Kultur
Fotzelbärte und fliegende Fäuste
Aktualisiert am 19.09.2012 123 Kommentare
Replik
Florian A. Lehmann, Eishockey-Experte von DerBund.ch/Newsnet, wird auf diesen Artikel eine Replik schreiben. In der Zwischenzeit dürfen Eishockey-Freunde und -Gegner unten im Forum die Klingen kreuzen.
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Was für ein Fest!
Gestern startete die Champions League. Real Madrid holte gegen Manchester City in einem dramatischen Match zweimal einen Rückstand auf und gewann durch Ronaldos Treffer in der 91. Minute 3:2. Wie nach einem opulenten Mahl lehnte man sich im Sofa zurück und genoss als Dessert die Zusammenfassungen der anderen Spiele.
Dann leitete Moderator Hüppi mitten im Satz zu einem anderen Thema über. Offenbar wurden gestern die Swiss Hockey Awards verliehen. Was man bisher verdrängt hatte, wurde zur grausigen Gewissheit: Es ist wieder Eishockey-Saison.
Eben noch gings um elegante Dribblings, nun um brachiale Bodychecks. Die lauwarme Sommernacht in Madrid musste dem deprimierenden Schweizer Winter weichen. Zwar ist es erst September, aber das ist der Schweizer Eishockey League egal, sie lässt bereits jetzt wieder spielen – und das dreimal pro Woche. Wer besonderes Pech hatte, erhielt noch am Ferienstrand eine Push-Nachricht mit einem Eishockey-Resultat. Für nichts und wieder nichts, versteht sich. Bis auf vier Teams schaffens sowieso alle aus der Vorrunde in die Playoffs. Aber auch das ist der Eishockey-Nation egal. Der Verdacht liegt nahe, dass sie aus Leuten besteht, die die Schönheit des Fussballs nicht verstehen können. In vielen Arenen kommt bezeichnenderweise bloss Stimmung auf, wenn der Puck im Netz liegt oder die Fäuste fliegen.
Keine Individualisten, kein Ronaldo
Hat jemand Stadt-Land-Graben gesagt? Doch jedem das Seine. Es zwingt einen niemand ins Stadion. Am Fernsehen allerdings kann man der Sportart kaum entgehen. Die Eishockey-Berichterstattung ist wie ein Geschwür, sie metastasiert in verschiedenen Gefässen, wie zum Beispiel gestern im Champions-League-Abend. Dabei ist der Sport ähnlich telegen wie Squash, der Puck ist zu schnell und zu klein für die Kamera. Dass ein Goal geschossen wurde, merkt man nur am plötzlich ausbrechenden Jubel. Und verheerenderweise verhalten sich die Regeln umgekehrt proportional zur Rustikalität des Eishockeys: Sie sind kompliziert. Weiter wird willkürlich gewechselt und wer weiss schon, welche Linien gerade gegeneinander spielen?
Klar, auch hier gilt: man muss nicht hinschauen. Aber so einfach ist das nicht. Hat man sich die Woche hindurch erfolgreich vor Eishockey beziehungsweise den überlangen Zusammenfassungen abgeschirmt, springen einem in der Sonntagspresse geschätzte 50 Seiten Berichterstattung entgegen. Dabei würden die Resultate genügen. Es gibt in diesem Sport ja keine Individualisten, keine persönlichen Fallhöhen, keinen Ronaldo, den man verachten kann. Stattdessen sechs (oder sind es sieben?) gepanzerte, austauschbare Typen, die wie zornige Wespen kreuz und quer umherirren. Und Playoff-Fotzelbärte, lächerliche Teamnamen wie Lions, Tigers, Sharks und kanadische Trainer mit deutschen Namen, die in amerikanisch gefärbtem Deutsch Motivationsweisheiten ins Mikrofon rufen.
Was für eine Freakshow! (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.09.2012, 13:50 Uhr
123 Kommentare
Da haben Sie sich vom gestrigen Abend ja ganz schön blenden lassen! Ich mag mich an mehr Fussballspiele mit destruktivem Betonfussball als an langweilige Eishockeyspiele erinnern. Beim Eishockey gibts definitiv mehr Tore (sogar schöne...), Dynamik und Spannung. Zu viele Spiele, in denen es um wenig geht, gibts in beiden Sportarten. Die SF Berichterstattung bewegt sich in etwa auf gleichem Niveau. Antworten
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