«Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nicht mehr notwendig»
Interview: Christian Lüscher. Aktualisiert am 23.12.2011 112 Kommentare
Zur Person
Prof. Dr. Helmut Thoma wurde am 3. Mai 1939 in Wien geboren. Nach seiner Matura absolvierte er anschliessend ein Studium der Rechtswissenschaften an der Wiener Universität. Dort promovierte er 1962 zum Dr. jur.
Helmut Thoma blickt auf eine 42jährige Medienerfahrung im Management zurück. Eine herausragende Station seiner Karriere war die Gründung des privaten Fernsehsender R T L plus im Jahr 1984 in Luxemburg. 1988 zog der Sender unter seinem Vorsitz nach Deutschland um. Damit verbunden war eine Umbenennung in R T L Television. Der Fernsehsender wurde 1992 Marktführer in Deutschland und stieg in der «Ära Thoma» zur erfolgreichsten Fernsehstation Europas auf.
Helmut Thoma gilt als der Gründungsvater des europäischen Privatfernsehens. In Anerkennung seiner internationalen Fernsehkarriere wurde er 1994 in New York mit dem renommierten «Emmy Award», dem Fernseh-Oscar ausgezeichnet.
Heute ist Thoma nebst vielen nationalen und internationalen Aufsichtsratsmandaten in Kabel-, Internet- und Fernsehunternehmen tätig. So hat Thoma in der Schweiz ein Verwaltungsratsmandat beim Privatsender 3+.
Studie «Fernsehen 2015»
Immer mehr Programme für immer weniger Rezipienten. So lautet das Fazit der Studie «Fernsehen 2015» von Mediareports Prognos. Die Zahlen sprechen für sich: 1790 Programme können derzeit in Deutschland und der Schweiz über Satellit empfangen werden. Die fünf meistgenutzten Sender in Deutschland vereinten 2010 einen Marktanteil von fast 63 Prozent auf sich. Die zehn meistgenutzten Sender absorbierten mehr als 84 Prozent der gesamten Nutzungszeit aller Zuschauer ab 3 Jahren. Da bleibt für den grossen Rest der Programme nicht mehr allzu viel übrig. Die Nutzung ist bei weitem nicht so fragmentiert, wie es die schiere Zahl von
angebotenen Programmen erwarten lässt. Zugespitzt formuliert sendet der überwiegende Teil der ausgestrahlten Fernsehprogramme fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Der demografische Wandel verschärft diese Situation: Bis zum Jahr 2015 schrumpft die Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen im deutschsprachigen Raum um fast sieben Prozent. Die Hauptzielgruppe der Werbung wird um 3 Millionen Personen kleiner, in Deutschland um 2,8 Millionen, in Österreich um 200'000 und in der Schweiz um 50'000. Um die Grössenordnung zu verdeutlichen: 2010 betrug die durchschnittliche Reichweite einer Werbeinsel des deutschen Marktführers RTL in der Altersklasse der 14- bis 49-Jährigen gerade einmal 750'000 Personen. Selbst in der Prime Time zwischen 20 und 23 Uhr erreichte RTL mit seinen Werbeinseln durchschnittlich nur 1,74 Millionen Personen
in dieser Altersgruppe, gefolgt von Prosieben mit 1,12 Millionen. Rein rechnerisch wird selbst für die beiden erfolgreichsten Privatsender die Luft dünner.
Die Entwicklung macht in den nächsten Jahren aber vor allem kleinen Sendern zu schaffen. Je kleiner das Spartenprogramm, umso grösser ist die Gefahr, dass
Rentabilitätsschwellen unterschritten werden. Für diese Sender stellt sich in den nächsten Jahren verstärkt die Frage, auf welcher wirtschaftlichen Basis sie betrieben werden und welche Strategie mit dem Betrieb verfolgt wird. Wie die Autoren der Studie schreiben, würden viele Investoren die Geduld verlieren, wenn die ohnehin niedrigen Nutzerzahlen weiter sinken. Die demografische Entwicklung sei eine existenzielle Bedrohung für viele Spartenprogramme.
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Herr Thoma, mehr TV-Programme, weniger Zuschauer. So lautet das Fazit der Studie «Fernsehen 2015» (siehe Kasten). Die demografische Entwicklung stelle eine existenzielle Bedrohung für viele Programme dar.
Ich bin seit 45 Jahren im Fernsehbusiness tätig und wurde in meiner Karriere mit unzähligen Prognosen konfrontiert. Viele sind nicht eingetroffen, oder die Entwicklung ging in eine total andere Richtung. Alles, was die Zukunft betrifft, ist mit einer ungeheuren Unsicherheit verbunden.
Wo steht das Medium Fernsehen heute?
Das Fernsehen steht vor dem Beginn einer grossen Ausweitung. Wenn ich von Fernsehen spreche, dann meine ich auch Internet-TV, Mobile-TV oder Satelliten-TV. Wir sind mitten im audiovisuellen Zeitalter, das sicher noch lange andauern wird. Wir stehen sozusagen am Übergang vom Print-Zeitalter zum audiovisuellen Zeitalter, wobei ich betonen will, dass kein Medium verschwinden wird. Aber die Entwicklung geht eindeutig in Richtung Bild und Ton. Damit erreicht man Menschen immer noch am leichtesten, was die Werber schon früh erkannten. Technisch wird alles noch zugänglicher werden. Ich bin auch davon überzeugt, dass aufgrund der Entwicklung der Begriff des Internets sich ändern wird. Alles wird interaktiv und wird sich sowohl auf den kleinen als auch grossen Schirmen abspielen. Eine scharfe Trennung wird dadurch immer schwieriger.
Sie würden also nicht von einer TV-Krise sprechen?
Nein, im Gegenteil. Das Fernsehen hat in den letzten 20 Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Die Fernsehnutzung hat europaweit selbst bei der jüngeren Zielgruppe zugenommen, weil das Internet mittlerweile sehr stark Bewegt-Bildinhalte anbietet.
Spricht man mit Teenagern oder Studenten, tummeln sich diese überwiegend im Netz und nicht vor dem Fernseher.
Als ich mit Privatfernsehen begonnen habe, sagten praktisch alle: «Wir sehen nicht fern.» Die Masse tut es aber. Die Zahlen lügen nicht. Zusammen mit der Internetnutzung steigt der TV-Konsum gewaltig. Es ist auch logisch: TV ist das preiswerteste Freizeitvergnügen, das es gibt. Das gilt für Jung und Alt. Vielleicht sitzen die jungen Leute weniger oft vor dem TV-Gerät, weil sie mehr Freizeitmöglichkeiten und Geld haben. Im Internet lassen sie sich aber gerne berieseln.
Auf 1790 Programme hat der heutige TV-Konsument im deutschsprachigen Raum Zugriff. Das ist unglaublich viel. Unwahrscheinlich, dass alle diese Sender sich über Werbeeinnahmen finanzieren können.
Diese Zahl kann man nicht ganz ernst nehmen. Da sind viele Lokalsender dabei, die sich nicht anders zu helfen wissen, als sich subventionieren zu lassen. Lassen sie mich eine andere Tatsache ins Feld führen: Heute gibt es in Deutschland 165 Programme, die über das digitale Netz verbreitet werden. Ihr Marktanteil zusammen kommt auf 2,7 Prozent. Das ist extrem wenig.
Werden viele Sender in den nächsten Jahren verschwinden?
Die Konsolidierung hat bereits stattgefunden. Die digitalen Reichweiten sind zu klein. Man muss sehen, dass in Deutschland überwiegend analog verbreitet wird. Das wird auch in fünf Jahren so bleiben, weil die Hauseigentümer kein Interesse haben, Leitungen für den digitalen Empfang zu installieren.
Was schlagen Sie Betreibern von Spartenprogrammen vor?
Sie sollen es bleiben lassen oder erst dann anfangen, wenn ein Grossteil der 18 Millionen Haushalte einen digitalen Empfang hat. Im Moment sind keine Reichweiten vorhanden. Die Rechnung ist einfach: wo keine Reichweite, da keine Einnahmen.
Was bedeutet das für die Medienvielfalt?
In Deutschland haben wir die öffentlich-rechtlichen Sender und das Duopol der privaten Sender RTL und Pro 7/Sat 1. Diese Sender kommen praktisch auf 80 Prozent der Nutzungszeit aller Zuschauer. Im Grunde findet eine enorme Einengung der Medienvielfalt statt. Da werden wir uns noch wundern, was an Monopolisierung möglich ist.
Reden wir über die Qualität im Fernsehen. Wie lautet Ihr Urteil?
In den letzten Jahren ging wenig. Warum auch? Die führenden Sender haben ein Duopol der werberelevanten Zuschauer. Diese Sender müssen nicht besser werden, weil kein Wettbewerb herrscht. Sie haben in den letzten Jahren mehr gespart und sich auf ihre Renditen konzentriert. Die Prime-Access-Time, die Zeit zwischen 17 und 20.15 Uhr, ist in den letzten zehn Jahren praktisch unverändert geblieben. Leider sind die privaten Sender Geldbeschaffungsmaschinen. Wozu investieren, wenn man ein Duopol hat?
Ihnen sind also keine Innovationen aufgefallen?
Es sind die bekannten Superstar-Formate, die jedoch weltweit ausgestrahlt werden. Originelle Eigenproduktionen gibt es nicht.
Nun sollen bald Internetfirmen wie Google und Apple auf den Fernsehmark drängen. Was halten Sie von diesen neuen Playern?
Die verbreiten nur bestehende Programme weiter. Das funktioniert in den USA ganz gut, weil dort eine grosse Vielfalt herrscht und der Markt gross ist. In Europa wird dies wahrscheinlich nicht funktionieren. Das Problem ist, dass diese Firmen vom Fernsehbusiness wenig Ahnung haben. Solange sie nicht eigene Programme produzieren, sind sie auf dem Markt nicht von Bedeutung. Der Einbezug von Youtube ist nett, reicht aber nicht. Das Fernsehen der Zukunft ist livebezogen und wird das bestimmende Medium bleiben.
Wie bewerten Sie 3-D-TV?
Vergessen Sie das, eine Spielerei. Wir reden von 3-D, dabei handelt es sich lediglich um einen Effekt, den es bereits schon seit Jahren gibt. Wenn ich von 3-D spreche, meine ich holografisches Fernsehen. Das wird jedoch erst in ein paar Jahrzehnten, wenn überhaupt, möglich sein.
Stichwort Schweiz: Was halten Sie von der TV-Landschaft?
Die Schweiz hat eine grosse Medienvielfalt. Das Schweizer Fernsehen jedoch leidet ungeheuer an dem Abfluss von Geldern durch die privaten Werbefenster. Ich habe diese kreiert, wollte aber, dass die Einnahmen wieder zurückgeführt werden, um Schweizer Programme zu produzieren. Der wirtschaftliche Schaden ist immens. Der Entscheid des damals verantwortlichen Bundesrates ist sehr zum Nachteil der Schweizer Medienlandschaft gefallen.
Welche Formate finden Sie sehenswert?
Ich finde «Bauer, ledig sucht…» und den Restauranttester auf 3+ ganz gut.
Wenn man Interviews von Ihnen liest, kritisieren Sie das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Warum braucht es diesen nicht mehr?
Es gibt keine Frequenzknappheit, und die Preise für Fernsehtechnik sind dramatisch gefallen. Fernsehmachen ist günstiger geworden als die Produktion einer Zeitung. Vielleicht hat das Konzept für kleinere Länder eine Berechtigung, um die nationale Integrität zu wahren. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind heute allerdings nicht mehr notwendig. Leider hat sich die Politik in der Vergangenheit zu fest eingemischt. Ich bin mir aber sicher, dass wenn ein grösseres Land das öffentlich-rechtliche Modell abschafft, eine Dominosituation eintreten wird.
Sie sind mit 72 Jahren weiterhin sehr aktiv im TV-Business. Mit Volk TV wollen Sie in Deutschland eine «merkbare dritte Kraft» etablieren. Was schwebt Ihnen vor?
Ich will die analoge Verbreitung von regionalen Programmen zu einem Network zusammenfassen. Den meisten lokal verwurzelten Sendern geht es finanziell schlecht. Mit dem amerikanischen Modell eines Networks will ich einen national werbefinanzierten Sender aufbauen.
Sie sind also der Retter vieler Lokalsender.
Würde ich nicht sagen. Viele Sender können einfach nicht allein von ihrem Programm leben. Das ist allerdings schon lange so.
Und wann starten Sie?
Im März. Die erste Finanzierung ist abgeschlossen. An der zweiten sind wir dran. Die ersten zwei Jahre werden bescheiden sein. Aber dann müssen wir durchstarten.
Wie?
Wir konzentrieren uns auf das junge Publikum, weil dieses von den etablierten Sendern in Deutschland sträflich vernachlässigt wird. Ich sehe Potenzial in der Integration von Social Networks.
Werden Sie das Fernsehen also neu erfinden?
Nein. Aber was die Amerikaner bereits mit Facebook und Twitter tun, werden wir nach Europa bringen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.12.2011, 13:35 Uhr
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