Kultur
«Man hätte sich mehr an angelsächsischen Formaten orientieren sollen»
Aktualisiert am 16.04.2012 17 Kommentare
Michael Steiner (*1969) ist der erfolgreichste Schweizer Regisseur der Gegenwart. Seine bekanntesten Filme sind «Mein Name ist Eugen», «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» und «Sennetuntschi». Sein neuster Streifen «Missen-Massaker» kommt im Herbst in die Kinos. (Bild: Keystone )
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Herr Steiner, Sie haben mit ihren Filmen mehrfach den Nerv des Massenpublikums getroffen. Weshalb haben die Miss-Schweiz-Wahlen Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren massiv an TV-Zuschauern eingebüsst?
Ich sehe das etwas anders, der Marktanteil war bis zuletzt sehr gut; ich glaube nicht, dass die Zuschauer die Sendung grundsätzlich nicht mehr wollen. Das Problematische an den Schweizer Miss-Wahlen ist wohl, dass wir uns an der Grenze des Raums befinden, in welchem solche Wahlen funktionieren. In südlichen Regionen sind Miss-Wahlen einfach ein Unterhaltungsformat ohne grosse Kontroversen – aus Liebe zum Schönen im Leben – und wir befinden uns eben genau in der Schnittmenge, auf dem Alpenkamm, haben noch einen südlichen Einfluss, Katholisches in uns. In nördlichen Ländern funktionieren Miss-Wahlen schlechter.
Was hätten Sie geändert an der Sendung?
Ein kleines Refreshing hätte der Sendung schon gutgetan; man hätte sich mehr an ähnlichen angelsächsischen Formaten orientieren, vielleicht ein internationales Jury-Mitglied einbinden sollen.
Verblüffend war ja, wie unterschiedlich die Missen reüssierten. Sonja Grandjean kennt heute kaum noch jemand, Melanie Winiger oder Christa Rigozzi hingegen sind medial dauerpräsent.
Das hat zum einen tatsächlich mit der Persönlichkeit der Missen zu tun – Rigozzi kann einfach gut geradeaus plaudern und hat den Nella-Martinetti-Charme – andererseits ist das Missen-Business auch stark konjunkturabhängig. Wenn sich die Sponsoren stärker zurückhalten, dann gibts logischerweise auch weniger Geld. In den letzten Jahren war es wohl weniger hip, seinen Firmenanlass von einer Miss Schweiz moderieren zu lassen.
Sind vielleicht zwei, drei medien-untaugliche junge Frauen zu viel zur Miss-Schweiz gekürt worden?
Nein, das glaube ich nicht. Hinter den Miss-Schweiz-Wahlen steht eine hochprofessionelle Maschinerie was Auswahl und Marketing betrifft. Aber natürlich kann man den Ausgang der Wahl nicht beeinflussen und somit besteht glücklicherweise die Möglichkeit, dass nicht immer das hellste Sternchen gewinnt – ganz zur Freude der Regenbogenpresse.
Sie drehen gerade den Film «Missen-Massaker», im Herbst soll er in die Kinos kommen. Beeinflusst die Absage den Film?
Nun, wir helfen natürlich gerne jenen, die die Wahlen vermissen werden. Dieses Jahr finden die Miss-Wahlen im Kino statt! Und wie bei der richtigen Show wird nur eine Miss Schweiz.
Die, dies überlebt, nehme ich mal an.
(lacht) Das sehen Sie dann im Kino. Was mich an den Miss-Wahlen aber besonders interessiert hat, ist die Oberfläche, das natürlich anmutende Künstliche. Bei der Umsetzung habe ich mich damit intensiv auseinandergesetzt. Vor allem zeitgenössische Künstler wie Jeff Koons, Will Cotton oder andere High-Gloss-Künstler waren Inspirationsquellen, um den Mädchen beim Davonrennen im Dschungel den richtigen Look zu geben.
Sollten Sie statt der ohnehin abgesetzten Missen nicht besser Reality-Soaps und Casting-Shows filmisch massakrieren?
Es geht um die Grundeigenheiten eines Schönheitswettbewerbs, die sind bei Miss-Wahlen und Casting-Shows dieselben. Eine Gruppe schöner Frauen fährt in ein Camp fernab der Zivilisation – und dort geschieht das Unheimliche… wir fahren die klassische Horrorschiene.
Die Miss-Wahlen wurden hartnäckig begleitet von Mahnern, die in der erwähnten Oberflächlichkeit der Wahlen eine Gefährdung der Jugend erkennen wollten. Stimmen Sie in diese pädagogische Kritik ein?
Genau, ich werde jetzt zum Moralapostel im Geiste Zwinglis. Ernsthaft: Ich glaube nicht, dass junge Mädchen wegen Miss-Schweiz-Wahlen und ähnlichen Showformaten psychisch krank werden – solche Störungen sind im Umfeld verankert; ich bin ein Gegner pseudoprophilaktischer Massnahmen. Die Verfechter solcher Verbote sind antiliberale Eiferer. Die Diskussion über Schönheitsideale und deren Veränderung gibt es aber, seit der Mensch Kultur kennt. Umberto Ecos «On Beauty» und «On Ugliness» sind da empfehlenswerte Werke, will man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.04.2012, 14:49 Uhr
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17 Kommentare
Ich finds höchst erfreulich, dass soviele Zuschauer sich von dieser frauenabwertenden Fleischbeschau abgewendet haben. Und dazu kommt noch spezifisch das normale Schweizerinnen diskriminierende Schönheitsideal, das zelebriert wurde: Je exotischer, umso schöner. Ha, mich freuts, hoffentlich bleibt die Veranstaltung, wo sie jetzt ist und wo sie hingehört: in der Versenkung. Antworten


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