Die Falle der Heuchelei
Von Dairo Venutti. Aktualisiert am 16.03.2011 12 Kommentare
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Betroffenheit und Heuchelei sind nahe Verwandte. In Krisenzeiten sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Passiert etwas Aussergewöhnliches, tönt es wie in der Sendung «Wort zum Sonntag»: Die Menschen sollen innehalten. Für Spass und Freude ist jetzt kein Platz, für Satire schon gar nicht.
So geschah es 1991, im Jahr des Urknalls der medialen Betroffenheit. Die Amerikaner warfen damals Saddam Hussein aus Kuwait hinaus. Die Operation «Desert Storm» war der erste Fernsehkrieg, an dem jeder teilhaben konnte, ohne teilnehmen zu müssen. Unter dem Eindruck der Bilder vom Golf wurde in der Schweiz ernsthaft darüber diskutiert, die Fasnacht zu streichen.
Und Libyen?
Und so passiert es auch in diesen Tagen wieder. Man wolle nicht satirisch unterhalten, wenn Katastrophen solchen Ausmasses wie in Japan geschehen, sagte der zuständige Bereichsleiter des Schweizer Fernsehens DRS nach der Absage der Sendung «Giacobbo/Müller» vom letzten Sonntagabend. Kaum war der Entscheid bekannt, wurde er in Foren überschwänglich gelobt: Chapeau! Das hat Stil!
Es mag sein, dass die Verantwortlichen beim Schweizer Fernsehen aufrichtig gehandelt haben. Die Bilder aus Japan machen betroffen, und die unklare Situation in den Atomkraftwerken erzeugt Angst. Doch die Bilder öffnen gleichzeitig die Falle der Heuchelei: Auch in Libyen geschieht in diesen Tagen eine Katastrophe. Weil von dort kaum Fotos zu sehen sind, bleiben Appelle zur Zurückhaltung aus.
«Gekränkter Idealist»
Wahrscheinlich ist die Frage, ob die Satire in Katastrophenzeiten Platz hat, ohnehin falsch gestellt. Just die Ereignisse in Japan könnten zum Anlass genommen werden, ein paar unangenehme Dinge anzusprechen. Die Satire als Methode eignet sich dazu hervorragend:«Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist. Er will die Welt gut haben,sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an», formulierte Kurt Tucholsky.
Mit andern Worten: Schenkelklopfer, die auf Kosten der Japaner gedrechselt würden, möchte derzeit niemand hören. Das wäre schlechte Comedy.
Die anspruchsvolle Satire hingegen richtet sich gegen eine als fehlerhaft empfundene Wirklichkeit. Personen, Institutionen und Geisteshaltungen werden kritisch mit einem Ideal verglichen, dem sie nicht entsprechen. Der ironische Humor ist dabei das Vehikel, das den Zuschauer lachen, im besten Fall sogar etwas lernen lässt.
Gute Satire schmerzt
Giacobbo/Müller haben am Sonntag die Gelegenheit verpasst, sich als wirklich gute Satiriker zu präsentieren. Wer in ruhigen Zeiten über andere herzieht, hat wenig zu befürchten. Gute Satire hingegen muss wehtun, sonst bleibt sie wirkungslos.
Das deutsche Satiremagazin «Titanic» macht vor, wie es gehen kann. Die Ereignisse in Japan werden auf das bezogen, was sie unseren Politikern im Grunde genommen sind: gleichgültig, und das trotz allem gegenwärtigen Aktivismus. «Experten erwarten in unseren Breiten stark erhöhte Konzentrationen guter Vorsätze und scheinheiliger Versprechungen, die sich aber schon in wenigen Wochen in der Atmosphäre auflösen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2011, 11:44 Uhr
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12 Kommentare
“G / M haben am Sonntag die Gelegenheit verpasst, sich als wirklich gute Satiriker zu präsentieren.“ – nur an diesem sonntag? Sollte dem lieben publikum nicht wieder deutlich gemacht werden, vom wem ihr laden bezahlt wird? Dann ist ziemlich rasch klar, warum das so zahnlose plüsch-tigerli sind. Aber nur mit “swissness“ist das auch nicht zu erklären – vielleicht fehlt's auch noch an anderem … Antworten
Giacobbo/Müller machen in der Regel keine Satire, sie machen Witzchen. - Mich würde interessieren, wo die Kriterien für eine Absage aus Betroffenheit genau liegt. Einige Hundert Tote reichen offensichtlich nicht, es müssen schon Tausende sein. Aber eigentlich könnte G/M immer abgesagt werden, ist die Welt doch trist und traurig. Dabei braucht es Satire gerade dann. Aber eben Satire, keine Witzchen Antworten
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