Kultur

Der falsche Mann für den «Tatort»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 12.08.2011 30 Kommentare

Der neue Schweizer Krimi hat einen Ermittler ohne Abgründe und ohne Macken: Stefan Gubser fehlt der Charakterkopf.

1/5 Stefan Gubser verkörpert als Ermittler die programmatische Mutlosigkeit des Schweizer Fernsehens, dabei gäbe es doch Alternativen...
Bild: Keystone

   

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Die Aufregung im Land war gross. Erst stoppte Nathalie Wappler, die Kulturchefin des Schweizer Fernsehens (SF), den neuen «Tatort». Dann zeigte sich: Dieser Schweizer «Tatort» ist, in seiner minimal überarbeiteten Fassung, recht okay (TA vom 22. Juli). Und inzwischen wissen wir auch: Die angeblichen Qualitätsmängel waren bloss vorgeschoben, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. In Wahrheit ging es der SF-Chefetage offenbar darum, in dem Film den einen oder anderen allzu konkreten Hinweis auf die SVP zu entschärfen.

Solche vorauseilende Selbstzensur ist zwar entlarvend und peinlich. Aber sie ist nur die logische Folge der Haltung, mit der sich das Fernsehen an die Mission «Tatort» gemacht hat. Von Anfang an wählte das Schweizer Fernsehen den Weg des geringsten Widerstands. Und wollte am Ende noch den letzten Fetzen Brisanz aus dem fertigen Film getilgt haben. Dieser «Tatort» ist das Ergebnis einer programmatischen Mutlosigkeit, und ihre Symbolfigur ist Stefan Gubser.

Acht Millionen schauen zu

Vergessen wir nicht: Ein durchschnittlich erfolgreicher «Tatort» erreicht in Deutschland gegen acht Millionen Zuschauer. Das sind Publikumswerte, von denen Schweizer Filme im Ausland sonst nicht annähernd träumen dürfen. Der «Tatort» wäre also ein prestigeträchtiges Schaufenster fürs Schweizer Filmschaffen. Und was tut das Fernsehen? Es macht sichs so bequem wie nur möglich. Statt einen markanten neuen Helden zu entwickeln, versetzt man einfach den farblosen Ermittler, der schon in drei Bodensee-Folgen keinen bleibenden Eindruck hinterliess, an den Vierwaldstättersee – und befördert den Darsteller gleich noch zum Produzenten der Filme.

Gubser als Schauspieler macht seine Sache ordentlich. Aber allein seine Besetzung verrät ein fundamentales Missverständnis über die Faszination der deutschen Traditionsmarke «Tatort». Diese Krimis verführen ja nicht mit abenteuerlichen Plots oder kriminalistischer Raffinesse. Die «Tatort»-Routine lebt vom Reiz des jeweiligen Milieus, und zwar diesseits wie jenseits des Gesetzes. Und das eigentliche Kapital, das sind die Kommissare, mit ihren Macken, ihren verborgenen Abgründen, ihren zwischenmenschlichen Knörzen.

Jene Ermittler, die einem zwischen Hamburg und Wien ans Herz wachsen, tun das deshalb, weil sie Charakterköpfe sind. Die haben ihr aufbrausendes Temperament nicht im Griff oder ringen um die Gunst ihrer pubertierenden Tochter, sie tragen eine bodenlose Schwermut mit sich herum oder einen Tumor, und sie quälen sich mit nervtötenden Kollegen herum. Immer aber haben sie das, was man auf Schweizerdeutsch einen «Grind» nennt. Stefan Gubser hat keinen Grind, nur ein Gesicht.

Damit ist er allerdings der ideale Darsteller für einen kreuzbraven Ermittler, der mit jeder Faser wie ein Maskottchen der offiziellen Schweiz wirkt: Dieser Kommissar Flückiger ist zuverlässig, aufrichtig, unauffällig – und latent langweilig. Ob am Bodensee oder nun in Luzern: Das ist ein Mensch ohne Abgründe, ein Mann ohne Macken. Fast jede Nebenfigur aus Flückigers Entourage entwickelt mehr Profil als der Kommissar selber.

Andere Gesichter gibt es doch

Dabei hätte es Alternativen gegeben, und zwei von ihnen laufen sogar neben Gubser im neuen «Tatort» herum. Da ist Andrea Zogg, der Bündner Brocken, der einst schon im allerersten Schweizer «Tatort» dabei war und den ein freundlicher Kritiker auch schon den «Depardieu der Alpen» genannt hat. Gut, der Zogg sieht nicht so adrett aus wie Gubser, aber der «Tatort» ist ja kein Schönheitswettbewerb für grau melierte Herren. Dann ist da noch Andreas Matti: Der hat als Psychiater in der Unglücksserie «Tag & Nacht» bewiesen, dass einem auch ein unverbesserlicher Misanthrop ans Herz wachsen kann. Den neuen «Tatort» bekommt er nur kurz von unten mit, als Wasserleiche in der Reuss. Dabei hätte Matti, mit Philippe Graber («Der Freund») als verschupftem Nachwuchsermittler an seiner Seite, einen wunderbar neurotischen Ermittler abgegeben.

Oder darfs ein bisschen mehr Charakterkopf sein? Max Rüdlinger! Der hat das Zeug zum Columbo der Agglo, mit seinem schiefen Grinsen, von dem man nie weiss, ob da die Treuherzigkeit lächelt oder die Gerissenheit. Vom ewigen Sonderling für die kleinen Nebenrollen auf die grosse «Tatort»-Bühne: Ja, der Rüdlinger hätte das verdient.Oder wie wärs mit Bettina Stucky? Wie gemacht für eine leutselige, aber hartnäckige Matrone in der Mordkommission, nach dem Vorbild von Marge Gunderson in «Fargo». Die Stucky hat sich bereits bewährt im gemischten Doppel, als sie zusammen mit Leonardo Nigro ein ungleiches Ermittlerduo im Fernsehfilm «Tod in der Lochmatt» gegeben hat. Zwar sind die beiden dort nie miteinander ins Bett gegangen, trotzdem spielte zwischen der grossen Bernerin und dem kleinen Italiener etwas, was man zwischen Stefan Gubser und Sofia Milos einen ganzen Film lang vergeblich sucht: Chemie.

Eine mutlose Wahl

Die Liste liesse sich verlängern. Selbst Roeland Wiesnekker wäre, wenn auch allzu naheliegend, die mutigere Wahl als Gubser gewesen. Der war in «Strähl» ja einst als Drogencop auf der Langstrasse unterwegs, und dank aufsehenerregenden Rollen in «Blackout» und «Dr. Psycho» ist er längst auch beim deutschen TV-Publikum bestens bekannt. Wiesnekker als «Tatort»-Ermittler mit heimlichem Drogenproblem: Das wäre eine explosive Konstellation. Das Schweizer Fernsehen setzt stattdessen auf einen Hobbysegler.

«Ein Film muss eine gewisse Grundgefährlichkeit ausstrahlen.» So versprach einst Redaktionsleiter Peter Studhalter, beim Schweizer Fernsehen verantwortlich für den «Tatort», vor gut zwei Jahren im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Grundgefährlichkeit? Diesen Tatbeweis bleibt der neue «Tatort» schuldig. Kein Wunder, bei diesem Ermittler.

«Tatort: Wunschdenken» mit Stefan Gubser läuft am Sonntag, 14. August, um 20.05 Uhr auf SF 1.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2011, 07:50 Uhr

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30 Kommentare

Manfred Froschmayer

12.08.2011, 08:49 Uhr
Melden 16 Empfehlung

Dieser Artikel ist eine Rufschädigung für einen integren und sehr guten Schweizer Schauspieler.
Es wird in diesem Artikel, wie auch am Titelblatt der heutigen Ausgabe suggeriert, dass Stefan Gubser alleine für diesen Film verantwortlich gemacht wird. Das ist einfach unverschämt !
Antworten


Peter Häusermann

12.08.2011, 08:47 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Vor einem guten Ermittler kommt immer noch ein gutes Script. Antworten



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