Kultur

Philippe Zweifel
Ressortleiter Kultur


TV-Kritik: Cenk geht

Aktualisiert am 08.05.2012 57 Kommentare

Der gestrige «Tatort» war der letzte Fall von Cenk Batu. Jetzt übernimmt Til Schweiger. Und ohne vorurteilen zu wollen: Die Absetzung Batus war ein Fehler – das zeigte die grossartige Folge von gestern.

1/9 Das kann nicht gut kommen: Undercover-Agent Cenk Batu verliebt sich.

   

Kritik, Rating, Diskussion

Montag ist «Tatort»-Tag auf DerBund.ch/Newsnet!
Die beliebteste Krimiserie des deutschsprachigen Raums ist zurück im Schweizer Fernsehen. Lesen Sie jeden Montag die Kritik und das Rating der DerBund.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Rating

Folge: «Die Ballade von Cenk und Valerie»

Spannung
Glaubwürdigkeit
Reiz des Milieus
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?

1 Stern

 
10.3%

2 Sterne

 
11.6%

3 Sterne

 
24.4%

4 Sterne

 
33.9%

5 Sterne

 
19.9%

1004 Stimmen


Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Gestern also der letzte «Tatort» mit Cenk Batu. Und die grosse Frage war wie bei allen Folgen mit dem Undercover-Polizisten nicht, ‹who dunnit?›, sondern: Wird er die 90 Minuten überleben? Überhaupt: Wie lässt man einen Kommissar, der nur wenige Krimis machen durfte, abtreten? Wird er in den Innendienst versetzt? Oder kommt er tatsächlich um?

Wer die bisherigen, allesamt grossartigen Batu-Krimis aus Hamburg verfolgt hat, tippte auf Letzteres. Der Mann, überzeugend gespielt von Mehmet Kurtulus, schwebte als verdeckter Ermittler stets in akuter Todesgefahr. Und bereits die ersten paar Filmminuten brachten Gewissheit; der einsame Wolf Batu plantschte verliebt mit einer Frau am Meer. Ein verdeckter Ermittler der Gefühle zeigt – das konnte nur tragisch enden. Dazu blitzartig eingeblendete Bilder aus der Zukunft, die ihn mal blutüberströmt, mal mit dem Bundeskanzler als Geisel zeigten. An der Schläfe des Politikers eine Pistole.

Psychopathische Auftragskillerin

Bereits damit machte Filmemacher Matthias Glasner («Requiem», «Gnade») in seiner ersten «Tatort»-Regie klar, dass auch der letzte Batu-Fall keine Konzessionen an den Mainstream machen würde. Hin und her sprang der Film auf der Zeitachse des Handlungsstrangs. Auch um ein realistisches Szenario foutierte er sich; kein soziales Milieu wurde einem gestern erklärt, sondern ein kühnes Szenario präsentiert, ein letzter Kraftakt des ungewöhnlichsten «Tatort»-Kommissars.

Niemand Geringeres als der Bundeskanzler sollte also umgebracht werden. Weil so die Börsenkurse fallen und eine Gruppe von Brokern über Nacht durch Milliardengewinne reich werden würde. Die psychopathische Auftragskillerin Valerie übernahm den Auftrag, doch wegen Lungenkrebs konnte sie nicht zur Tat schreiten. Stattdessen brachte sie Cenk Batus Freundin in ihre Gewalt und befahl ihm, den Kanzler zu töten. Valerie zur Seite stand ihr Sohn, eine Art Kaspar Hauser, der sich als ihre Schwachstelle entpuppte – er verbündete sich mit Batus gefangener Freundin.

Wie in einer griechischen Tragödie

Wie gesagt, realistisch war das alles nicht. Die Broker waren Karikaturen ihrer selbst, die schon einmal in eine kollektive Ohrfeigen-Orgie ausbrachen. Auch die Motivation der sterbenden Killerin, die Hinrichtung des Kanzlers vor laufender Kamera zu fordern, blieb unerklärt. Dass sie ihren Sohn schiesslich tötete, passte ebenfalls nicht recht ins Bild.

Doch die Ungereimtheiten störten nicht, im Gegenteil, sie lenkten die Aufmerksamkeit weg vom Plot, hin zu den Figuren, die ja eigentlich auch keine klassischen Figuren waren, sondern überzeichnete Abbilder ihrer selbst. Dazu gehörte auch Batu, der Mann ohne Eigenschaften, der gestern mehr von sich offenbarte, offenbaren musste, als je ein «Tatort»-Kommissar vor ihm. Der wie in einer griechischen Tragödie böse werden musste, um das Böse zu vernichten.

Fiebriges Finale

Die Folge mit ihren grotesken Figuren und dem zerzausten Plot war denn auch mehr Theater, mehr Performance, als Krimi. Überleben konnte das der Protagonist nicht; die Bilder, die wir zu Beginn sahen, wurden zur Gewissheit. Zwar tötete Batu den Bundeskanzler nicht, aber der Undercover-Agent wurde von seinen Polizistenkollegen erschossen, als er die Pistole für einen Moment weg vom Schädel des Politikers nahm – weil er in der Menge der angeschwärmten Reporter seine Freundin sah, die sich aus der Gewalt der Killerin befreit hatte. Batus Tod war also umsonst, auch hier wieder die Referenz an die klassische Tragödie, Romeo und Julia kamen einem in den Sinn.

Es war das traurige Ende eines fiebrigen Finales und grossartigen «Tatorts», zumal mit dem toten Cenk Batu auch die Hoffnung darnieder lag, dass «Tatort» mit unkonventionellen Kommissaren und Erzählmustern Erfolg haben kann. Denn trotz famoser Kritiken, vermochte Batu das Gros der Zuschauer nie zu überzeugen. Nun ist die Reihe an Til Schweiger. Und obwohl man auch ihm seine Chance geben muss, ist schon jetzt zu lamentieren: Einer wie Batu kommt so schnell nicht wieder. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2012, 09:23 Uhr

57

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

57 Kommentare

John Kummer

07.05.2012, 09:42 Uhr
Melden 196 Empfehlung 0

Was für ein geiler Fernsehabend dank dem verdeckten Ermittler Cenk Batu! Gemäss Statement vom NRD-Chef ist er "vermutlich" tot. Er bewegte sich zum Schluss noch... Will heissen: Wenn das Publikum ihn wieder will, könnte er zurück kommen! Geniale Idee (verdeckter Ermittler), genial gespielt durch den fantastischen Schauspieler - das muss irgendwann weiter gehen! Wer hat Lust auf Flückiger, Kapo LU? Antworten


Karim Yehia

07.05.2012, 09:52 Uhr
Melden 109 Empfehlung 0

Respekt vor Til Schweigers Leistungen, aber ein guter Schauspieler kann man nicht sein, wenn man immer die gleiche Mimik ausstrahlt. Schade, dass Batu gegangen wurde. Er wird mir als verdeckter Ermittler fehlen. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre