar entwischt. Nicht schon wieder so ein reisserischer Ansatz. Davon gab es in den vergangenen Wochen wahrlich genug.

Mehr als 150'000 Migrantenkinder schlagen sich allein in Europa durch. Ohne Eltern und Verwandte. Einige von ihnen sind gerade mal zehn Jahre alt. Viele haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um aus ihren Heimatländern nach Europa zu fliehen, im Glauben, dass dort ein besseres Leben auf sie wartet. Ein französisches Filmteam hat im Jahr 2010 Roma-Mädchen beim Klauen in Paris und afghanische Jungs bei Fluchtversuchen aus der Zwischenstation Griechenland begleitet. Es hat alles gefilmt, notfalls mit versteckter Kamera, aber ohne reisserisch zu sein, wie es die erste Verfolgungsszene befürchten liess.

«Ich stehle. So ist das Leben.»

Die Zivilpolizisten haben drei Roma-Mädchen doch noch gefasst. Sie sehen aus wie ganz normale Teenie-Girls mit ihren Jeans, Shirts und grossen Handtaschen. Heute stellen die Polizisten darin kein Diebesgut sicher, vermutlich ist eine Kollegin damit entwischt. «Was tust du hier in der Metro?», fragt der Polizist. «Ich? Ich stehle. So ist das Leben», antwortet das Girl unbeeindruckt. «Wie heisst du?» – «Weiss nicht.» «Amidovic?» – «Ja.»

Amidovic – so nennt sich jedes dieser Roma-Mädchen hier. Keines von ihnen ist älter als 13, zumindest nicht offiziell. Damit sind sie zu jung, als dass ihnen die Polizisten etwas anhaben könnten. Fingerabdrücke dürfen sie ihnen nicht nehmen, ihr wahres Alter überprüfen ebenfalls nicht. Die Polizei kann sie höchstens ein paar Stunden lang festhalten. Das wissen die Mädchen genau und klauen ein paar Minuten später einfach weiter. Wie es am besten geht, erklären sie den Reportern gleich selber.

Später trifft das Filmteam wieder auf sie. Dieses Mal in Rom. Etwas ausserhalb des Zentrums leben 10'000 rumänische, serbische oder bosnische Roma. Die Kinder stehlen als Überlebensstrategie. «Entschuldigen Sie, aber das ist mein Job», sagt eine junge Frau, die selber sieben Jahre lang Leute beklaut hat. «Spanien ist gut zum Stehlen. Und Frankreich. Die reichen Länder eben.»

Versteckt unter Wassermelonen

Zweiter Schauplatz. Die Filmer treffen auf der griechischen Insel Lesbos den freundlichen, 17-jährigen Jungen Jek, der vor einem Jahr unter Lebensgefahr allein aus Afghanistan geflüchtet ist – erst zu Fuss durch den Iran und über die Berge in die Türkei, von dort zusammen mit 24 Migranten auf einem Schlauchboot nach Lesbos. Er hat einen Rucksack, ein T-Shirt, einen Pullover, eine Hose, ein Paar Turnschuhe und ein Ziel: aus Griechenland flüchten, um es irgendwann zu seinem Bruder zu schaffen, der in Schweden lebt. Er hofft, dass es dort besser ist als in Griechenland, dem schlimmsten Ort überhaupt. «Ich versuche es, solange ich lebe.» Er wird sich wie all die anderen Jungs hier in einem Lastwagen über die Grenze zu schmuggeln versuchen. Die einen verstecken sich hinter einem der Wagenräder, andere unter einem Berg voll Wassermelonen. Die Fahnder an der Grenze heben jede einzelne peinlich genau auf.

Zweimal hat es Jek schon versucht, beide Male wurde er verhaftet. Bis zum nächsten Versuch harrt er mit 20 oder 30 jungen Afghanen in einer Athener Wohnung aus, ganz still, damit die Nachbarn nichts merken. Eine Nacht zu viert auf einer Decke kostet drei Euro pro Person. «Wir haben Glück. Der Vermieter wäscht die Decken alle zwei bis drei Monate», sagt Jek.

«Europas verlorene Kinder» ist ein schonungsloser, ehrlicher Bericht über Migrantenkinder, die niemanden mehr haben und nur eines wollen: überleben. Was kümmert sie da eine Verhaftung? Die Filmer haben ein Bild gezeigt, das wir selten zu sehen bekommen, ohne blossstellend oder zu sentimental zu sein. Sie konfrontieren Polizisten und Grenzwächter mit Aussagen über unhaltbare Zustände, stellen eigene Nachforschungen an, besuchen verschiedene Schauplätze, befragen die Kinder. Zwar gingen sie nicht auf die organisierte Kriminalität, einen der wesentlichen Aspekte ein. Dennoch kamen sie der Problematik, dem Handlungsbedarf und der grossen Ohnmacht in knapp 60 Filmminuten wohl näher als das reisserische Hickhack der gesamten vergangenen Wochen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2012, 10:17 Uhr

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