Kultur

Meine Mutter ist meine beste Freundin

Von Simone Meier. Aktualisiert am 25.02.2011 8 Kommentare

Ist der Generationenkonflikt tot? Eltern von heute wollen so jung sein wie ihre Kinder. Und diese haben Besseres zu tun, als en famille zu rebellieren. Um Erziehungsfragen kümmert sich sowieso das Fernsehen.

Blauäugige Harmonie bei den «Gilmore Girls»: Mutter Lorelai (Lauren Graham) und Tochter Rory (Alexis Bledel).

Blauäugige Harmonie bei den «Gilmore Girls»: Mutter Lorelai (Lauren Graham) und Tochter Rory (Alexis Bledel).
Bild: Keystone

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Eltern haben heute nicht mehr einfach Kinder. Eltern haben heute Freunde. Sehr junge Freunde. Jedenfalls jene Gruppe von Eltern, die sich in einem jahrelangen Ego-Loop spielerisch selbst gefunden hat. Die das Kindsein jenseits des Kinderzimmers entdeckte und die Ecstasy-Pille als Smarties-Nachfolge. Die Erwachsenwerden für eine Existenzkrise hielt. Sie hat den Jugendwahn internalisiert und im Verhältnis zu den eigenen Kindern die Lösung ihres Problems gefunden: Sie hat ganz einfach den Generationenkonflikt abgeschafft. Die späten Kinder begegnen ihren Kindern jetzt auf Augenhöhe. «Mis Mami laat mich vili Sache mache, ihri CDs lose, ihre Computer bruuche», heisst es in einem TV-Spot für Milchschnitten.

Gleich zu Beginn unseres Jahrtausends erkannten die Macher der nimmertoten TV-Serie «Gilmore Girls» (2000 bis 2007, derzeit auf Vox) die Beliebtheit des beliebigen Zerfliessens von Generationengrenzen: Die «Gilmore Girls» sagen schon im Titel, dass es sich bei der alleinerziehenden Mutter und ihrer fast erwachsenen Tochter um gleichberechtigte Girls handelt. Um zwei Wesen also, die der Phase exaltierten Gekreischs während langer Telefongespräche noch nicht entwachsen sind. Und die 52-jährige Madonna sagt über ihre 14-jährige Tochter Lourdes, die in geschäftlichen Belangen schon längst zu Madonnas Beraterin avanciert ist, Lourdes sei «brutal ehrlich» und würde ihre Mutter regelmässig in den Senkel stellen. Sollte das nicht umgekehrt sein? Ach nein, nicht für die Frau, die ewige Jugend will und deshalb am liebsten auch nur noch auf die Jugend hört. Denn was sagt sie über sich und Lourdes? «Wir sind eher wie Freundinnen.»

In die Karriere integriert

Real existierende Mütter fahren heute regelmässig allein mit ihren Teenagertöchtern in die Ferien und finden das «noch lässig». Auch wenn sie sich tagein, tagaus nichts anderes anhören müssen als Castingshow-Sehnsüchte und Kleiderprobleme. Das ist dann annähernd so wie die Gespräche in «Sex and the City», nach denen sich die Frauen von heute, die sich noch nicht für wirklich alt und für konsumtechnisch kompetent halten, heimlich oft sehnen. In Zeiten, da die sogenannte Retail-Therapy, also die Shoppingtherapie, ernsthaft als erholsamer und tröstlicher weiblicher Zeitvertreib propagiert wird, gehören auch Gespräche darüber zum Wellness-Repertoire.

Nicht nur in den «Gilmore Girls», auch von ganz anderen Seiten hört man oft den unglaublichen Satz: «Meine Mutter ist meine beste Freundin!» Justin Timberlake sagt das zum Beispiel sehr gerne und fügt hinzu: «Und keine meiner Freundinnen kann es mit ihr aufnehmen.»

Antifeministische Retro-Seligkeit

Was für ein Horror! Man kennt das von früher, aus den Fünfzigern und Sechzigern, als in der TV-Werbung bittergesichtige Schwiegermütter mit am Tisch sassen und den jungen Ehefrauen ihrer Söhne vorwarfen, die falsche Gewürzmischung zu benutzen. Oder vom Serienmontagabend auf SF 2 von vorletzter Woche, als in den «Desperate Housewives» Linette Scarvos Mann seine eigene Mutter als Babysitter einstellte und in deren Fürsorge sehr schnell und anschaulich wieder zum verwöhnten Muttersöhnchen regredierte. So konservativ die «Desperate Housewives» in ihrem vorstädtischen Herzen auch sind – sie sind immerhin die Lieblingsserie von Laura Bush –, das war dann doch zu viel, und die antifeministische Retro-Seligkeit von Linettes Schwiegermutter wurde flugs als Demenz entlarvt.

Und so was findet Justin Timberlake (immerhin reife 30) nun also gut. Er findet es sogar so gut, dass seine Mutter seine Managerin ist. So, wie auch Justin Bieber (16) ständig von seiner Mutter begleitet wird, der er den lieben Sohn-Song «Mama’s Boy» gewidmet hat. Oder so, wie Miley Cyrus (18) in ihrer TV-Serie «Hannah Montana» Hannahs Vater von ihrem eigenen Vater spielen lässt, während ihre Mutter ihre Managerin ist.

Wenn Eltern zu Fans werden

Es handelt sich bei diesem neuen Typus von Manager-Müttern jedoch nicht um die «Eislauf-Mütter» von früher oder gar um die «Tiger Moms» von heute, die ihre Kinder zu Höchstleistungen drillen. Sie sind vielmehr die ersten und grössten Fans ihrer Kinder und bieten diesen die gleiche emotionale Rückversicherung wie die Eltern all der Castingshow-Teilnehmer. Diese sitzen Show für Show getreulich im Publikum, tragen geschmacklose T-Shirts mit dem Bild ihres Sprösslings, jubeln mit Transparenten oder schwenken Pompons, kommen in Heidi Klums «Germany’s Next Topmodel» an einen regelrechten Elternbesuchstag und weinen mit, wenn Heidi sagt: «Ich habe heute leider kein Foto für dich.»

Es fällt besonders in dieser Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS) auf, wie sich Eltern und Kinder darauf geeinigt haben, dass Dieter Bohlen, der ja bald selbst zum fünften Mal Vater wird, ein Guter sei. Streng, aber absolut vertrauenswürdig. Das proletarisch ehrliche Gegenteil des Herrn zu Guttenberg. Man kann den lästigen Anteil der Erziehung beruhigt an ihn delegieren und staunen, was dabei herauskommt. Oder wie eine Mutter am letzten Samstag sagte: «Ich habe meine Denise als Kind losgeschickt, und eine junge Frau ist zurückgekommen!» Und ein Vater: «Wir sind so stolz auf unseren Sebastian! Wir wussten gar nicht, dass er sooo gut ist! Und mit jeder Sendung lernen wir neue Seiten an ihm kennen!»

Sebastian Wurth (16) ist derzeit der Kronfavorit von DSDS oder auch «der deutsche Justin Bieber». Sein Vater ist Musiklehrer, und Sebastian gehört damit zu jenen elternfreundlichen und superpflegeleichten Kindern von heute, denen eine pubertäre Distanzierung von den Eltern nicht im Traum in den Sinn kommt. Im Gegenteil: Sie saugen das elterliche Umfeld bedenkenlos auf und reproduzieren drauflos, ob sie nun Sebastian Wurth oder Helene Hegemann (18) oder Lourdes Maria Ciccone Leon heissen.

Altmodische Autonomie

Und wieso? Etwa, weil es sich in der unangekratzten Harmonie leichter leben lässt? Weil Eltern auf dem Weg zur Selbstverwirklichung auch nur eine von vielen manipulierbare und benutzbare Grösse sind? Oder ist es, weil die Worte Protest und Revolution für sie heute als Facebook-Phänomene existieren und nicht mehr an das altmodische Konstrukt Familie gekoppelt sind? Die Idee, dass ein Ablösungsprozess notwendig ist, dass es erstrebenswert sein könnte, einmal als autonomer Mensch aus eigener Kraft dazustehen und nicht als Summe seiner Erbanlagen, dass es einen Sicherheitsabstand braucht zwischen sich und seiner Herkunft, die ist schon längst verpufft. Zwischen virtuellen Identitätsentwürfen und medialen Spiegelkabinetten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2011, 19:57 Uhr

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8 Kommentare

David Vogel

25.02.2011, 10:26 Uhr
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Da scheint jemand in sehr distanzierten Verhältnissen aufgewachsen zu sein. Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll doch vertraut und freundschaftlich sein. Auch ich mag es Zeit mit meinen Eltern zu verbringen, das macht sie noch lange nicht zu hormonsprühenden Riesenbabys. Solange Kleidungsstil und Sprache nicht zu jugendlich werden, passt das wunderbar. LIEBE ist das Stichwort!!!! Antworten


justine weber

25.02.2011, 12:03 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich vermute mal die Autorin hat keine Kinder?
Was gibt es schöneres als eine Freundschaft zwischen Eltern und Kind?(natürlich reden wir hier von Teenagern, nicht von Kleinkindern) Eine Freundschaft in diesem Sinne hat nichts damit zu tun dass die Kinder keine eingeständigen Wesen sind! Nein, es zeigt, dass das Verhältnis zu den Personen, die einem Vorbild und Wegbereiter sind, nicht gestört ist!
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