TV-Kritik: Prügelpädagogik von Gottes Gnaden
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 24.09.2009 18 Kommentare
Die Sendung
«Das Kinderzuchthaus - Die Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen», ein «Reporter» von Beat Bieri.
Wenn heute von Kuschelpädagogik die Rede ist, so ist das, was in der Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen üblich war, das pure Gegenteil. 200 Kinder, Waisen und Arme, lebten in dem von hohen Mauern umzäunten früheren Frauenkloster. Der Direktor, jeweils ein Priester, war gemäss ehemaligen Bewohnern ein «unwahrscheinlicher Sadist», ein «brutaler Sauhund» und dazu noch pädophil. Auch die Ordensschwestern, die die Kinder betreuten, waren laut deren Schilderungen alles andere als barmherzig. «Ich hatte mehr Angst vor den Schwestern als vor den Mäusen und Ratten», sagt ein ehemaliges Rathausen-Kind; die brutalen Prügelmethoden der Gottesfrauen werden im Detail ausgebreitet.
Straf- und Arbeitslager für Kinder
Die Vorwürfe wiegen schwer, sehr schwer. Reporter Beat Bieri zeichnet ein Bild einer Hölle, eines unmenschlichen Straf- und Arbeitslagers für Kinder, das die katholische Kirche gut versteckt hinter Klostermauern betrieb. Der Direktor habe sich während den Prügelstrafen sexuell befriedigt. Und bei der obligatorischen Beichte hätten die Schüler ausführlich über Verstösse gegen sechste Gebot (Keuschheitsgebot) berichten müssen, auch wenn es nichts zu berichten gab. Der Priester auf der anderen Seite habe dies obszön-lustvoll aufgenommen. «Wie Telefonsex» müsse das für ihn gewesen sein, so die Schilderung. Nachdem die Behörden 1949 einschritten, rechtfertigte der Direktor seine Straf-Methoden mit dem «göttlichen Recht».
Heute bedauern die Vertreter der katholischen Kirche, was damals geschah. Im Film ist zu sehen, wie in der ehemaligen Erziehungsanstalt eine Gedenktafel errichtet wird, die an die schlimmen Zustände von damals erinnert. Und wie bei der Einweihung darauf hingewiesen wird, dass damals die gesamte Gesellschaft lieber wegschaute und gar kein Interesse hatte, für randständige Kinder anständige Bedingungen zu schaffen.
Waren für einige Kinder die Zustände gar nicht schlimm?
Vier ehemalige Zöglinge kommen zu Wort. Alle vier sind Männer und haben Ähnliches zu erzählen. Hier liegt auch die Schwäche des Films. Was war mit den Mädchen? Ging es ihnen besser? Von ihnen erfährt man nichts. In einem Nebensatz wird angedeutet, dass gewisse Kinder die Zeit im Heim ganz anders erlebt hatten. Weshalb kommen die nie zu Wort? Dass hingegen von der Kirche und der Ordensschwestern nur Leute zu Wort kommen, die nichts mit den damaligen Vorkommnissen zu tun haben, kann man dem Filmemacher nicht vorwerfen: Es dürfte kaum mehr ein Mitarbeiter von damals noch leben, und wenn, so ist es äusserst schwierig, so jemanden vor die Kamera zu bringen.
Auch sonst bleibt einiges unklar. Als Mitte der 50er Jahre die Missstände publik wurden und die Behörden einschritten, sollen sich ehemalige Zöglinge für den Direktor eingesetzt haben. Weshalb? Und waren deren Briefe tatsächlich gefälscht, wie der Film suggeriert? Wir erfahren dies nicht. Damit entsteht der Eindruck, Beat Bieri habe alles, was das Bild der Hölle ansatzweise relativieren könnte, aussen vor gelassen.
Die Zustände waren für viele Kinder gewiss furchterregend, dies soll an dieser Stelle in keiner Weise angezweifelt werden – und doch bleibt am Ende das Gefühl, bei diesem Film nicht ganz alles erfahren zu haben. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.09.2009, 09:51 Uhr
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