Kultur
Das Doppelleben des Knastdoktors
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 26.04.2012
Joe Bausch: Knast. 284 Seiten, Ullstein-Verlag. Berlin 2012.
Inhaltsangabe
Die Fernsehzuschauer kennen ihn als einsilbigen Gerichtsmediziner Joseph Roth aus dem Kölner «Tatort». Doch eigentlich ist Joe Bausch (59) seit mehr als 25 Jahren Gefängnisarzt in der Haftanstalt Werl, einem der grössten deutschen Gefängnisse Deutschlands. Hier behandelt er täglich Mörder, Kinderschänder, Totschläger, Vergewaltiger, Erpresser, Räuber, Drogendealer, Betrüger und Diebe. «Ich bin RAF-Terroristen begegnet, ehemaligen KZ-Wärtern, hochkarätigen Wirtschaftskriminellen, Heiratsschwindlern, Brandstiftern und Frauen, die ihr Baby umgebracht haben. Aber auch vielen Eierdieben», schreibt der 59-Jährige in seinem Buch «Knast», einer Mischung aus Biografie und eindrücklichem Sachbuch aus dem Gefängnisalltag mit all seinen kleinen und grossen Tragödien. In einer Szene schreibt er von einem Untersuchungshäftling, der bei Joe Bausch eine Lebensbeichte ablegt und sich zwei Tage später erhängt. Der Gerichtsmediziner schreibt von einer Anstalts-Psychologin, die von einem Häftling mehrfach vergewaltigt wurde, von Häftlingen, die sich draussen eine Freundin angeln, von Simulanten, Unterdrückten, von absichtlich verschluckten Rasierklingen und Fluchtversuchen. Joe Bausch zeigt die andere Welt hinter Gittern und schreibt, warum er von seiner eintägigen Kündigungsfrist nie Gebrauch gemacht hat.
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Korrektur-Hinweis
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Sie arbeiten als Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl, mit rund 900 Insassen einer der grössten Haftanstalten Deutschlands. Wen haben Sie heute alles behandelt?
Heute hatte ich Sprechstunde für Straftäter mit Sicherheitsverwahrung. Darunter waren auch Menschen mit schwierigeren Erkrankungen, weil einige ja schon älter sind. Einer meiner heute rund 60 Patienten war ein Neuzugang, den wir vor 14 Jahren schon mal entlassen hatten. Nun hat er mit 66 Jahren erneut eine Gefängnisstrafe von neun Jahren gekriegt und wird mindestens bis 75 hier absitzen. Dann hatte ich verschiedene Drogenabhängige, einen HIV-Patienten, der neue Medikamente gegen Aids benötigte, und einen Insassen mit einem Kriegstrauma, der über starke Kopfschmerzen klagte. Etwa so sieht es bei mir jeden Tag aus.
Haben die 25 Jahre als Arzt hinter Gittern Sie verändert?
Nicht wesentlich. Ich bin Gott sei Dank kein Zyniker und auch kein Sarkast geworden. Das Einzige, was ich heute verlange, ist Respekt. Vor 25 Jahren war mir das noch egal. Heute erwarte ich, dass meine Patienten genauso anständig mit mir reden wie ich mit ihnen.
Als Gefängnisarzt müssen Sie ständig auf der Hut sein.
Ja. Es herrscht eine Kultur des Misstrauens, und man muss immer wieder diesen Spagat machen zwischen Nähe und Distanz. Einerseits pflege ich einen sozialen Kontakt mit den Gefangenen, denn man kann ja nur resozialisiert werden, wenn man soziale Kontakte mit anderen Menschen hat. Auf der anderen Seite kann es vorkommen, dass ein Insasse, der eben noch freundlich mit mir über den «Tatort» geredet hat, im nächsten Moment eine Geisel nimmt.
Prägt das nicht?
Nur dahingehend, dass mein Blickwinkel weiter ist und ich auch noch aus den Augenwinkeln heraus beobachte, was um mich herum geschieht. Man entwickelt mit der Zeit ein anderes Bauchgefühl. Ich vertraue auf meine Intuition.
Als Sie vor 25 Jahren als junger Arzt in der Werl angefangen haben, haben Sie sich eine eintägige Kündigungsfrist ausbedungen. Gab es Momente, in denen Sie versucht waren, diese in Anspruch zu nehmen?
Nein, aber ich brauchte das Gefühl zu wissen, dass ich jederzeit gehen könnte. Das war mir am Anfang ganz wichtig.
Kein Moment, in dem Sie an Ihrem Beruf zweifelten?
Es gab eine einzige Situation, in der ich darüber nachgedacht habe, warum ich mir das alles antue. Ich erhielt Morddrohungen am Telefon, und die Polizei bewachte monatelang mein Haus. In diesem Moment hatte ich Angst um meine Frau und meine Tochter. Aber auch anderswo könnte etwas passieren.
Was hat Sie so lange in Ihrem Beruf als Gefängnisarzt gehalten?
Zum einen habe ich gerne mit schwierigen Patienten zu tun, was eine gewisse Herausforderung ist. Einige stammen aus Afrika, China oder Südamerika, was die Verständigung zusätzlich erschwert. Andererseits hatte ich in den letzten 25 Jahren ein Gefühl von Pionierstimmung, da ich hier im Gefängnis eine moderne, zeitgemässe Medizin aufbauen konnte. Ausserdem kann ich hier so arbeiten, wie ich es für richtig halte. Meine Patienten haben ja keine freie Arztwahl, und ich muss auch die zweite Meinung mitbeurteilen und wegen der Verständigungsprobleme oft viel genauer untersuchen. Bei Bedarf können wir einen Psychiater, Hautarzt oder Optiker zuziehen. Ich bin Generalist im klassischen Sinne. Das macht mir grosse Freude.
Welche Täter sind für Sie die schwierigsten?
Vergewaltiger, manipulative Menschen oder auch psychisch Kranke, die über lange Zeit kein Einsehen haben, dass sie krank sind und regelmässig Medikamente nehmen müssen. Das ist für mich schwer auszuhalten, weil ich weiss, dass ich ihnen gut helfen könnte. Aber die lassen sich oft nicht helfen.
Was ist mit Simulanten?
Ja, von Betrügern, die überzeugt werden müssen, dass sie nicht krank sind, gibt es hier drin mehr als draussen. Viele Insassen haben draussen nie gearbeitet. Weil es im Gefängnis jedoch eine Arbeitspflicht gibt, versuchen sie mit allen Mitteln, von der Arbeit loszukommen. Dann erscheinen sie tags darauf wieder in meiner Praxis und am übernächsten Tag wieder. Das ist eine Geduldsprobe.
Halten Sie das gut aus?
Ja, das sehe ich sportlich.
Sie spielen etwa gleich lange Theater, wie Sie Arzt sind. Ihre erste Rolle war die eines Mörders. Zufall?
Nein, solche Stoffe haben mich immer schon interessiert. Das Theater kam ja mit der Geburt der Tragödie. Schon im alten griechischen Theater drehte sich alles um Mord, Totschlag, Inzest oder Vergewaltigung. Für jeden Schauspieler ist es natürlich toll, wenn er auch mal den Bösen geben darf oder denjenigen, der so aussieht, als wäre er gut, aber eigentlich richtig böse ist, also eine klassische grosse Figur wie Macbeth oder Lear.
Hätten Sie beim «Tatort» also lieber einen Bösewicht gespielt statt des Gerichtsmediziners Roth?
Schon, aber als Mörder darf man ja nur einmal mitspielen. Ich dagegen darf als Guter seit 15 Jahren immer wieder kommen. Mein Problem ist, dass ich viel zu lange dabei bin und es schwer für mich geworden ist, auch einmal den Bösen zu spielen. Mein Gesicht ist inzwischen so stark mit Dr. Roth verbunden... Aber vielleicht könnte ich es ja mal im Schweizer «Tatort» als Bösewicht versuchen.
Haben Sie auch schon mal einen Schweizer «Tatort» gesehen?
Natürlich habe ich mir die angeguckt.
Und? Der letzte wurde bei uns stark kritisiert.
Ja, einer war ganz schlecht, aber auch wir in Köln haben mal eine schlechte Folge. Abgesehen davon gab es auch schon ein paar sehr gute Schweizer «Tatorte». Auch die Handlung am Bodensee mit Eva Mattes finde ich gut. Es ist ein Format, das man weiterentwickeln muss, aber gleichzeitig darf man es nicht zu stark verändern. Es ist ja unter anderem das lokale Kolorit, das den «Tatort» so erfolgreich macht.
Wie sind Sie eigentlich zum «Tatort» gekommen?
Der Produktionsleiter hat mich vor etwa 15 Jahren angerufen und gesagt, er hätte eine Rolle für den «Tatort Manila», allerdings bloss eine kleine, und ob ich trotzdem daran interessiert sei. Das war ich natürlich. Ich habe das dann sechs- oder siebenmal gemacht und erst dann meinen Namen gekriegt. Davor hatte ich quasi auch eine tägliche Kündigungsfrist.
An einer Stelle im Buch schreiben Sie, dass es den Bausch im Gefängnis ohne den Bausch auf der Bühne nicht geben würde. Wie meinten Sie das?
Das, was ich im Knast erlebe, ist als Mensch manchmal kaum auszuhalten. Ein Schauspieler kann einen Schritt zurücktreten und sich eine Situation von aussen anschauen. Mit meiner Erfahrung als Schauspieler kann ich aus meiner Rolle als Arzt heraustreten und versuchen, mir die schwierige Situation mit den Augen eines Schauspielers anzuschauen. Dadurch kann ich abstrahieren und der Sache trotzdem noch was abgewinnen. Es ist wie eine künstlerische Ebene für mich. Dieses Switchen zwischen den zwei Perspektiven, die beide zu mir gehören, hilft mir.
Sind Sie privat auch so wie Dr. Roth im Fernsehen?
Na ja, als Dr. Roth bin ich ja ein bisschen trocken. Im wirklichen Leben bin ich sicherlich gesprächiger und lustiger. Ich bin zufrieden, dass Roth so ist, wie er ist. Der eine «Tatort»-Gerichtsmediziner ist lustig, der andere grotesk, und Roth ist eben trocken. Zufälligerweise war ich kürzlich in einem Hotel, in dem gerade eine Tagung von echten Gerichtsmedizinern stattfand. Die waren voll des Lobes. Sie sagten zwar, andere seien lustiger, aber meine Figur entspreche viel mehr der Realität. Das ist doch auch schön. Ausserdem soll man ja nicht alles nachäffen, was die anderen besser machen. Das ist eine der grössten Gefahren, dass Schauspieler immer noch mehr wollen.
An einer der eindrücklichsten Stellen im Buch beschreiben Sie den typischen Knastgeruch, eine Mischung aus Bodenwichse, Eintopf, kaltem Zigarettenrauch, ungelüfteten Betten, Männerschweiss, Kernseife und angebranntem Essen. Werden Sie diesen Geruch los, wenn Sie nach Hause gehen?
Ja, sobald ich rausgehe und atme, geht das weg. Ich setze mich ja nicht 24 Stunden dieser Situation aus. Mir ist jedoch aufgefallen, dass ich, seitdem ich im Gefängnis arbeite, mehr Eau de Toilette als früher benutze.
Wohnen Sie immer noch im Haus gleich neben der Anstalt?
Ja, aber das ist genug weit weg, dass es nicht mehr stinkt bei mir. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.04.2012, 10:06 Uhr











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