Warum Menschen Hunde haben

Gabriel Vetter klärt mal kurz eine sehr wichtige Frage.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter.

Unser Kolumnist Gabriel Vetter. Bild: Hazel Brugger

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Ich habe kein Tattoo. Aber ich habe mir schon oft vorzustellen versucht, wie es wäre, eins zu haben. Ich denke, sich ein Tattoo stechen zu lassen, fühlt sich wahrscheinlich so an, wie wenn man sich ein Haustier anschafft, von dem man weiss, dass es nie wieder weggeht.

Einen Hamster zum Beispiel. Einen kleinen, netten und unkaputtbaren Hamster namens Hansjörg. Hansjörg hätte man sich aus jugend­lichem Übermut irgendwann gegönnt, als Ausdruck eines gewissen Lebensgefühls oder als Erinnerung an ein bedeutendes biografisches Ereignis (Bestehen der Töffliprüfung, Tod von Lady Diana, erster Sex), an ein Ereignis also, von dem man sich sicher war, dass es nur durch ebendiesen, einem für immer und ewig hinterhertrottenden Hamster manifestiert werden könne.

Und dann, zehn Jahre später, sitzt man irgendwo bei einem Bewerbungsgespräch für einen Job, von dem man sich eigentlich geschworen hatte, ihn nie anzustreben, und versucht, souverän und belastbar und flexibel zu wirken, während Hansjörg, der Hamster, neben einem hockt, auf einem knallroten USM-Regal, und so richtig offensiv-gelangweilt Edith Piafs «Je ne regrette rien» vor sich hin pfeift. Und spätestens in diesem Moment wünscht man sich, man hätte auf Mutter gehört und damals diese Phase einfach mit einer Art Henna zu verarbeiten versucht, sich ergo einen normalsterblichen Hund gekauft, und nicht diesen Highlander-Hansjörg.

Ich glaube ja, dass genau das ein Grund ist, warum sich Menschen Haustiere anschaffen. Weil Haustiere – anders als Hansjörg – vergänglich sind. Das Gäbige an einem Golden Retriever ist ja nicht nur, dass er lustig ist und freundlich und ein glatter Cheib, sondern, dass man weiss, dass der einem nach etwa 15 Jahren wieder aus dem Leben wegstirbt. Der Gedanke an die Unausweichlichkeit des Verlusts wird erträglicher, wenn schon zu Beginn ein ungefähres Ablaufdatum mitgeliefert wird. Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich liebe Hunde (ich bin mit Hunden aufgewachsen; manche meiner besten Freunde sind Hunde!), und das Ableben eines Hundes ist selten eine schöne Sache, aber warum hat man als Mensch einen Hund? Warum entscheiden sich erwachsene, schlaue, mitfühlende Menschen dazu, einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit damit zu verbringen, auf einem Feldweg die Exkremente eines mit Würmern verminten Mischlings namens Glöggli in ein schwarzes Plastiksäckli zu verschnüren?

Eine Ökonomin würde sagen: Ein Hund ist ein Geschäft, das eine hervorragende Rendite abwirft. Man schmeisst ein bisschen Futter rein, ein bisschen Zeit, ein bisschen Zuneigung und kriegt unendliche Zuneigung, unendliche Bestätigung – und sogar noch ein wenig Lebenszweck heraus. Ein Wahnsinnsdeal. Kaufen, kaufen, kaufen!

Die Psychologin würde sagen: Ein Hund ist emotional weniger belastend als ein Mensch. Ein Labrador ruft einen nicht heulend um vier Uhr morgens an und sagt: «Hey du, hey, sorry, dass ich mitten in der Nacht anrufe, ich kann einfach nicht schlafen?.?.?.?JA ICH BIN BESOFFEN, ABER LOS ZUE, ich glaub, de Pascal goht fremd!»

Meine Nachbarin würde sagen: Hunde sind eigentlich nichts anderes als eine Art Zwangs­prostituierte für Menschen, die nur kuscheln und spazieren wollen.

So weit würde ich nicht gehen. Ich würde meinen: Hunde sind vielleicht der Schlagersong der Freundschaften. Unkompliziert, nett, auch sehr wichtig natürlich – und vergleichsweise schnell wieder vorbei. Wie ein warmer Frühlingsregen auf Mallorca, durch den wir barfuss tanzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 16:00 Uhr

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