Kultur
TV-Kritik: Das perfekte Monster?
Aktualisiert am 05.09.2012 41 Kommentare
Podcast
Auf der Website von Arte findet sich der Podcast zum Film.
Artikel zum Thema
Teilen und kommentieren
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Ein Ex-Banker bezeichnet in «Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt» die 30'000 Mitarbeiter des New Yorker Finanzkolosses als «Mönche», und gerne nahmen Jérôme Fritel und Marc Roche diesen Vergleich auf. Die beiden französischen Filmemacher inszenierten Goldman Sachs als klandestinen Orden mit obskuren Absichten und unterlegten ihren Streifen mit einem Grundraunen, das sie entweder gleich selbst erzeugten oder von Kollegen erzeugen liessen: «Ein undurchdringliches Geheimnis», schwadronierte etwa ein Kollege von «Le Monde», umhülle die Bank.
Beim Raunen bliebs aber – im Gegensatz zu vielen anderen aktuellen Dokumentationen – glücklicherweise nicht. Fritel und Roche zeigten, wie gerissen und rabiat Goldman Sachs seit der Finanzkrise geschäftete und geschäftet. Da war das sogenannte «Abacus»-Projekt, bei dem die Investmentbank ihre Kunden in bester Gordon-Gekko-Manier abzockte: Erst schwatzte sie naiven Normalos für teures Geld Schrottderivate auf, um dann an der Börse gegen exakt diese Papiere zu wetten. Die Kurse sanken, und die Bank kassierte doppelt.
Spannend war auch die Erörterung des nachfolgenden Prozesses und der nahezu genialen Goldman-Strategie. Die Mega-Bank verkürzte die rechtliche Angriffsfläche, die sie nach dem Skandal bot, radikal auf eine Person: auf jene des extrovertierten Bondhändlers Fabrice «The Fabulous Fab» Tourre. Goldman versorgte Tourre mit Top-Anwälten und die Presse offenbar mit pikanten Mails des Franzosen, die Konzernspitze duckte sich danach hinter dem Bauernopfer weg und liess das juristisch-mediale Spektakel unbehelligt vorüberziehen.
Intellektuelle Leerstelle
Neben Analysen wie diesen waren es vereinzelte Anekdoten, die den Film auszeichneten. So etwa jene eines früheren Goldman-Mitarbeiters, der erzählte, wie er an einem Freitagnachmittag in ein Büro geladen worden sei, um dort mit anderen auf einen Oberen zu warten. Der erschien dann allerdings erst um zehn Uhr abends – wer das Zimmer schon vorher verlassen hatte, war seinen Job am Montag los.
Luziden Analysen und solchen süffigen Anekdoten zum Trotz: Den Filmemachern ist kein exzellenter Streifen gelungen. Dies, weil sie ihre Ordens-Metapher nicht zu belegen vermochten. Die These, dass Goldman-Sachs-Kader nach einem Stellenwechsel noch immer das Wohl der Bank höher gewichteten als jenes ihrer neuen, staatlichen Arbeitgeber, blieb hohl. Denn welche Gegenleistung oder Ideologie sollte Ex-Goldman-Mitglieder wie Paulson, Draghi oder Monti zu einer solchen aussergewöhnlichen Loyalität motivieren? Gewaltige heimliche Zuwendungen? Blosse Dankbarkeit für frühere hohe Boni? Extreme Kameraderie? Ayn Rand?
Diese für die Logik ihrer Argumentation fatale intellektuelle Leerstelle vermochten Fritel und Roche nicht zu schliessen. Und sollte ihre Vorstellung vom verschwörerischen Orden ein blosses Hirngespinst sein, so wäre Goldman Sachs eine Investmentbank wie jede andere. Grösser zwar, aber keineswegs dämonischer. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.09.2012, 10:28 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
41 Kommentare
Wäre das nicht die Aufgabe eines Tagi gewesen, hinter die Kulissen zu blicken? Offensichtlich begnügen Sie sich damit, diejenigen, die wenigstens noch versuchen zu recherchieren, zu kritisieren. Die richtigen Fragen haben Sie ja gestellt, allerdings an die Falschen: uns Leser. Jetzt müssten Sie sich nur noch bequemen, die Fragen den richtigen Leuten zu stellen. Dann gibt's Antworten!!! Antworten
Man stelle sich vor ein Arzt verabreicht seinem "Kunden" absichtlich die falsche Medizin, um ihm dann später das Gegenmittel gegen die falsche Wirkung auch noch zu verkaufen. Würde dieser Arzt mit diesem Businessmodel wohl lange überleben? Investmentbanking à la Goldman Sachs tut das seit Jahrzehnten und wenn sie dann bereit wären endlich zu sterben, sind sie "to big to fail"!!! Antworten


Bitte warten







Die Welt in Bildern
















