Kultur

Die Glashaus-Gang predigt wieder

Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 13.12.2011 56 Kommentare

Im Advent zählt auf allen Kanälen jeder Rappen. Ein bizarres Theater begleitet die Spendenaktion von Schweizer Radio und Fernsehen mit Epizentrum in Luzern.

«Die grösste Woche des Jahres»: SF-Guru Nik Hartmann am Moderatorenpult vor dem KKL in Luzern.

«Die grösste Woche des Jahres»: SF-Guru Nik Hartmann am Moderatorenpult vor dem KKL in Luzern.
Bild: Keystone

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Von der Jugendgruppe der reformierten Kirche Sissach bis zum Alters- und Pflegeheim Hochdorf: Wir wollen sein ein einig Volk mit Hühnerhaut.

JRZ («Jeder Rappen zählt») ist zurück. In aller Herrgottsfrüh hat die scheinheilige Dreifaltigkeit (Hönegger, Lautenschlager, Hartmann) gestern ihre Glaskrippe beim KKL bezogen – und geht uns seither mächtig auf den Geist.

Gerüchteweise beteiligen sich ja die Bettwiler am grosszügigsten an der Spendenaktion zugunsten Not leidender Mütter. Freilich nicht ganz uneigennützig. Die Aargauer fürchten sich nämlich vor dem Augenblick, wenn plötzlich 20 Tunesier an ihrer Bushaltestelle stehen und ihre Frauen blöd anmachen. «Welche Mutter lässt ihre Kinder noch allein in die Schule?», fragte gestern ein Wortführer der Asylzentrums-Gegner im TA. Fast wünschte man den Bettwilern an jede ihrer Bushaltestellen einen Adrian Stern. In brenzligen Situationen könnte der seinen JRZ-Song intonieren: «Mueter, sorg di nümm. Mueter, mach dir kei Gedanke, ich luege dir.»

Sechs Tage dauert die «grösste Woche des Jahres» (Nik Hartmann). Bis dann verdrückt das Moderatorentrio keine feste Nahrung, dafür jede Menge Tränchen. Zum Beispiel, wenn Ruedi und Cornelia von ihrem Schicksal erzählen, wie sie zusammengefunden haben. Einst vor dem Spendenschlitz war das nämlich. Er, Ruedi, habe für den Sohn ein Buch von Nik signieren lassen wollen, und da stand sie, Cornelia, mit ihrer Tochter. Wenn man bald heirate, dann vielleicht im Partnerlook mit blauer JRZMütze von Coop auf dem Kopf. Und klar werde man die Nation via DRS über das junge Glück auf dem Laufenden halten.

Zwölfmal Alpen-Bon-Jovi

Der emotionale Höhepunkt wird aber ohne Frage der am Samstag in der SF-Sendung «Happy Day» live übertragene Auszug der Helden aus der Glasbox sein. Zappte man 2010 rein, wähnte man sich für einen kurzen Moment in einem TV-Jahresrückblick, der Bilder der erfolgreichen Bergung verunglückter Bergleute in Chile aufwärmte. Nik und Co. genossen das Bad in der Menge, als ob sie soeben von einer Marsmission zurückgekehrt seien: «Wir sind nur drei Clowns. Ihr aber seid JRZ!», rief Nik den Jüngern auf dem Bundesplatz zu.

Aber was ist JRZ? Eine gebührenfinanzierte Freikirche? Die frömmlerische Musikauswahl lässt den Schluss zu. Xavier Naidoo etwa. Oder Ivo mit «Peace & Freedom» – das Stück des Alpen-BonJovi wurde bis gestern Mittag über ein Dutzend Mal gewünscht. Oder Enyas 9/11-Smashhit «Only Time». Bald knackt JRZ auf Facebook die 100 000-FanMarke. Mit dieser Menschenmenge könne man dreimal das Stade de Suisse füllen, sagt die Radiofrau. Alle machen mit. Der 9-jährige Luca, der einen Holzengel mit Gipsflügeln gebastelt hat, den seine Eltern nun auf Ricardo versteigern, aktuelles Gebot: 20 Franken. Auch an Bord ist ein Hersteller von Schwangerschaftstests für Selecta-Automaten. Von jedem Exemplar, das diese Woche verkauft wird, spende man 1 Franken für Mütter in Not. Und die Schüler der Klasse 4c aus Baar backen mit ihren Müttern Guetsli für einen guten Zweck. «Zusammen schenken wir Hoffnung und Zukunft», predigt Kurzwellen-Guru Nik.

Über 11 Millionen Franken sammelte JRZ letztes Jahr für die Glückskette. Wer davor nicht den Hut zieht, hat kein Herz. Was jedoch aufstösst, ist das bizarre Theater, das rund ums Spenden veranstaltet wird. Wie Menschen zu Tausenden in einem Akt öffentlich vorgetragener Barmherzigkeit zum Handy greifen, um kurz vor Weihnachten medienwirksam Absolution zu erlangen mit 2 Franken teuren SMS, in denen dann Dinge stehen wie: «HCD olé!».

Und während sich die Glashaus-Gang vor dem grossen Fressen selbstgefällig in solidarischem Hungern übt und der Glückkette Reserven zuscheffelt, tingeln unzählige unbekannte Initianten wohltätiger Projekte durchs Land, auf der Suche nach dem Rappen, der für sie wirklich zählt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2011, 07:58 Uhr

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56 Kommentare

Pascal Sutter

13.12.2011, 09:25 Uhr
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Wirklich grauenvoll. Da wollen sich die Leute noch etwas Ablass vor der Weihnacht kaufen. Nichts schlimmeres als Mensche die sich für ihre guten Taten feiern lassen wollen. Mir wird schlecht dabei... Antworten


Heiner Schmidt

13.12.2011, 09:25 Uhr
Melden 58 Empfehlung

Oh Herr lass Januar werden, dann ist diese Selbstbeweihräucherungsaktion vorbei. Denkt auch an all die Institutionen, welche nicht von dieser Show profitieren (Beat Richner, Behindertenheime in der Schweiz etc.etc.) Ich danke allen Spendern, die ihren Obulus im stillen Kämmerlein weitergeben. Antworten



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