Verkehrt herum ist auch gefahren

Im Abstimmungskampf wünscht man sich zuweilen, die Wahlkämpfer hätten den Duden genauer studiert.

«Andiamo avanti»:  In der Fremdsprache sind die Damen und Herren Milchkuh-Initianten sattelfester.

«Andiamo avanti»: In der Fremdsprache sind die Damen und Herren Milchkuh-Initianten sattelfester. Bild: zvg

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Das Beste an der Abstimmungswerbung für die Milchkuh-Initiative ist (für mich) der Titel. Einer mit einer an sich unerklärlichen Trennung: «Vorwärts kommen» statt «vorwärtskommen». Denn das gibt mir die Gelegenheit, einen Witz zu erzählen, den ich ohne passenden Vorwand für mich behalten müsste. Kommt also ein Auto aus einem Nachbarland – aus welchem, tut nichts zur Sache – rückwärts an den Zoll. «Warum sind Sie rückwärts gekommen?», fragt der Zöllner. «Ich fahre nach St. Moritz und habe gehört, da könne man nicht wenden.» Nach ein paar Stunden kommt das Auto zurück – immer noch rückwärts. «Warum sind Sie nicht vorwärts gekommen?» – «Man hat in St. Moritz eben doch wenden können.»

Den Initianten der Abstimmungsvorlage geht es zwar auch um Strassen, aber vermutlich nicht darum, das Fahren im Rückwärtsgang noch strenger einzuschränken, als das seit kurzem ohnehin schon der Fall ist. Vielmehr wollen sie auf gut ausgebauten Strassen gut vorwärtskommen. Das zusammengeschriebene Wort ist nur auf der ersten Silbe betont, während bei «vorwärts kommen» jedes Wort seine eigene Betonung trägt. Die feine Unterscheidung wurde bei der Rechtschreibreform 1996 in diesem Fall beiseite gewischt, bei der Revision 2006 aber retabliert: Beide Schreibweisen gelten wieder als richtig. In der Zwischenzeit war tatsächlich nur «vorwärts kommen» regelkonform, und die Strassenbau-Initianten haben vielleicht in den sprachlichen Rückspiegel geschaut.

Zusammen weiter

Bei «zusammen» wurde trotz Reform immer unterschieden: Kommen zwei Leute miteinander an eine Sitzung und sagen, «wir sind erst im Lift zusammengekommen», so können sie damit den Verdacht zerstreuen, sie hätten vorher ein Geheimtreffen abgehalten. Sagen sie aber «zusammen gekommen» (mit doppelter Betonung), so muss man an eine schnelle Nummer oder einen langsamen Lift denken. Und wer nun an den Titel der Abstimmungszeitung denkt, ist selber schuld.

Ob etwas als Verbindung zusammen­geschrieben wird oder als Wortgruppe nicht, muss man im Zweifel nachschauen. Wo beides möglich ist, unterscheidet sich normalerweise auch die Bedeutung, wie oben. Unterschiedlich ist dann ebenfalls die Betonung, nach der Regel: Ist nur das erste Wort betont, wird zusammengeschrieben, sonst: «Wir haben den Artikel zusammen geschrieben.» Man kann diese Regel zum Beispiel auch bei «weiter» anwenden: beruflich weiterkommen, dabei weiter kommen als die Konkurrenz und Ja sagen, wenn der Fitnesstrainer nach Ablauf des Abonnements fragt: «Willst du weiter kommen?» (im Sinn von «weiterhin»).

Initiative als Milchkuh

Zurück zur Abstimmungszeitung. Dort ist sogar ein Inserat sprachlich lehrreich: Es preist die «Milchkuh Initiative» an. Das wäre ein Rindvieh, dem sein Halter den Namen «Initiative» verpasst hat. Oder der Ausdruck würde passen, wenn es um die Initiative ganz allgemein ginge, als politisches Instrument. Das dient ja neuerdings häufig als Milchkuh, um etwas herauszuholen – gar nicht unbedingt den Entscheid, für den Unterschriften gesammelt wurden, vielmehr die Aufmerksamkeit für eine Partei oder eine Idee. Als Bezeichnung für eine jener Initiativen, die derzeit zur Abstimmung vorliegen, braucht die «Milchkuh-Initiative» aber zwingend einen Bindestrich, oder sie muss ganz zusammengeschrieben werden: «Milchkuhinitiative».

Nebenbei: Warum haben Schweizer so gern Österreicherwitze? Weil die so leicht zu verstehen sind. Ganz anders verhält es sich mit Österreicher Witzen, also nicht solchen über Österreicher, sondern solchen aus Österreich. Die können nämlich ganz schön subtil und geistreich sein und sind vielleicht deshalb hierzulande weniger bekannt. Kennen Sie den? Graf Bobby überquert die Grenze – vorwärts, versteht sich, und in der Zeit vor dem Schengen-Abkommen. So fragt ihn der Zollbeamte wie damals üblich: «Alkohol, Zigaretten, Schokolade?» – «Nein, danke, für mich nur eine Tasse Kaffee, bitte.»

Daniel Goldstein ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und unterhält die Website Sprachlust.ch. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2016, 08:47 Uhr

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