Visionär mit Bodenhaftung

Ein Dokumentarfilm zeichnet ein intimes Porträt von Martin Schläpfer, jenes Ausnahmetanzkünstlers, den Bern an Deutschland «verloren» hat.

Der Mann, an dessen Kunst die Welt glaubt, nachdem man in Bern nicht recht an ihn glauben wollte: Choreograph Martin Schläpfer, hier als Tänzer in «Alltag».

Der Mann, an dessen Kunst die Welt glaubt, nachdem man in Bern nicht recht an ihn glauben wollte: Choreograph Martin Schläpfer, hier als Tänzer in «Alltag». Bild: zv/Gert Weigelt

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Er kniet auf dem Steinboden vor dem Feuerloch, schiebt schweigsam Holz in die Flammen des Herdes, um warm zu haben und Wasser kochen zu können. So stellt man sich den einsamen Älpler vor, den Naturburschen in schweren Wanderstiefeln, der in der Abgeschiedenheit Schafe hütet, vielleicht käst, den Wolken zuschaut oder beim Blick hin­unter ins Tal über das Leben philosophiert.

Doch die Ruhe hier täuscht. Es sei ihm nicht wohl, hört man plötzlich aus dem Mund dieses Feuerbewahrers, wenn er spüre, dass nichts sich mehr bewege. «Egal ob aussen oder innen. Stillstand halte ich nur schlecht aus.» Kein Älpler also. Man kennt die Stimme, von der Bühne, vom Fernsehen.

Es ist Martin Schläpfer in seinem Sommerrefugium im Maggiatal. Der Schweizer Tanzschöpfer, der 2013 mit dem ersten Schweizer Tanzpreis ausgezeichnet wurde. Seit 2009 leitet er als Direktor und Chefchoreograf das 48-köpfige Ballett am Rhein der beiden Städte Düsseldorf und Duisburg. Und das tut er so erfolgreich, dass er auch international mit Preisen und Auszeichnungen nur so überhäuft wird.

Kunst, an die man glaubt

Nicht nur er: Seinem Ensemble wurde in der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift «Tanz» das Prädikat «Beste Kompanie» zuerkannt – dreimal in Serie! Man glaubt an diesen Mann und seine Kunst. Eben hat ihm und seinem Ballett ein privater Investor in Düsseldorf ein eigenes Tanzhaus errichtet. Und nicht etwa ein kleines. In Zeiten kultureller Kahlschläge eine Sensation. Was ist das Geheimnis dieses aussergewöhnlichen Erfolgs? Und wer ist der Künstler und Mensch, der da vorab hinter den Kulissen wirkt, der aus flüchtiger Bewegung Bühnenstücke zimmert, von denen sich Menschen über alle Alters- und Kulturgrenzen hinweg berühren lassen?

Die deutsche Dokumentarfilmerin Annette von Wangenheim hat sich diese Fragen gestellt und mögliche Antworten gefunden. Vielleicht das: Er hat kein Geheimnis, er ist eines, weil er ständig in Bewegung ist und sich einem wieder entzieht, wenn man ihn zu fassen meint. Ein Tänzer eben. Das Vertrauen zwischen der Filmemacherin und dem Choreografen ermöglicht eine Nähe und ­Offenheit, die den Film zum kostbaren Dokument macht. Schläpfer ist kein Selbstdarsteller. Dennoch gibt er unverblümt auch Einblick in sein Privatleben. Er zeigt sein Haus mit dem wilden Garten, den Tieren und den explosiven Graffiti an den Wänden.

Schläpfer, der Nachdenkliche, hier hat er auch eine rebellische Seite. Er hat über seine Fussböden Farbe gekippt und an den Wänden der Wohnküche seine Lebensbilanzen hingekritzelt. Da steht auch der Satz, der zum Filmtitel wurde: «Feuer bewahren – nicht Asche anbeten!», ein Zitat von Gustav Mahler. Dieses Feuer ist der Energiequell seiner Kreativität in den imaginären Räumen in seinem Kopf. Ein Feuer, das wärmt oder zerstört. «Man muss immer stochern, damit das Feuer nicht ausgeht», sagt Schläpfer. Und man spürt, dass er damit nicht nur den Herd in seinem Tessiner Grotto meint.

Biobauer oder Balletttänzer

Der Naturbursche, der auch ohne Worte kommuniziert, ist er geblieben. Als Bub wollte Schläpfer übrigens Biobauer werden. Doch das Leben hatte anderes mit ihm vor. Er wurde Balletttänzer, und zwar gleich einer der besten, den die Schweiz je hervorgebracht hat. Doch das war erst der Anfang.

Der 1959 geborene St. Galler wurde vom charismatischen Solotänzer zum weitherum anerkannten Tanzpädagogen, schliesslich zum Choreografen und Ballettdirektor: Seine erste Stelle hatte er am Berner Stadttheater, wo er das Ballett­ensemble 1994 bis 1999 nicht nur leitete, sondern künstlerisch aufbaute und entwickelte. Durch die Kontinuität und die hohe Qualität seiner Tanzschöpfungen gelang es Schläpfer, dem Berner Ballett in bloss fünf Spielzeiten zu internationalem Ansehen zu verhelfen.

Die Anerkennung bei Publikum und Fachwelt rührte wohl auch daher, dass er als Choreograf zwar experimentierfreudig war, aber nie ein rebellischer Dekonstruktivist. Das ist auch heute noch so. In seinen abstrakten Tanzwerken sind Form, Musikalität und Klarheit stets feste Grössen.

Doch in Schläpfer wollte oder konnte man in Bern damals nicht investieren. Seine Visionen und Träume blieben unerfüllt. So zog er zuerst nach Mainz, später nach Düsseldorf/Duisburg, wo man ihn mit offenen Armen empfing. Wangenheims facettenreiches Porträt zeigt, was Bern damals verloren hat: einen Visionär mit Bodenhaftung.

Kino Rex, Bern: 7./8./14./15./16. Mai, 11 Uhr (Der Bund)

Erstellt: 07.05.2016, 08:45 Uhr

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