Ich wäre gerne Fan, aber ...
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 20.10.2011 18 Kommentare
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Aktuell sind alle Rugby-begeistert. Die Berufskollegen, die Freunde und natürlich Matthias Hüppi vom «Sportpanorama». Dort zeigte er in der letzten Ausgabe minutenlang Rugbyszenen – in Zeitlupe. So begeistert war er von der Dynamik des Sports. Das muss Hüppi natürlich, ist schliesslich sein Job. Er kann ja schlecht hinstehen und sagen: «Alle sind Rugby-Fan, nur ich nicht.» Aber genau so geht es mir. Dabei wäre ich gerne Rugby-Fan. Oder besser gesagt: Ich wäre gerne Fan irgendeines Sports. Weil Fan-Sein ganz offenbar ein tolles Hobby ist. Man hat stets was zu tun, ist unter Leuten und hat einen guten Grund, Alkohol zu trinken.
Doch was heisst hier Hobby? Leidenschaft! Früher mochten die Menschen einen Sport, heute lieben sie ihn. So fest, dass man sich Farbe ins Gesicht malt und absurde Hüte mit seitlich montierten Klatscharmen überzieht. Und wenn das eigene Team punktet, murmelt man nicht mehr anerkennend «Bravo», sondern zündet eine Petarde.
Darüber kann man sich nun aufregen. Oder anfangen zu interpretieren. Von wegen künstlich hochgepeitschte Emotionen, die eine innere Leere füllen müssen. Aber das sei den Kulturtheoretikern und Psychiatern überlassen. Stattdessen suche ich den Fehler bei mir. Wenn alle Sportleidenschaft besitzen, muss mit mir was nicht stimmen. Deshalb nennen mich meine Freunde, die dank HD-Beamer und Leinwand noch die marginalste Sportart zu einem Happening pushen können, den «Miesepeter». Weil ich bei Live-Übertragungen zu wenig euphorisch bin. Oder keine Wetten abschliessen mag.
Das Biathlon-Studio
Bloss: Wie wetten, wenn man keine Ahnung hat? Wenn man die Curling-Regeln nicht kennt? Oder Biathlon nicht versteht? (Letzteres ist jene Sportart, bei der man langlaufen und schiessen muss und die ganz Deutschland an die Fernsehgeräte fesselt, seit die Deutschen so gut darin sind. Ähnliches war beim Frauenfussball zu beobachten. In der Schweiz ist hier das Skispringen zu nennen.)
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich habe ein Manko. Zwar schaue ich auch Champions League oder ab und zu Roger Federer, aber das zählt nicht. Richtige Sportfans geraten auch bei Randsportarten in Fahrt. Diese Fähigkeit unterscheidet sie etwa von den Fussball-Nati-Anhängern, für die sie nur Hohn und Spott übrig haben. Die wahren Sportfans müssen nicht ins Stadion, sie bleiben zu Hause vor dem Fernseher. Kommen ein paar Gleichgesinnte dazu, entsteht ein «Studio». Ein CL-Studio zum Beispiel. Oder eben ein Biathlon-Studio.
Weil ich auch schon aus einem solchen Studio herausgemobbt worden bin, nahm ich mir kürzlich vor, mich selbst zu erziehen. Ich schaute Rugby. Nicht in Zeitlupe, sondern the real thing. Aber es wollte sich trotzdem keine Euphorie einstellen. Dieser Sport ist ein grosses Durcheinander. Die Schiedsrichterentscheide sind willkürlich, trotzdem motzen die Spieler nicht. Es gibt keine Highlights; ab und zu tut sich ein leerer Raum auf, dort rennen dann alle hin. Bezeichnenderweise springt bei Rugby der Ball schräg weg.
Es gibt Hoffnung
Weitere TV-Randsportarten, die von Kennern verfolgt werden: Golf, Reiten, Segeln. Na ja. Dann noch lieber Curling. Oder Eishockey. Nein, das nun doch nicht. Eishockey ist der langweiligste Sport der Welt. Der Puck ist zu schnell für die Kamera, und die Tore fallen unregelmässig und abrupt.
Ich wollte mich schon geschlagen geben, als ich beim Schweizer Sportfernsehen ein Cup-Spiel sah. Zürich gegen den Erstligisten Grenchen. Nach dem 5:0-Sieg strahlte FCZ-Trainer Fischer im Interview: «Darauf kann man aufbauen.» Das war super. Doch es kam noch besser beim Sportfernsehen: Berichte aus der Challenge League. Da wird auf Plätzen gespielt, die an Wiesen erinnern, dazu regnet es meistens, und die Kameraperspektive ist mehr oder weniger ebenerdig. Schaut das jemand? Nein? Grossartig, da werde ich nun Fan. Und zwar leidenschaftlich. Hopp FC Wohlen! (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.10.2011, 10:56 Uhr
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18 Kommentare
Ich habe mich - als Passiver - aus den Hauptsportarten (Fussball, Eishockey) in die Randsportarten zurück gezogen: Boxen, Fechten, Handball, Curling, Skispringen. Die Leistungen sind gleichwertig. Die Sportler authentischer, das Publikum angenehmer. Auch sind die Finanzen kein Thema. 53 Mio. für einen Fussballertransfer. Was solls? Alle, die Vasellas Millionen kritisieren, jubeln hier ... (?) Antworten
Dass Eishockey nicht telegen sein soll, grenzt schon beinahe an Verleumdung! Im Gegensatz zum Fussball tut man sich da nicht schwer mit Torkameras etc. Die Spielzeit ist genau definiert, es kann nicht mit billigen Schwalben und Rumgeheule Zeit geschunden werden und man braucht auch nie über die Nachspielzeit zu diskutieren. Zudem läuft wenigstens was, auch wenn man den Puck nicht immer sieht! Antworten
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