Kultur

«Grüezi, wir sind aus der Schweiz»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 31.05.2011 73 Kommentare

Frank Baumann hat für seine neue Sendung Deutschland bereist. Der Moderator über Angela Merkel, Dolly Buster – und die Frage, wie man Deutsche integriert.

1/4 Wie tickt Deutschland? Frank Baumann (l.) im Gespräch mit Toten-Hosen-Sänger Campino.

   

Grüezi Deutschland

In seiner neuen Sendung will Frank Baumann herausfinden, was die Deutschen und Schweizer verbindet und trennt – und warum die Deutschen scharenweise ihr Land in Richtung Schweiz verlassen. Dazu reist der Werber und Fernsehmacher in fünf Folgen durch Deutschland und trifft Menschen zum Gespräch.

«Grüezi Deutschland» läuft vom 3. Juni bis 1. Juli 2011 jeweils freitags um 21 Uhr auf SF 1 und HD suisse.

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Herr Baumann, die Dreharbeiten sind fertig. Haben Sie etwas Neues über die Deutschen gelernt?
Ja, es sind sämtliche Vorurteile entkräftet worden. Vieles, was wir über die Deutschen zu wissen glauben, trifft nicht zu. Mindestens nicht auf die Deutschen, die wir in Deutschland getroffen haben.

Wie sind die Deutschen denn tatsächlich?
Freundlich, hilfsbereit und gesprächig.

Als halber Deutscher sind Sie allerdings befangen.
Ich bin sogar zu drei Vierteln Deutscher. Trotzdem war ich vor den Dreharbeiten ein ziemlicher Schwabenhasser. Und jetzt bekomme ich womöglich das Bundesverdienstkreuz als eine Art Sonderwerbebotschafter.

Im Sendebeschrieb heisst es, Sie wollten «Klischees überprüfen». Wie macht man das?
Ganz einfach, indem man die Leute anspricht: «Grüezi, wir sind aus der Schweiz.» Und dann ein Gespräch beginnt. Fragen habe ich mir jeweils keine vorbereitet.

Auch bei Angela Merkel nicht?
Natürlich haben wir uns da zuvor angemeldet. Aber sonst liefs ähnlich ab. Ich sprach mit ihr, nachdem sie zwecks Wahlkampf ein Ozeaneum besucht hatte. Sie sagte: «Guten Tag, was sind Ihre Fragen?» Ich: «Ich habe keine Fragen.» Sie: «Und wann fangen wir mit dem Interview an?» Ich: «Wir haben schon angefangen.» Am Schluss sagte sie, durchaus erfreut, dass sie noch nie erlebt habe, dass man so mit der Kanzlerin rede. Worauf ich erwiderte: «Sie sind ja auch nicht meine Kanzlerin.»

Über was haben Sie mit Merkel denn geplaudert?
Mich hat vor allem interessiert, wieso sie in der Schweiz eine Werbekampagne für Mecklenburg-Vorpommern macht. Von da kamen wir auf das Thema Abwanderung zu sprechen – ein grosses Problem in Deutschland. Merkel sah das allerdings nicht als Problem. Dabei wandern gerade im Osten Deutschlands viele Junge ab, worauf Polen nachrücken, die dann auch nicht immer willkommen sind.

Sie haben auch den Ex-Pornostar Dolly Buster interviewt. Um was gings da?
Nicht um Gang Bangs, sondern um Kunst und Politik. Dolly Buster ist eine ausgesprochen smarte Person. Ich will hier aber nicht die ganze Sendung vorwegnehmen.

Wer hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?
Dolly Buster und der ehemalige Aussenminister Hans-Dietrich Genscher – ein trotz seiner 84 Jahre äusserst schlagfertiger Mann. Als ich ihn von Dolly Buster grüssen liess, antwortete er: «Ah ja, die Dame ist eine alte Bekannte von mir.» Und auf die Frage, was er für Bücher lese: «Wissen Sie, ich habe in meinem Leben so viele Bücher gelesen, ich lese heute nur noch die Speisekarte.»

Ihr Sendekonzept erinnert an «Stuckrad bei den Schweizern». War die Sendung ein Vorbild?
Ich habe diese Sendung noch nie gesehen. Aber Reiseformate, die auf persönliche, unhektische Art und Weise eine Gesellschaft vorstellen, gibt es immer wieder. Gerade in Amerika wurde das schon oft gemacht.

Geht es bei Ihnen auch darum, jemandem einen Spiegel vorzuhalten?
Nein. Die Sendung läuft zwar auf 3sat, ist also auch in Deutschland zu sehen. Ein schöner Effekt wäre natürlich, wenn ein paar Schweizer ihre Klischees, die sie von den Deutschen haben, überdenken. Oder neugierig werden und sich Deutschland und die Deutschen auch einmal näher ansehen. Ich zumindest war erstaunt, wie positiv die Marke Schweiz in Deutschland besetzt ist. Unser Land wird als schön und die Politik als schlau angesehen. Viele Deutsche wünschen sich selber einen solchen Staat.

Weiss man in Deutschland, dass ihre Landsleute hier angefeindet werden?
Ja, man hat davon gehört. Aber man empfindet es als rätselhaft.

Warum? Die Angst, Jobs und Wohnungen an Deutsche zu verlieren, ist doch nachvollziehbar.
Für den Grossen ist es nicht immer einfach, den Kleinen zu verstehen. Ich glaube auch, dass man aneinander vorbei kommuniziert. Das ist fast so ein bisschen wie zwischen Hund und Katze. Sieht der Hund eine Katze, freut er sich und beginnt mit dem Schwanz zu wedeln. Die Katze sieht das Wedeln, in ihrer Sprache heisst das aber Stress, und nun beginnt sie auch den Schwanz zu bewegen. Der Hund realisiert, dass seine Freude angekommen ist – und legt die Ohren an. Für die Katze eine Horror-News. Auch sie legt die Ohren an – und der Hund freut sich noch mehr. Ich glaube, das Prinzip spielt nicht selten auch zwischen Mann und Frau.

Also ist alles ein grosses Missverständnis?
Oft ja, nehmen Sie zum Beispiel die berühmte Skilift-Situation: Die Deutschen drängeln da nicht, sondern wollen einfach aufrücken – damit es schneller vorwärts geht. Und natürlich haben auch die Medien ihr Scherflein zur Verschärfung der Lage beigetragen.

Was empfehlen Sie zur Völkerverständigung?
Die Deutschen integrieren – indem man so direkt auf sie zugeht, wie sie es mit uns machen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.05.2011, 10:12 Uhr

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73 Kommentare

Markus Weilenmann

31.05.2011, 11:26 Uhr
Melden 64 Empfehlung

Mit Deutschen zu arbeiten, ist oft ein Segen. Offenheit, Berechenbarkeit, Kollegialität (und natürlich auch Machtkämpfe, Tratsch und Obrigkeitsgläubigkeit) aber viel weniger emotionale "Vertrucktheit" als mit vielen Schweizern - das mein Fazit nach 30 Arbeitsjahren. Antworten


Marc Steffen

31.05.2011, 10:43 Uhr
Melden 49 Empfehlung

Ich habe in Deutschland gearbeit. Arroganz, Ueberheblichkeit, Agressivität, Obrigkeitsgläubigkeit, Demokratiedefizite. Den ganzen Tag nur Machtkämpfe (Von Oben herab und von Unten herauf). Man kann doch nicht mit Interviews etwas über ein Land erfahren. Erst wenn man dort gearbeitet hat, weiss man Bescheid. Ich habe volles Verständnis für jeden Deutschen, der in diesem Land nicht mehr leben will Antworten



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