TV-Kritik: Leichen ohne Ende
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 06.02.2012 47 Kommentare
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«Tatort»-Folge: «Kein Entkommen»
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Nein, der gestrige «Tatort» war nichts für Freunde des entspannten Krimis am Sonntagabend. «Kein Entkommen» war nämlich gar kein Krimi, das war ein Thriller. Für niemanden gab es ein Entkommen. Wer nicht einem Pistolenschuss oder einem handgemachten Genickbruch zum Opfer fiel, den raffte die Grippe dahin, zumindest kurzzeitig.
Zitronenwasser mit Knoblauch
Bei den Wiener Ermittlern stand Bibi Fellner fast als Einzige auf den Beinen und trotzte den Grippeviren – dank ihres Hausrezeptes: heisses Zitronenwasser mit Honig und einem Schuss Schnaps, dazu frische Knoblauchzehen. Ihr Kollege Moritz Eisner erhob sich von seinem Bett wie Dracula aus seinem Sarg und plumpste schweissgebadet wieder zurück. «Ich brauche Ruhe und keine hysterischen Weiber um mein Bett», kläffte er Bibi und seine Tochter an. Doch kaum liess seine Kollegin das Stichwort «Mord» fallen, war Eisner subito auf den Beinen und innert Stunden genesen. Hätten die beiden Wiener Kommissare geahnt, mit wem sie es zu tun bekommen würden, wäre Bibi Fellner wohl lieber auch zu Eisner ins Krankenbett gestiegen und hätte zusammen mit ihm gewartet, bis alles vorbei ist.
Kein Gelegenheitsmörder, sondern serbische Kriegsverbrecher waren für den Mord am Studenten verantwortlich, der eigentlich Mirko Gradic gegolten hätte. Dieser war früher einer von ihnen. 1995 war er aus der Gruppe der nationalistischen Sveti Tiga ausgestiegen und in Wien untergetaucht, wo er inzwischen unter neuem Namen lebte inklusive einer ahnungslosen Ehefrau und eines kleinen Sohns (auch krank).
Kaum war Mirko Gradic mit Berichten von Gräueltaten aus dem Balkankrieg auf dem Kommissariat aufgekreuzt, standen zwei Ermittler von Interpol auf der Matte. Diese erhofften sich Insiderinformationen von Gradic, um an den Boss der Sveti Tiga heranzukommen, der Milosevic direkt unterstellt gewesen sein soll. Mit der resoluten Rothaarigen, Typ Carla Del Ponte, legte sich Eisner bereits nach wenigen Sekunden an. «Mirko Gradic ist für uns von grosser Bedeutung», sagte die Rothaarige von Interpol (noch gesund, später trotz Ingwerwasser – Geheimrezept vom Yogalehrer – ebenfalls verschnupft). – «Bei uns geht es um einen Mordfall», wehrte sich Eisner. – «Meine Abteilung fahndet nach Kriegsverbrechern. Bei uns geht es um Völkermord.» Das machte Eisner endgültig rasend: «Wollen wir nun Quartett spielen, wer mehr Leichen hat, oder wie?»
Die nächste Leiche folgt bestimmt
Nach und nach verloren alle die Nerven. Kein Wunder, bei der latenten Gefahr durch die serbischen Nationalisten – oder die Grippeviren, die ebenfalls überall lauerten. Die Macher des Wiener «Tatorts» schafften es, die Zuschauer in permanente Anspannung zu versetzen. Es wollte und wollte nicht mehr aufhören. Da konnte sich Mirko Gradic gerade noch mit einem waghalsigen Sprung aus dem Fenster vor dem Mordkommando retten, da wurden seine Frau und sein kleiner Sohn beinahe gekidnappt. Später wurde die Familie unter Polizeischutz gestellt und an einen geheimen Ort gebracht. Natürlich waren die Fenster im gesicherten Haus absichtlich gross, die Dunkelheit absichtlich bedrohlich. Man hatte ständig das Gefühl: Die serbischen Kriegsverbrecher sind schlauer als die österreichische Polizei. Und so war es auch.
Kurz darauf waren 14 weitere Menschen tot. Macht total 15 Leichen. So viele hatte es beim «Tatort» noch nie gegeben. Den bisherigen Rekord hatte eine «Tatort»-Folge aus dem Jahr 2004 mit 14 Leichen inne. Nebst ein paar Serben erwischte es auch mehrere Polizisten und beinahe auch Fellner und Eisner, bevor dieser einen Anführer der serbischen Gruppe erschoss. «Das mach ich nicht mehr mit, das halt ich nicht aus», klagte Bibi Fellner, und der Zuschauer dachte dasselbe.
Hört das denn niemals auf?
Gut, gönnten die Macher den Zuschauern zwischendurch kurze Verschnaufpausen in Form von amüsanten Einschüben. Mal war es ein Nebendarsteller, mal ein Spruch von Eisner, mal einfach ein Niesen im falschen Moment. Sie machen die Leichtigkeit der österreichischen «Tatorte» aus, ohne erzwungen zu wirken. Da waren die rassistische Putzfrau, die mit gebrochenem Deutsch über das ausländische Gesindel wetterte, der übereifrige Einkaufscenter-Boss, dem egal war, wer da ermordet worden war, Hauptsache, der Parkplatz war sauber, oder der Zank zwischen Moritz Eisner und der Interpol-Beamtin.
«Kein Entkommen» hatte bloss ein paar Schönheitsfehler. Warum die Sveti Tiga gerade jetzt Jagd auf den Deserteur machten, war nicht ganz schlüssig. Wie Mirko Gradic die Sache mit dem Schliessfach regelte. Und dass ausgerechnet der freundliche, bärtige Kinderarzt – ein Karadzic-Look-alike – Kopf der serbischen Kriegsverbrecher war, war zu viel der Dramaturgie. Das machte das abrupte, offene Ende jedoch wieder wett. «Das hört ja nie auf», hatte Bibi Fellner zwischendurch einmal gesagt. Nein, offenbar nicht. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.02.2012, 09:35 Uhr
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47 Kommentare
OMG, das war ein hammer-tatort!! vielleicht hätte man die eine oder andere leiche einsparen können, ich fand insbesondere das gemetzel im und ums haus eher überflüssig. an spannung kaum mehr zu überbieten, untermalt mit chopin: was will man mehr! gratulation!!!! Antworten
Dieser "Tatort" war einer der besten seit langem...aber er musste wohl einer mit dem Wiener Team sein,denn in Deutschland in diese political incorrectness,wie sie oben schon mal angesprochen wurde, unmachbar.Gratulation den Produzenten für diesen Mut! Denn vergessen darf man nicht,das viele Themen heute noch blanke Realität sind! Antworten
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