Kultur

TV-Kritik: Redefreiheit für das Übersinnliche

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 04.01.2012 49 Kommentare

Im gestrigen «Club» durften Freunde des Übersinnlichen ungestört über Lebenshilfe und Heiler reden, denn Kritiker waren keine geladen. Die Taktik der Sendeverantwortlichen ging jedoch nicht auf.

1/8 Das Medium Nadine Reuter versuchte geduldig, ihre Art des Heilens zu erklären und hofft, dass eines Tages Medizin, Theologie und Heiler zusammenarbeiten werden.
Bild: Screenshot SRF

   

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Mit ihrem Abschlusssatz griff die «Club»-Moderatorin Karin Frei das auf, was einen schon während der Vorstellungsrunde stutzig gemacht hatte: «Wir haben die Diskussion bewusst nicht kontrovers gestaltet.» So fand sich unter den fünf geladenen Gästen zum Thema «Lebenshilfe aus dem Übersinnlichen» tatsächlich niemand, der dem Übersinnlichen kritisch gegenübersteht.

Da war ein Psychiater (hie und da «Eso-Guru» genannt), der gegen seine Knieschmerzen heilende Steine um den Hals trägt und seine Patienten auch schon zu Heilern schickte als Ergänzung zu seiner eigenen Therapie; dazu die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie, ein Appenzeller Volkskundler, der von der sehr geheimen Tradition der Gebetsheilungen im Appenzell erzählte, ein Medium und ein Theologe.

Keine Kritiker in der Runde

Eine unkontroverse Diskussion zum Übernatürlichen – das ist fast schon aufmüpfig von den «Club»-Verantwortlichen, wird doch dem Schweizer Fernsehen immer wieder ein allzu unkritischer Umgang mit Esoterik vorgeworfen. Egal, für einmal sollten diejenigen völlig ungestört zu Wort kommen, die von Skeptikern meist sofort abgewürgt werden.

Auch Karin Frei selber wollte die Rolle der Kritikerin nicht wirklich übernehmen. Ihre Gäste liess sie – wie bereits in ihren Sendungen zuvor – ausgiebig reden. Das in Kombination mit der trauten Einigkeit der Runde war ein Killer für die Sendung, die weder für die Empfänglichen des Übersinnlichen daheim wirklich anregend war noch für die skeptischen Zuschauer. Dabei wäre es die Gelegenheit gewesen, in den Sendeminuten gemeinsam mehr in die Tiefe gehen zu können. Stattdessen hielten sich die fünf Gäste mit ihren eigenen Erfahrungen und Gebieten auf, die kaum Überschneidungen boten. So blieb die Diskussion oberflächlich und oft schwammig.

Herz mit 40'000 Hirnzellen

Das «Medium zwischen der geistlichen und stofflichen Welt» in Form einer sympathischen, jungen Frau etwa versuchte geduldig zu erklären, wie sie zu ihren Informationen kommt, und sprach von einem Trichter, von Stücken eines Kuchens und davon, dass das Herz 40'000 Hirnzellen habe. Hier hätte man nachhaken können, um konkreter zu erfahren, wie alles funktioniert, ohne das Konzept des «bewusst Unkontroversen» zu ruinieren. Dasselbe beim Psychiater. Dieser sprach von unzähligen Studien (wobei er selten konkret wurde) und von verschiedenen Reisen zu Heilern nach Brasilien, Philippinen oder nach Österreich. Zwischenzeitlich fragte man sich, ob er wohl den Faden verloren habe, bevor er doch noch zum Punkt kam.

Ähnlich beim Theologen, der eigentlich interessante Ansätze hatte. Er sagte, dass jede Epoche, jede Kultur, jede Religion das Übersinnliche mit eigenen Erklärungstheorien zu fassen versucht. Er betonte, dass die Wirklichkeit sehr vielschichtig und uns nur ein Teil davon zugänglich sei und die Übersinnlichkeit bloss eine Frage unserer kognitiven Fähigkeiten sei. Dass er nicht begreifen könne, wie sich ein Flugzeug in der Luft halte, habe mit seinen Mängeln in Physikkenntnissen zu tun und nicht mit Übernatürlichkeit. «Die Tatsache, dass wir etwas nicht erklären können, macht es nicht göttlich oder zu etwas Besonderem. Es ist einfach Teil der Wirklichkeit», sagte er.

«Werden wir über die Sendung lachen?»

«Wir finden keine Antwort, sonst würden wir nicht hier sitzen und wären stattdessen weltberühmt», sagte Karin Frei einmal zwischendurch. Die Frage ist, was man denn mit der Sendung genau erreichen wollte. Am deutlichsten schälte sich wohl heraus, wie unzählig viele Ansätze und persönliche Wahrheiten es im Bereich des Übersinnlichen gibt.

Obwohl sich alle grundsätzlich einig sind, ist ein gemeinsamer Nenner nahezu unmöglich zu finden. «Ich wünsche mir, dass eines Tages alle Hand in Hand arbeiten, die Medizin, die Heiler, die Pfarrer, alle miteinander, so dass man eine ganzheitliche Behandlung anbieten kann», sagte das Medium Nadine Reuter hoffnungsvoll. Und Karin Frei fragte zum Abschluss: «Werden wir in 100 Jahren wohl über diese Sendung lachen?» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.01.2012, 09:52 Uhr

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49 Kommentare

Bruno Bänninger

04.01.2012, 11:20 Uhr
Melden 102 Empfehlung

Nur weiter auf diesem Niveau und die Zuschauerquoten stürzen in die Tiefe. Den Verantwortlichen ist das egal, solange wir Kunden des SF gezwungen sind mit Zwangsgebühren allen Quatsch des "service-public" zu finanzieren. Egal ob wir das sehen wollen oder nicht. Antworten


Thomas Meier

04.01.2012, 11:20 Uhr
Melden 93 Empfehlung

Diese Sendung war ein Kaffeekränzchen allerersten Güte. Da darf das Schweizer Fernsehen sich nicht wundern,
wenn immer mehr Leute von SF wegzappen. Wenigstens war's ein prima Einschlafmittel.
Antworten



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