Kultur

SF, zur Sache, bitte

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 04.04.2012 41 Kommentare

Die Quote sinkt, das drängt zur Frage: Wie gut informiert das Schweizer Fernsehen sein schwindendes Publikum? Eindrücke aus einer langen Woche vor dem Bildschirm.

Er hat nicht das Gefühl, dass seine Zeit je abläuft: Stillleben einer wohlsortierten Wohnwand während einer «Arena»-Sendung mit Christoph Blocher.

Er hat nicht das Gefühl, dass seine Zeit je abläuft: Stillleben einer wohlsortierten Wohnwand während einer «Arena»-Sendung mit Christoph Blocher.
Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Das Fernsehen berichtet zu seicht, und seine Redaktionen stehen zu links. Die erste Klage ist so alt wie das Medium selber und sagt oft mehr über den Kläger aus. Die zweite wird von der Rechten seit Jahrzehnten in an- und abschwellenden Litaneien vorgetragen, derzeit tönt sie wieder einmal besonders laut.

Aber da ist noch ein neuer Vorwurf zu hören, und zwar immer häufiger: Wie das Deutschschweizer Fernsehen informiere, interessiere sowieso immer weniger. Dieser Vorwurf ist akut. Denn er betrifft «die Spitzenleistungen des Service public», wie es Radio- und Fernsehdirektor Ruedi Matter letzte Woche formulierte. Zur selben Zeit wurde bekannt, dass SF TV mit einem Marktanteil von 29,8 Prozent das allerschlechteste Jahresergebnis eingefahren hatte. Für das nächste Jahr hat der Sender sein Quotenziel bereits nach unten korrigiert. Wie in anderen Ländern weicht das Publikum ins Internet aus, konsultiert Gratismedien, begnügt sich mit Schlagzeilen, schaltet sich nur noch bei Katastrophe und Spektakel zu.

Lassen sich damit die sinkenden Quoten wegerklären? Eine gute Woche lang hat man sich vom Deutschschweizer Fernsehen informieren lassen. Der Aufwand war deutlich grösser als der Ertrag. Das hat mehrere Gründe.

Geht es nicht etwas schneller?

Bleibender Gesamteindruck: Bedächtigkeit und Umständlichkeiten bestimmen die Berichterstattung, der Hang zur zusammenfassenden Wiederholung, gar zur Nullaussage. Es mag ja sein, dass man, zum wegknipsenden, multimedial verschalteten User verkommen, viel schneller die Geduld verliert als früher. Dennoch die Frage: Geht es nicht etwas schneller, knapper, dichter? Redundanz hat ihre Berechtigung, weil sie eine Nachricht verständlicher macht. Aber warum wird einem immer wieder angekündigt, was einer in die Kamera hineinwiederholt? Warum wird einem immer wieder vorgesagt, dass es nichts zu sagen gibt?

Beispiel «Schweiz Aktuell» vom letzten Freitag. In Altdorf lauert der Innerschweizer Korrespondent Vertretern von Bergkantonen auf, die über die Folgen der Zweitwohnungsinitiative beraten. Alle kommen sie heraus, niemand mag sich äussern. Niemand ausser Markus Züst, dem Urner Baudirektor. Und was sagt er? «Wir haben unsere Positionen festgelegt», sagt er. Ob es denn einen gemeinsamen Nenner gebe, fragt der Journalist nach. «Ja, aber darüber möchte ich nichts sagen.» Und wiederholt es auf nochmalige Nachfrage in anderen Worten. Der Korrespondent wird das später wortreich als «Auslegeordnung» bezeichnen. Schon klar: Er wollte etwas heimbringen nach dem ganzen Aufwand. Aber wer 160 Sender zur Auswahl hat, knipst den Urner Baudirektor ziemlich rasch aus seiner Stube weg.

Dauernd wird angekündigt, was einer dann wiederholt.

Beispiel «10 vor 10» vom selben Tag, Bericht zum Steuerstreit mit Deutschland. In Berlin gebe die Regierung ganz offen zu, hört man, «sie hoffe, dass die SPD nach den Landtagswahlen doch noch einlenkt». Was daran so offen sein soll, lassen wir mal beiseite. Dafür zitieren wir Marianne Kothe, die deutsche Finanzsprecherin, in angemessener Länge: «… und hoffen auch, dass wir dann im weiteren Verlauf, vielleicht auch wenn die eine oder andere Landtagswahl in Deutschland vorüber ist, wir dann zu einem konstruktiven Ergebnis oder zu einem guten Ergebnis für alle kommen können.»

Das mag kleinlich klingen. Wer es aber allzu häufig mit solchen Verdoppelungen und Umständlichkeiten zu tun bekommt, verliert nacheinander die Geduld und das Interesse. Beispiel «Tagesschau» vom Sonntag, Bericht aus Istanbul über ein internationales Treffen zu Syrien. Ein Bericht, der die Weigerung in quälender Länge bestätigt, gegen die Massaker vorzugehen.

«Täuscht der Eindruck, oder klingt das alles etwas vage?», fragt Beatrice Müller, die Moderatorin. Antwort von Pascal Weber, dem Korrespondenten vor Ort: «Ja, man will hier offensichtlich zunächst einmal abwarten, was der UNO-Sondergesandte Kofi Annan morgen dann dem UNO-Sicherheitsrat berichtet. Annan soll dann damit beauftragt werden, einen klaren Zeitplan auszuarbeiten. Aber es ist schon so, man hat hier heute zwar neue Arbeitsgruppen gebildet, welche neue Sanktionen ausarbeiten sollen, die humanitäre Hilfe wurde massiv aufgestockt, und der syrische Nationalrat wurde als legitime Gruppierung anerkannt, mit der man zukünftig zusammenarbeiten will. Aber eine schlüssige Antwort auf die Krise hat man auch heute nicht gefunden.»

Sie fühlen alle so mit

Nun verändert sich die Politik nie im raschen Ausstrahlungsrhythmus der Nachrichtensendungen. Sie wiederholt sich oft und verändert sich, wie jeder Brüsseler Berichterstatter und jeder Bundeshauskorrespondent weiss, entweder zeitlupenhaft oder abrupt. Für diese Art von Ankündigungsrhetorik braucht es aber weder einen Korrespondenten noch eine «Tagesschau».

Im interessanten Gegensatz zu solchen Umständlichkeiten wird das Bedürfnis von Moderatoren spürbar, Gefühle zu zeigen oder wenigstens einen flotten Eindruck zu machen. Immer wieder gehen die Emotionen hoch, von der deutschen Piratenpartei bis zum Schwyzer Parlament. Gelegentlich werden Szenen auch mit Krimimusik unterlegt, etwa bei der «Rundschau» zu Christoph Blocher oder in «10 vor 10» zum Steuerstreit: der Sound zum Bericht.

Flapsigkeit wird mit Publikumsnähe verwechselt

Sehr emotional geht es auch im «Club» zu. Das lässt sich nach dem Busunglück von Siders nachvollziehen. Trotzdem kann einem die Angewohnheit der Moderatorinnen auf die Nerven gehen, sich als Gefühlsmelkmaschinen zu betätigen. «Was haben Sie dort erlebt?», fragt Mona Vetsch etwa, «haben Sie noch Erinnerungen an die ersten Stunden?» Oder: «Was war das für eine Situation, als Sie das Bild gemacht haben?» Es kommt einem vor, als liesse sich mit der Beschreibung einer Gefühlslage Authentizität herstellen.

Zurück zu den Nachrichtensendungen, wo es mitunter munter zugeht: «Sie hats tatsächlich geschafft», erfahren wir zur Wahl von Aung San Suu Kyi, als sei die burmesische Oppositionspolitikerin in die Super League aufgestiegen. «Ja was denn nun, liebes Deutschland: Steuerabkommen ja oder nein», heisst es im bereits erwähnten Bericht von «10 vor 10». In solchen Formulierungen, die Flapsigkeit mit Publikumsnähe verwechseln, spürt man den Einfluss der Privatsender, und der Einfluss tut nicht gut.

Am meisten überzeugen jene Beiträge, bei denen das Fernsehen Bilder sprechen lässt

Der erwähnte Bericht zum Steuerstreit ist übrigens, bei aller Detailkritik, ausgezeichnet geraten: klar im Aufbau und vielseitig in der Visualisierung. Dasselbe gilt für den Nachzieher am Montagabend. Zum Reizthema «Deutsche Fahnder in der Kritik» bringt «10 vor 10» eine elegante Zusammenfassung der Vorgeschichte, zitiert mehrere Stimmen zum Vorgehen der deutschen Steuerbeamten und ergänzt den Beitrag mit einem exklusiven Interview. Die Fragen von Moderatorin Christine Maier an den SPD-Finanzminister von Nordrhein-Westfalen klingen defensiv. Aber die Antworten machen klar, warum deutsche Politiker auf ihrer Position beharren.

So banal es klingen mag: Am meisten überzeugen jene Beiträge, bei denen das Fernsehen Bilder sprechen lässt. Stellvertretend genannt: der vorzügliche Bericht von «10 vor 10» am Donnerstag über die bettelnden Roma von Genf. Die verwitterten Bettler begründen, warum sie hierherkommen, eine Vertreterin für Menschenrechte erklärt ihr Verhalten, die Polizei kritisiert es, Passanten beklagen deren Vorgehen, zwischendurch werden die verdreckten Schlafstellen unter den Brücken gezeigt. In wenigen Minuten wird das Problem dargestellt: unpolemisch und eindringlich.

Reden und doch nichts sagen

Einmal mehr haben Christoph Blocher, seine Partei, Freunde und Gegner die Berichterstattung der letzten Woche dominiert – nicht nur am Fernsehen, dort aber in vielen Sendungen. Wenn sich das Reden über ihn schon nicht vermeiden lässt, dann sei wenigstens die Frage gewagt, ob es nicht auch mit etwas weniger Blocher-TV gegangen wäre.

Beispiel «Tagesschau» vom letzten Mittwoch, erster Beitrag in der Hauptausgabe: Die Immunitätskommission hat ihre erste Sitzung zum Fall Blocher abgehalten. Obwohl sie bloss das Vorgehen diskutierte und nicht vor Ende April überhaupt dazu kommt, einen Entscheid zu treffen, wird Bundeshauskorrespondent Hanspeter Forster um eine Auslegeordnung gebeten. Das sei «naturgemäss ganz, ganz schwer zu sagen, das ist schwer vorauszusehen», sagt er, tut es dann aber trotzdem: kompetent zwar, aber überlang.

Immer gleiche Leute, immer gleiche, faltige Debatten

Beispiel «Rundschau» am selben Abend. Es geht im ersten Beitrag um die These, dass sogar die Leute in Blochers eigener Partei langsam genug von ihm haben. Statistische Bestätigung liefert eine Umfrage der «SonntagsZeitung». Die meisten Interviews der «Rundschau» bleiben vage. Entweder wollen die Leute nicht vor der Kamera reden, oder sie wollen nur ein wenig weniger Blocher. Dass die «Rundschau» im selben Beitrag SVP-Parteipräsident Toni Brunner in aller Länge sagen lässt, dass er nichts sagen will, macht die Sache nicht besser, bloss länger. Immerhin wird diesmal, anders als in der Sendung zuvor, nicht noch «Blocher-TV» eingespielt.

Und dann am Freitag die «Arena». Eine Sendung also, die so stark unter dem sinkenden Publikumsinteresse leidet, dass sie selber unters Volk will. «Arena vor Ort» nennt das Direktor Matter. Man fragt sich, welchen Standort er sich für die letzte Ausgabe gewünscht hätte: Christoph Blochers Garten? Denn es dreht sich an diesem Abend wieder alles um ihn. Ungünstigerweise kommt dazu, dass die Besetzung ebenso wenig überrascht wie das Thema. Zuvorderst verbeissen sich die Zürcher Nationalräte Christoph Mörgeli und Daniel Jositsch von SVP bzw. SP, flankiert vom BDP-Präsidenten Hans Grunder.

Warum das Interesse sinkt

Dazu stehen der Ringier-Mann Hannes Britschgi bereit und der «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel sprungbereit. Den hat man schon am Montag auf TeleZüri und auf Radio 1 gehört und am Donnerstag in der «Weltwoche» gelesen. Und jetzt bekommt man ihn noch am Freitag serviert, und wie. «Nur einen Satz» wolle er noch anfügen, sagt er. Beim ersten Mal fügt er sieben Sätze an, beim zweiten Mal hört man nach dem zehnten auf zu zählen.

Dass die «Arena» immer weniger interessiert, hat zwei Gründe. Erstens versteht Moderator Urs Wiedmer seinen Job falsch. Er müsste als Schiedsrichter auftreten, der das Spiel leitet. Stattdessen gibt er den Balljungen, der den Spielfeldrand entlangrennt. Zweitens hält hier das immer gleiche Personal seine immer gleichen, faltigen Debatten ab. Wie sehr sich Blocher als Thema abgenutzt hat, scheint selbst Christoph Mörgeli zu merken: «Die Leute sagen, was ist das für ein Kindergarten?», fragt er, wofür er «ein gewisses Verständnis» bekundet. Bis zum nächsten Satz.

«Er hat nicht das Gefühl, dass seine Zeit je abläuft»

Und wie viel Verständnis hat Blocher selber? Hört er die Stimmen, wonach seine Zeit langsam abgelaufen sei? Die «Rundschau»-Moderatorin Sonja Hasler fragt das Markus Somm, den Blocher-Biografen. Natürlich höre er diese Stimmen, gibt der zurück, nur: «Christoph Blocher ist jemand, der nicht das Gefühl hat, dass seine Zeit je abläuft.»

Man greift nach der Fernbedienung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2012, 08:47 Uhr

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41 Kommentare

Jan Holler

04.04.2012, 09:28 Uhr
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Greife nicht nach der Fernbedienung, denn schalte schon gar nicht mehr an. Ich kann all die Klapproths, Ruefers, Vetschs weder mehr hören noch sehen. Sie sind alle so gleich, gehen wohl alle durch die selbe SF-Schule (ganz besonders schlimm ists beim Sport). Das Niveau des SF verharrt auf Stufe Sekundarschule.
Und ja, immer wieder Blocher, Köppel, Mörgeli + Co ist einer der grössten Absteller.
Antworten


Tom Müller

04.04.2012, 10:17 Uhr
Melden 39 Empfehlung 0

Und für diesen schlechten "Service publique" auf ca. 20 Sendern (TV+Radio) zahlen wir 460 Stutz im Jahr... Antworten



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