Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


Das Pop-Märchen von London

Aktualisiert am 28.07.2012 35 Kommentare

Filmregisseur Danny Boyle gelang mit seiner Olympia-Eröffnungsfeier ein wahres Kunststück: Er verschmolz Spektakel mit Herzlichkeit.

1/28 Das Feuer der Londoner Spiele ist entzündet – durch eine Gruppe von britischen Nachwuchshoffnungen. Eine Überraschung: Man hatte eine einzige Person erwartet.
Bild: Reuters

   

Inszenierte spitzbübisch: Danny Boyle. (Bild: Reuters )

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Ob der Zuschauer an einer olympischen Eröffnungszeremonie je so euphorisierte Teilnehmer gesehen hat wie gestern Nacht? Klar, da war sportliche Vorfreude und sportlicher Stolz dabei, so wie immer, aber irgendwie auch ein besonderes, zusätzliches Glücksquäntchen. Athleten nahmen sich im verregneten Stratforder Olympiastation gegenseitig Huckepack und hüpften und sangen; die Fahnenträgerinnen strahlten, und das allgemeine Gewinke war noch wilder als sonst.

Das Extra-Quäntchen hatte wohl viel mit der allgegenwärtigen Pop-Schlaufe zu tun, mit der Boyle seine Show umgab. Der Filmkünstler, der mit «Trainspotting» zum Kultregisseur und mit «Slumdog Millionaire» zum Oscar-Preisträger avanciert ist, schöpfte das grandiose britische Melodie-Reservoir voll aus: Die Beatles und die Rolling Stones wurden angespielt, natürlich, aber auch die Kinks und David Bowie, Blur und Prodigy, Underworld, Pet Shop Boys, Amy Winehouse.

Von Shakespeare bis Mary Poppins

Boyle spielte die Songs nie ganz, sondern reduzierte sie auf die kickenden, rührenden, (fast) überall auf der Welt bereits mal gehörten Refrains; Langweile konnte so unmöglich aufkommen. Aufgelockert wurde das monumentale Pop-Medley mit Live-Acts, darunter Paul McCartney, zu denen Boyle dann auch die obligaten Feuerwerke zünden und tüchtig verpulvern konnte.

Sie, die Feuerwerke, gewöhnlich das Grande Finale der Eröffnungsfeiern, hätte es gestern Nacht gar nicht gebraucht. Boyle inszenierte seinen Rückblick auf die britische Sozial-, Wissenschafts- und Musikgeschichte ohne grosses Geknalle, aber sensibel und mit Witz. Er unterlief die herkömmlichen Zeremonien-Muster spitzbübisch, liess Mr. Bean auftreten und schmiss eine Puppe der Queen, die selber einen schalkhaften Video-Auftritt hatte, aus dem Helikopter. Die Botschaft war klar: Der britische Humor lebt, immer noch und nichtsdestotrotz.

Boyle bettete die Star-Auftritte von McCartney, Rowling, Craig und Atkinson in eine Märchenwelt, die auf Shakespears «Sturm» ebenso Bezug nahm wie auf Mary Poppins. Das Träumen zog sich als sympathisches und eigentlich doch viel zu introvertiertes Leitmotiv durch die Show. Unverkennbar war Boyles Bemühen, dabei auch behinderten und kranken Menschen ihren selbstverständlichen Platz zu lassen, sie, die bei den auf Erfolg und Leistung getrimmten Sportveranstaltungen zumeist nur Randfiguren sind. Kein Zufall, das Boyle ausgerechnet ein Spital als Ausgangspunkt für seine Traum-Performance gewählt hatte.

Boyle gelang so, was wohl noch keinem andern Olympia-Regisseur bis dato gelungen ist: Eine überzeugende Verschmelzung von Spektakel und Herzlichkeit.

Ein wenig wie Zwerge

Gegen Veranstaltungsende nehmen Olympia-Eröffnungen jeweils eine knifflige dramaturgische Wendung: Es kommen die Funktionäre, um die Zuschauern mit ihren drögen Reden zu plagen. Dass IOC-Präsident Jacques Rogge mit seinen 70 Jahren immer noch nicht verstanden hat, dass die Zuschauer auf ziemlich alles andere als auf seine Ansprache gewartet haben, deutet nicht auf ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen hin. Auch dieses Mal redete und redete und redete Rogge, er drohte das ganze tolle Fest zu zerreden («Keine Macht dem Doping», «lebt den olympischen Geist» und dergleichen). Dass der Repräsentant der Gastgeber, Ex-Leichtathlet Sebastian Coe, Rogge mit patriotischen Plattitüden («Ich bin stolz, Brite zu sein!») assistierte, machte die Szene auch nicht besser.

Dass auch diese letztlich im Gesamtbild aufging, war wiederum Boyle zu verdanken. Er hatte die beiden Funktionäre auf einem riesigen Hügel platziert, der sie so klein und unbedeutend erscheinen liess, wie sie von den Zuschauern ohnehin wahrgenommen wurden. Sie wirkten wie wichtigtuerische Zwerge, über die man sogar ein wenig lächeln musste. Und so blieb es, das Lächeln – von Anfang und bis zuletzt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2012, 11:18 Uhr

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35 Kommentare

Eric Pudles

28.07.2012, 11:45 Uhr
Melden 161 Empfehlung 0

Es war eine tolle Show.Ein Fernsehschmaus für Jung und Allt. Leider hat es SF1 mit Beni National wieder einmal geschafft eine Sendung, welche praktisch, ausser ein paar wenigen Erklärungen, keinen Kommentar benötigte alles zu ruinieren. Wen interessiert es schon wo Beni in die Ferien fährt und ähnliches. Habe nach kurzer Zeit auf ZDF umgeschaltet. Was für eine Wohltat. Antworten


Paul Meier

28.07.2012, 11:37 Uhr
Melden 82 Empfehlung 0

Die Show war super, wenn auch etwas langatmig... Und ein Knaller zum Schluss fehlte... Es war nicht klar, ist es nun vorbei oder nicht (obwohl der Speaker sagte es sei vorbei....)? Das grosse Aergernis war Beni und sein Kumpel.... da hätte man besser die Show ohne jeden Kommentar laufen lassen - entweder war Beni National absolut unvorbereitet, uninteressiert oder dann auf irgendetwas.... Antworten



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