TV-Kritik: Jetzt giftelt er wieder
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 23.08.2011 140 Kommentare
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Lange spekulierte man, wen Roger Schawinski als erstes zu seiner neuen Talksendung «Schawinski» einladen würde. Philipp Hildebrand, Roger de Weck, Christoph Blocher, Roger Federer oder Christoph Mörgeli wurden gehandelt. Am Ende war es dann Privatbankier und NZZ-Verwaltungsratspräsident Konrad Hummler.
Im Vergleich zu obigen Namen eine leichte Enttäuschung – aber who cares, der Star der Sendung ist sowieso Schawinski selbst. Dies jedenfalls legt die Berichterstattung der vergangenen Tage nahe, die nochmals die Rückkehr des verlorenen Sohns an den Leutschenbach thematisierte. Wobei Schawinski keine Gelegenheit ausliess, die Werbetrommel zu rühren, sogar für «Glanz und Gloria» war er sich nicht zu schade.
Schawinskis Strategie
Gestern liess der Talkmeister den Worten Taten beziehungsweise Fragen folgen. Zu später Stunde, um 23 Uhr, eröffnete er die Sendung mit seinem Klassiker: «Wer sind Sie?» Worauf Hummler in sympathischem Ostschweizer Dialekt seinen Werdegang schilderte. Fast wähnte man sich bei der DRS-1-Diskussionsrunde «Persönlich». Dann war aber Schluss mit gemütlich. Schawinski schaltete auf Angriff um, wobei seine Strategie darin bestand, Hummlers Prophezeiungen lächerlich zu machen. Bankgeheimnis, Staatsverschuldung, Renditeziele – überall habe der Banker daneben gelegen. Natürlich hatte Schawinski damit recht. Bloss bestritt Hummler dies gar nicht, sondern entschuldigte seine falschen Voraussagen achselzuckend-charmant.
Als charismatischer Selbstdarsteller und emotionaler Interviewer sorgte Schawinski in der Vergangenheit immer wieder für denkwürdige Gespräche, in denen die Fetzen flogen. Denn wo in anderen Talkformaten gerne mal der Konsens beschworen wird, da suhlt sich Schawinski wohlig in den Widersprüchen der Biografie seines Gegenübers. Das führt selten zu interessanten Erkenntnissen, ist aber meistens höchst unterhaltsam. Gestern ging diese Masche allerdings nur bedingt auf. Zwar nahm Schawinski Hummler wie einen renitenten Schüler an die Kandare und konfrontierte ihn auf einem Bildschirm mit einem früheren Zitat. Auch wechselte er schnell die Themen und ritt so immer wieder neue Attacken gegen Hummler, doch der liess sich einfach nicht provozieren, auch nicht, als er darauf angesprochen wurde, dass er wie ein Krimineller nicht mehr in die USA einreisen könne.
Keine Gegenangriffe
Weil Hummler auch nie zu einem Gegenangriff ansetzte, plätscherte das Gespräch trotz eines aggressiven Roger Schawinski dahin. Bei einem Fussballspiel würde man von einem 0:0 sprechen, bei 80 Prozent Ballbesitz für den Gastgeber. Nicht, dass das auf hohem rhetorischen Niveau stattgefundene Gespräch langweilig war – nur hätte man sich den einen oder anderen Treffer gewünscht. Schade auch, ging ob der Bankenthematik der versprochene Ausflug in die Medienpolitik unter. Hatte sich Schawinski die Zeit falsch eingeteilt? Er schien über das plötzliche Ende der halbstündigen Diskussion auch etwas unzufrieden.
Ob es in Zukunft brenzliger zu und her geht, hängt vor allem vom Gast ab. Schawinski jedenfalls war wie immer: schlagfertig und temperamentvoll, aber auch ungeduldig und impulsiv. Und hier, will man denn eins heraufbeschwören, liegt das Problem von «Schawinski». Obwohl es die erste Ausgabe war, hatte man das Gefühl, die Sendung schon hundertmal gesehen zu haben. Weil unser Land (beziehungsweise unser Landessender) aber nicht gerade mit Sandra Maischbergers oder Frank Plasbergs gesegnet ist, muss man dem Alt-Talker fast dankbar sein, dass er zurück ist. «Wer macht bessere Interviews als ich?», fragte Schawinski kürzlich rhetorisch. Gestern erfolgte die Antwort: niemand. Leider. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.08.2011, 00:59 Uhr
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