Spazierfahrten mit «Spartacus»

Das Robert Walser-Zentrum präsentiert mit dem wiederentdeckten Velo des legendären Schweizer Schriftstellers einen Meilenstein der Zweiradtechnik – und löst nebenbei ein Rätsel der Literaturgeschichte.

Sensationeller Fund im Keller der Gerechtigkeitsgasse 29: Pino Dietiker (links) und Reto Sorg mit dem sagenumwobenen Fahrrad von Robert Walser.

Sensationeller Fund im Keller der Gerechtigkeitsgasse 29: Pino Dietiker (links) und Reto Sorg mit dem sagenumwobenen Fahrrad von Robert Walser. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Kind überkam Pino Dietiker jeweils die Angst, wenn er in den dunklen Keller musste, aber an diesem kalten Märztag raste sein Herz, weil er ahnte: «Es sind vielleicht zwanzig Treppenstufen für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, aber es wird wahrscheinlich ein Riesensprung für die Robert-Walser-Forschung.» Aufgrund eines Hinweises einer Privatperson war der 25-jährige Mitarbeiter des Berner Robert-Walser-Zentrums in den Keller des Hauses an der Gerechtigkeitsgasse 29 hinabgestiegen. In dem Berner Altstadthaus hatte Walser 1925 den berühmten Roman «Der Räuber» verfasst.

Und in diesem gewölbeartigen Untergeschoss stand es in einer Ecke, halb verdeckt von Umzugskisten, auf den ersten Blick funktionstüchtig: das Fahrrad, mit dem Robert Walser 1913 von Berlin nach Biel zurückgekehrt war. «Gehen die Bremsen noch, haben die Reifen genug Luft?», fragte sich Dietiker aufgeregt. «Nach drei Kontrollgriffen war mir klar, dass ich zwar kein fahrtüchtiges Velo, aber ein Stück Literaturgeschichte vor mir hatte.» Seine Stimmung war alles andere als im Keller; vor lauter Freude betätigte er die Fahrradklingel, die prompt ein munteres Surren von sich gab.

Velo-Avantgardist

Das gut erhaltene Damenrad der Marke Spartacus ist sagenumwoben, da Walser es in seinen Texten und Briefen verschiedentlich erwähnte. Nachdem Walser 1929 in die Berner Heil- und Pflegeanstalt Waldau eingetreten war, verloren sich die Spuren des Gefährts. Literaturexperten haben bis heute über seinen Verbleib gerätselt. Technikgeschichtlich wertvoll ist der Fund, weil das Fahrrad über eine der ersten Torpedo-Freilaufnaben mit Rücktrittbremse verfügt. Walser muss es kurz nach seiner Ankunft in Berlin 1905 erworben haben. Diese von Ernst Sachs 1903 patentierte Erfindung war deutlich wartungsärmer und kostengünstiger als das bis dahin führende Modell von Sturmey-Archer; sie sicherte dem Schweinfurter Unternehmen Fichtel & Sachs einen bis in die zweite Jahrhunderthälfte andauernden Verkaufserfolg. Weil sich in der Schweiz das deutsche Patent erst allmählich gegen den britischen Vorläufer durchsetzte, dürfte der nach Berlin ausgewanderte Walser einer der ersten Schweizer überhaupt gewesen sein, die mit einer Torpedo-Nabe über die Landstrassen radelten.

Temporeicher Stil

Der Literaturwissenschaft löst sich mit dem sensationellen Fund das jahrzehntealte Rätsel, wie der als schwerer Raucher und ausschweifender Trinker bekannte Dichter die von ihm beschriebenen langen Wanderungen innert kürzester Zeit bewältigen konnte – so ging er als über 40-Jähriger einmal zu Fuss von Biel an eine Lesung nach Zürich. Der Verdacht liegt nahe: Der vermeintliche Spaziergänger war womöglich mit seinem Spartacus-Velo unterwegs. Darauf deutet für Peter Utz, Germanistikprofessor an der Universität Lausanne und einer der führenden Walser-Forscher, auch die Schreibweise des Schriftstellers hin: «Robert Walsers sogenannter Jetztzeitstil ist gewissermassen ein Schreiben im Freilauf; es lässt ungebremst die Eindrücke in einem Tempo vorbeiflitzen, in dem ein Radfahrer die Landschaft wahrnimmt.»

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 100-Jahr-Jubiläum von Robert Walsers bekannter Novelle «Der Spaziergang», in der mehrfach von einem Fahrrad die Rede ist, wird das Fundstück im Robert-Walser-Zentrum in Bern ausgestellt. Anschliessend wird es dem Robert-Walser-Archiv einverleibt und im Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek deponiert. Reto Sorg, Leiter des Walser-Zentrums, ist hoch erfreut über den Neuzugang: «Das Fahrrad ergänzt in idealer Weise den dort vorhandenen Walser-Bestand, da schon die Schreibmaschine, der Bürostuhl und die Lupe, mit deren Hilfe Walser die Mikrogramme verfasst hat, dort aufbewahrt werden.»

Das Fahrrad kann heute zwischen 11 und 12 Uhr im Robert-Walser-Zentrum (Marktgasse 45, Bern) besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2017, 12:08 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Grusel, Grusel: Taranteln krabbeln den Arm einer Frau in Kambodscha hoch, nachdem sie diese eingefangen hat 21. Juni 2017).
(Bild: Samrang Pring) Mehr...