«Es ist die Spur hinter der Blutspur»
Der echte «Tatort»-Ermittler
Axel Petermann (59) ist Tatortanalytiker und Kriminalkommissar der Bremer Polizei. Er hat während mehr als 30 Jahren in über 1000 Fällen gewaltsamen Todes ermittelt und gründete die Dienststelle «Operative Fallanalyse», die er bis heute leitet. Als Fallanalytiker wendet er die Profiling- Methode an, bei der davon ausgegangen wird, dass das Opfer eines Gewaltverbrechens sowie die Spuren am Tatort Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Täters zulassen.
Petermann berät auch die «Tatort»-Redaktion; mehrere seiner Fälle dienten als Vorlage für Verfilmungen, so auch die Folge vom letzten Sonntag mit Joachim Król und Nina Kunzendorf in den Hauptrollen. Seine Bücher, eine Sammlung von Fällen, sind hochspannend und gleichzeitig beklemmend zu lesen. Weil man weiss, dass es sich nicht um die Fantasie eines Autors, sondern um die Realität handelt. Seine nüchterne Sprache, die detaillierte Schilderung von zahlreichen vermeintlichen Nebensächlichkeiten und sein Herantasten an das Täterprofil vermitteln dem Leser das Gefühl, quasi in Petermanns Kopf zu sitzen. Axel Petermann ist verheiratet, hat drei Söhne und lebt in Bremen.
Axel Petermann, «Auf der Spur des Bösen», Ullstein-Taschenbuch-Verlag, 300 Seiten, ISBN 978-3-548-37325-6.
«Auf der Spur des Bösen»
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Sie schreiben in Ihrem Buch: «Nirgends ist man dem Täter und seinem Denken näher als am Tatort.» Als Fallanalytiker lesen Sie aus dem, was Sie dort vorfinden. Was lesen Sie da zum Beispiel?
Ein Täter trifft ganz viele Entscheidungen, auch schon bevor er überhaupt etwas getan hat. Er überlegt sich, wann und wo das Verbrechen stattfinden soll, welche Waffe er benutzen will, wer das Opfer sein wird. All diese Entscheidungen finden wir als Spuren am Tatort.
Ein Täter hinterlässt also so etwas wie eine Handschrift?
Ja. Es geht auch um die Frage, was er während des Verbrechens machte. Wie übte er Kontrolle über das Opfer aus? War er sofort gewalttätig? Oder hat er das Opfer nach dem Tod zusätzlich verletzt? Welches Bedürfnis steckte dahinter? Handelte es sich um eine Fantasie? Es ist nicht die Blutspur, sondern die Spur hinter der Blutspur, die die Entscheidung des Täters aufzeigt. Der Punkt ist: Der Tatort lügt nicht. Er zeigt vielmehr unmissverständlich, was der Täter gemacht hat. Das wurde lange gänzlich ignoriert. Man vertraute nur dem, was der Täter sagte. Wenn man sich den Tatort genau anschauen würde, würde sich die Frage, ob man einen Täter je wieder in Freiheit entlassen darf, oft gar nicht mehr stellen.
Rücken Sie zusammen mit der Polizei zum Tatort aus?
Bei den grösseren Delikten passiert das immer häufiger. Wenn zum Beispiel ein Kind verschwindet oder eine Frau tot aufgefunden wird und ein Sexualdelikt vorzuliegen scheint. Wir sind aber nicht Teil der Mordkommission, wir sollen unsere eigenen Ideen entwickeln und diese an die Ermittler weitergeben. Normalerweise behandeln wir sogenannte «Cold Case»-Fälle, also Fälle, in denen die Ermittlungen zu keinem Ergebnis kommen. Wir fangen dann nochmals ganz von vorne an. Das, was meine Kollegen erarbeitet haben, was die für wahrscheinlich und für bewiesen halten, interessiert mich nicht. Das ist nicht hochnäsig gemeint – ich möchte bloss so unbelastet wie möglich an die Sache herangehen. Ich lasse den Tatort sprechen.
Wenn man aus einem Tatort Spuren lesen und daraus Muster ableiten kann, dann funktionieren alle Menschen beim Töten ähnlich?
Ja. Als ich 1999 mit meiner Ausbildung begann, fand ich Erklärungen für das Verhalten von Tätern in den USA, das ich auch aus Deutschland kannte, was mich vollkommen überraschte. Es ist faszinierend, wie sehr Menschen, wenn Wut, Hass oder Zuneigung eine Rolle spielen, ähnlich oder gleich handeln.
Zum Beispiel?
Es gibt die sogenannte emotionale Wiedergutmachung, also eine Art Zurücknahme der Tat, wenn der Täter das getötete Opfer zudeckt oder die Wunden versorgt. Ähnlich wie wenn jemand einem Kind eine Ohrfeige gegeben hat, über sich selbst erschrickt und es danach aus schlechtem Gewissen beschützend in die Arme nimmt. Stelle ich dieses symbolische Verhalten am Tatort fest, deutet das meist auf eine Täter-Opfer-Beziehung hin – aber eben nicht immer. Man darf keine voreiligen Schlüsse ziehen, bloss weil sich die Bilder am Tatort gleichen. Es kann auch sein, dass der Täter den Anblick des Opfers nicht mehr ertrug.
Sie schlüpfen sozusagen ins Hirn des Täters. Was ist das Schwierigste daran?
Ich versuche, mich seinen Gedankengängen, seinen Gefühlen und seinen Bedürfnissen zu nähern. Das Schwierigste ist, dass man sich von seinen eigenen Vorstellungen lösen muss. Man muss einen Tatort ohne Vorurteile anschauen, einfach die Spuren auf sich wirken lassen, um so nach und nach in die Gedanken des Täters hineinzukommen.
Bei Gewaltdelikten ist der Täter fast immer männlich und zwischen 20 und 40 Jahre alt. Müssen Sie sich anders hineindenken, wenn der Täter weiblich ist? Anders gefragt: Töten Frauen anders als Männer?
Vor allem töten sie seltener. Und wenn sie töten, sind es ihre Kinder oder die Partner oder Ex-Partner. Entweder weil sie sich trennen möchten oder weil sie deren Gewalt nicht mehr ertragen. Weil Frauen Männern körperlich unterlegen sind, müssen sie anders planen. Eine Frau muss Vorkehrungen treffen, sich überlegen, ob sie dem Opfer Schlafmittel geben muss, ob sie das überhaupt alleine schafft oder den Mord in Auftrag geben muss. So hat sie das Pech, härter bestraft zu werden als der Mann, der aus denselben Beweggründen, aber eruptiv handelt, weil er sich das wegen seiner körperlichen Überlegenheit leisten kann. Auch die Mittel sind anders, distanzierter. Frauen schiessen eher, oder sie verwenden Gift. Männer drosseln und würgen mehr, oder sie stechen zu.
Sie verbieten es sich, Begriffe wie «bestialisch» oder «Monster» zu verwenden. Wie schaffen Sie das?
Das musste ich lernen. Ich habe auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich mich irren kann – das war genau dann, wenn ich gewertet habe. Es ist auch ein Zurücknehmen, um nicht zu tief in das Vorgefallene einzutauchen. Ich möchte mir nicht bewusst werden, was das Opfer gefühlt hatte, als es starb, ich blende das aus. Ich muss so sachlich wie möglich daran herangehen.
Welche Spuren hinterlässt es in Ihnen, dass Sie dauernd wie ein Mensch denken müssen, der getötet hat?
Meine Unbeschwertheit hat abgenommen. Ich übertrug den Beruf auch in mein Privatleben. Wenn beispielsweise meine Frau von einer Freundin erzählte und ich an deren Geschichte zweifelte. Worauf mich meine Frau rüffelte, ich soll nicht allen Menschen schlechte Absichten unterstellen. Da ist mein Beruf schon spürbar geworden.
Wie behalten Sie trotzdem den Glauben an das Gute?
Weil es ja jeden Tag immer wieder da ist, das Gute. Etwa wenn ich früher mit meinen Kindern spielte und mich freute, wie unvoreingenommen sie die Welt entdeckten.
Stehen Ihnen und Ihrem Team Therapeuten zur Verfügung?
Nein.
Wundert Sie überhaupt noch irgendetwas, wenn es um menschliche Abgründe geht?
Nein. Dazu muss man wissen: Extreme Fantasien hat es immer gegeben, den Kannibalismus zum Beispiel. Natürlich wird heute offener darüber berichtet, aber neu ist das nicht. Was zugenommen hat, ist die schnelle Umsetzung, weil das Internet Möglichkeiten bietet, die es früher nicht gab.
Was erschüttert Sie am meisten, wenn Sie einem Mörder gegenüberstehen?
Fehlende Reue. Das Nichteinsehen, etwas falsch gemacht zu haben, obschon der Täter wissen müsste, dass es abgründig schlecht ist, sich am Leid anderer zu ergötzen und daraus Befriedigung zu erzielen. Oder das Gefühl, entscheiden zu können, wann ein Mensch stirbt. Ein Beispiel: Da hat ein Mann ganz minutiös den Tod einer Frau geplant, er hat sich dazu ein fahrbares Krematorium bauen lassen. Er ermordete die Frau, hat sie kremiert und detailliert beschrieben, was dabei abgelaufen ist. Ich hatte den Mann in der Vernehmung, der mir scheinbar voller Abscheu davon erzählte – wobei er behauptete, nicht er habe das getan hat, sondern ein anderer, der ihn gezwungen habe, dabei zuzuschauen – und dabei dieses Funkeln in den Augen hatte. Er war imstande, sich eine Minute später bei seinem Anwalt zu beklagen, dass er nun wegen der Vernehmung seinen Kindern nicht beim Fussballspielen zuschauen könne. Diese total fehlende Empathie, die setzt mir zu.
Das Böse scheint uns zu faszinieren; TV-Serien wie «CSI» und überhaupt Krimis sind Quotenknüller. Können Sie das nachvollziehen?
Mich überrascht das nicht. Am letzten Sonntag guckten 9,5 Millionen Menschen den «Tatort», zum grossen Teil wussten die, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruhte. Aber der Zuschauer hat den Vorteil, dass er das Böse nur so weit an sich herankommen lassen muss, wie er möchte. Er kann beim Film wegzappen oder das Buch zuklappen. Vermutlich ist es ein Versuch, eigene Grenzen zu erfahren.
Faszinieren Mörder, weil man ihnen nichts ansieht?
Richtig, die haben kein Mal, das sie als solche kennzeichnet. Das frappiert mich immer wieder: dass das äusserlich ganz normale Menschen sind, unauffällig, niemand würde denen ein solches Verbrechen zutrauen. Und doch entwickeln sie im Verborgenen Fantasien, auch wenn sie von vermeintlicher Normalität verhüllt sind, die ausgelebt sein wollen.
Die «Tatort»-Folge von letztem Sonntag beruhte auf einem Fall von Ihnen – der in Realität viel brutaler war. Weshalb diese Zensur?
Weil es zu heftig gewesen wäre.
Kann eine detaillierte Schilderung, auch diejenige Ihrer Arbeit im Buch, als Anleitung für ein Verbrechen missbraucht werden?
Es ist nicht so einfach, wie man denkt. Es können unzählige Unwägbarkeiten dazwischenkommen, selbst beim ausgeklügeltsten Plan: Man gerät in einen Stau. Oder es tauchen Zeugen auf, mit denen man nie gerechnet hat. Und jeder weiss, dass es DNA und Fingerabdrücke gibt. Hinzu kommt, dass Täter nicht damit rechnen, wie heftig sich Opfer wehren. In den Filmen ist das Opfer stets schnell überwältigt und schnell tot. In Realität kann es in Todesangst ungeahnte Kräfte entwickeln.
Sie schreiben, dass das Töten dem Menschen immanent sei. Kann wirklich jeder zum Mörder werden?
Man muss unterscheiden zwischen Mord, also einer geplanten Tat, und Totschlag, einer Tat im Affekt. Zu einem Totschlag ist jeder und jede fähig, man weiss nie, in welche Gemütszustände man kommen kann. Ein Mord hingegen verlangt Planung, Heimtücke. Man gaukelt jemandem Freundschaft vor, bloss weil man ihn oder sie töten will. Ein Mord ist etwas ganz anderes. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.04.2012, 07:49 Uhr
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