Kultur

Das grosse Abenteuer des Roger de Weck

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 11.01.2011 14 Kommentare

Der neue Generaldirektor will mehr Qualität in der SRG. Kann der Intellektuelle die schwerfällige Medienmaschine verändern?

Obermanager, Oberlobbyist, Oberfunktionär, Oberapparatschik: Roger de Weck.

Obermanager, Oberlobbyist, Oberfunktionär, Oberapparatschik: Roger de Weck.
Bild: Keystone

Heute spricht der neue SRG-Generaldirektor Roger de Weck (57) in Zürich an der Dreikönigstagung der Schweizer Verleger. Das Thema lautet, «Worauf es 2011 ankommt», und vielleicht erfährt man Genaueres zur Zukunft der hiesigen Gebührensender. Eine Art Regierungserklärung publizierte der Freiburger letzte Woche zum Amtsantritt. Sie erschien in drei Zeitungen und drei Landessprachen. «Service public ist eine Haltung», hiess es da. Und: Man müsse Fernsehen nicht für den Konsumenten machen, sondern für den «Citoyen».

Sachlichkeit statt Lärm

De Weck setzt sich in den grösstmöglichen Gegensatz zu seinem Vorgänger. Armin Walpen, in der Bundesverwaltung gewachsen, führte die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft 14 Jahre. In dieser Periode verflachte speziell das Schweizer Fernsehen. Man denke nur an das Zockerquiz «Deal or No Deal» mit leicht geschürzten Moneygirls à la Berlusconi-TV. An Castingshows wie «MusicStar» mit ihrer Nähe zu Privatsender-Formaten. Oder an Altrocker Chris von Rohr, der in seiner Late-Night-Show den nackten Hintern darbot.

Und nun tritt also de Weck an. Seine Vision ist in wenigen Worten fassbar: Sachlichkeit statt Lärm. Argumente statt Polemik. Gewitztheit statt Kalauerei. Freilich ist der Inhaltsmensch, der einst dem Zürcher «Tages-Anzeiger» eine europhile Linie verordnete und fulminant schrieb, kraft seines neuen Postens der Produktion von Inhalten entrückt. Der publizistische Charismatiker hat sich zum Chef einer schwerfälligen Medienmaschine mit 6100 Angestellten wählen lassen. Einen Gutteil seiner Zeit wird er damit verbringen, mit anderen europäischen Sendeanstalten zu verkehren. Auch die Klinken von Bundesbern wollen poliert sein. De Weck ist jetzt Obermanager, Oberlobbyist, Oberfunktionär, Oberapparatschik. Er muss Umwege nehmen, was ihn angesichts seiner legendären Ungeduld fordern dürfte, über die ältere «Tages-Anzeiger»-Redaktoren allerlei Müsterchen erzählen.

Die Crux mit den Gebühren

Die Grundfrage zur Ära de Weck, die in Anbetracht des SRG-Kader-Pensionierungsalters 62 bloss fünf Jahre dauern dürfte, ist daher die folgende: Wird es dieser Werte-Mensch schaffen, den 18 Radio- und 8 Fernsehprogrammen sein Ethos einzuprägen? Wird er es schaffen, den eigenen Esprit von der Spitze der Pyramide zur Basis zu lenken? Der Intellektuelle lässt sich auf das grösste Abenteuer seines Lebens ein.

Ein pensionierter welscher TV-Mann zweifelt, dass de Weck reüssiert und die SRG verändert. Im Gegenteil: «Die SRG neutralisiert jeden. Sie ist eine Menschenfresserin. De Weck wird mit Haut und Haar verschlungen.» Ein TV-Interner zweifelt: «De Weck hat meine Sympathie. Aber die Marktanteile, salopp gesagt, sacken ab. Das Fernsehen mit seinem Feld-Wald-und-Wiesen-Programm ist für junge Leute unattraktiv. Die stellen sich im Internet alles selber zusammen. Ein heutiger SRG-Generaldirektor verliert auf jeden Fall. Er kann nur mehr oder weniger verlieren.» Der Medienjournalist Rolf Hürzeler («Saldo») zweifelt auch: «De Weck ist ein Mann des Wortes. TV lebt aber von Bildern und Debatten, die bisweilen unsachlich sein müssen. Vor allem hat de Weck keine relevante Manager-Erfahrung.»

«Ein intaktes Qualitätsbewusstsein»

Der Schaffhauser SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr wiederum ist überzeugt von der Wahl: «De Weck hat ein intaktes Qualitätsbewusstsein. Und jedenfalls ist es besser, wenn ein in der Wolle gefärbter Publizist die SRG leitet als ein Betriebswirtschafter von der HSG.»

Doch gerade die Finanzen werden de Weck beschäftigen. Crux Nummer eins seines Amts: Rechte Skeptiker machen Dauerdruck. «Der Service public muss eng definiert werden. Was Private, speziell in der Unterhaltung, machen können, sollen Private machen. Mehr Transparenz muss her», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. «Es gibt zu viele Programme. Ihre Produktion ist zu teuer. Die SRG sollte sich mit den Empfangsgebühren auf Kernaufgaben wie die Information oder den Sport konzentrieren. Jedenfalls muss diese Zwangsgebühr runter!», sagt der Aargauer SVP-Ständerat Maximilian Reimann. «Man soll de Weck Zeit lassen. Aber wir werden ihn an seinen Taten messen!»

Eine Erhöhung der im europäischen Quervergleich brutal hohen Radio-Fernseh-Empfangsgebühren von 462 Franken pro Kopf und Jahr liegt garantiert nicht drin. De Weck darf froh sein, wenn er mit diesen gut 1,1 Milliarden Franken des Gesamtbudgets von gut 1,6 Milliarden weiterhin rechnen kann. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die Werbeeinnahmen konstant zu halten. Die Verteilkämpfe sind härter geworden. Der neue SRG-Direktor will rote Zahlen wie in den letzten Jahren vermeiden. Muss er Personal abbauen? Der Zürcher Publizist Karl Lüönd hat vor einiger Zeit über de Weck gesagt: «Woher soll er die Brutalität nehmen, um das SRG-Budget ins Gleichgewicht zu bringen?»

Konvergenz für Kinder

Crux Nummer zwei ist der angelaufene Umbau des Apparats. Unter dem Stichwort «Konvergenz» sollen Radio und TV zusammenwachsen. Mit bösem Blut zwischen den Medien und Redaktionen ist zu rechnen, de Weck und seine Kaderleute werden einige Aussprachen zu absolvieren haben. Immerhin: Ein kleiner Anfang ist gemacht, das flotte Kindermagazin «Zambo» ist sogar schon trimedial angelegt, mit Ablegern in TV, Radio und Internet. Jetzt muss die Konvergenz nur noch die Erwachsenenwelt erobern.

Im Internet liegt die Zukunft. Hauptpolitikum in nächster Zeit, Crux Nummer drei: Darf die SRG das Internet als eigenständiges drittes Medium nutzen statt nur als Verwertungsvehikel von Fernseh- und Radiostoffen, und darf sie online Werbung schalten? Die privaten Verleger wehren sich, weil die drohende neue Konkurrenz sich aus dem Gebührentopf nährt; sie reden von ungleich langen Spiessen. Der Bundesrat hat die SRG aufgefordert, auf die Verleger zuzugehen und eine Einigung zu finden.

Konsens mit der Politik nötig

Apropos Bundesrat: Der Erfolg des Roger de Weck wird auch davon abhängen, ob eine tragfähige Beziehung zu Medienministerin Doris Leuthard zustande kommt, die seine Anliegen in ihrem Siebnergremium vertreten muss. Vorgänger Walpen zerstritt sich mit Bundesrat Moritz Leuenberger und handelte damit der SRG zähe Probleme ein.

Der Geschäfte sind viele. Die Feinde in der Politik lauern. Und sowohl im Fernsehen wie auch im Radio muss einiges angepasst, geändert, entstaubt werden, wenn man den Kritikern folgt – vor allem in der Information. De Weck muss diese Arbeit delegieren. Und doch wird er die Kontrolle darüber behalten wollen, dass Reform und Innovation in seinem Sinn und Geist verlaufen.

Das Radio stagniert

Hauptproblem des Radios ist, dass es in den letzten Jahren stagnierte. Fragt man Radio-Kenner, bemängeln sie dies: dass langjährige Mitarbeiter sich in ihren Ansichten häuslich eingerichtet haben – und dass gefeierte Infosendungen wie «Echo der Zeit» ältlich klingen. Bereits kündigte die neue Radio-Chefredaktorin Lis Borner an, an der Tonalität arbeiten zu wollen. Derweil hat sich in der TV-Information eine halbjournalistische Attitüde bei hochjournalistischen Gefässen verbreitet. Vor allem auf das Nachrichtenmagazin «10 vor 10» trifft dies zu. Der Sendung fehle die Seele, sagen Beobachter; sie erscheine beliebig und unengagiert. Präsentator Stephan Klapproths Kindereien dürften aus dieser Sicht mit Haltungslosigkeit zu tun haben. Für Experten ist eine Zusammenlegung mit der «Tagesschau» denkbar. Dort aber schlagen Moderationspersonen wie Beatrice Müller ein Schulstuben-Timbre an, die Beiträge wirken unambitioniert im Vergleich zum Fernsehen der Romandie.

Der vormalige «Arena»-Moderator Reto Brennwald wiederum verstand bei der letzten Bundesratswahl nicht, dass Jacqueline Fehr soeben ausgeschieden war. Da scheiterte ein Entertainer an seiner Dossier-Dreiviertelkompetenz; es wirkte nach aussen symptomatisch für die Fernsehinformation. Von genereller Sittenverwilderung kündet die Sache mit den Nebenverdiensten. Manche TV-Moderatoren treten privat gegen saftige Honorare an Anlässen auf. Das sieht so aus, als sei der Journalismus nur Mittel zum Zweck, Geld zu machen. Dass Vorgesetzte die Auftritte durchgewunken haben, macht die Sache nur ärger.

Der tägliche Talk fehlt

Roger de Weck hat mittlerweile eine straffere Führungsstruktur erwirkt. Auf seinen Antrag wurde die Geschäftsleitung von 13 auf 7 Mitglieder verkleinert. Das verspricht weniger Gerede und schnellere Entscheide. Was Rudolf Matter angeht, Direktor für Radio und Fernsehen der Deutschschweiz, dürfte er de Wecks Vorstellungen speditiv transportieren. Ein TV-Mann schnödet: «Matter ist flexibel im Wechseln von Meinungen. Was am einen Tag rot ist, ist am anderen grün.» Medienjournalist Hürzeler erachtet Matter aber als gute Besetzung: «Er war beim Radio und Fernsehen, kennt beide Medien von innen. Er kompensiert de Wecks Defizite.»

Überhaupt, so Hürzeler, sei die neue Führungscrew für die Deutschschweiz gut assortiert: «Matter ist als Mister Konvergenz ideal. Und die Chefredaktoren Lis Borner beim Radio und Diego Yanez beim Fernsehen sind Urgestein.» Auch Hansruedi Schoch, Leiter der neuen Abteilung Programme beim Schweizer Radio und Fernsehen, beginnt Einfluss zu entfalten. Er macht sich offenbar unbeliebt, indem er alte Hierarchien und Ressortgrenzen missachtet.

Kooperationen werden zentral

Falls es de Weck gelingt, via sein Kernteam Fernsehen und Radio zu prägen, wie werden diese aussehen und klingen? Roger Blum, pensionierter Medienwissenschaftsprofessor, geht davon aus, dass der Austausch zwischen den Landesregionen zunimmt: Sendungen aus dem welschen Fernsehen, mit Untertiteln versehen, würden im Deutschschweizer TV auftauchen und umgekehrt. Auch erwartet er eine «Stärkung des politischen Diskurses». Konkret könne das heissen: mehr Talk-Sendungen. Der Privatsender TeleZüri schaffe es, Tag für Tag ein Gespräch zu organisieren. So etwas sei auch im Gebührensender denkbar, sagt Blum: «Wieso nicht eine regelmässige Sendung à la‹Menschen bei Maischberger›? Solche Gefässe sind erst noch verhältnismässig billig.» Und grundsätzlich sei klar, so Blum: SRG-Generaldirektor de Weck werde versuchen, «die Differenz zu Privatsendern mehr zu betonen. Seriosität, Witz, Intelligenz dürften zunehmen, banale Beiträge hingegen seltener werden.»

Gion Stecher, Chefredaktor von «Tele» und «TV-Star», rechnet damit, dass die Kultursendung «Kulturplatz» eine frühere Sendezeit bekommt und aufgewertet wird. Auch ein neues Auslandjournal sei realistisch. Generell sei sicher die Fernsehinformation «die grösste Baustelle».

Roger de Weck wollte sich gestern nicht dazu äussern, was konkret kommt. Sein Job bei der SRG ist es in erster Linie, eine neue Qualität zu definieren und von seinen Untergebenen einzufordern. Indirektheit ist jetzt sein Metier. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2011, 10:35 Uhr

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14 Kommentare

Bruno V. Nünlist

11.01.2011, 11:08 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Roger de Weck's "Sachlichkeit statt Lärm. Argumente statt Polemik. Gewitztheit statt Kalauerei" würde genau der Forderung der nach-Postmoderne, der pAstmoderne, entsprechen: "Warten statt Beschleunigung; weniger statt mehr; Konzentration statt Zerstreuung; Projekt statt Kick; machen statt Konsum, Ankunft statt Steigerung!" Zu hoffen ist, dass dies die Zuschauen auch so sehen werden! Viel Glück! Antworten


Thomas Michael Stäubli

11.01.2011, 11:00 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es zeugt einmal mehr von Arroganz, dass ein EU-Turbo und "Gutmensch" die Definitionshohheit in Sachen Qualität an sich reisst. Warum lässt man nicht einfach den Zuschauer über die Quote entscheiden? Antworten



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