Ohne sie wäre es langweilig

Bevor Christine Lauterburg die Traditionalisten das Fürchten lehrte, genoss die Volksmusikerin eine harmonische Kindheit.

Paradiesvögelchen: Die fünfjährige Christine Lauterburg im Garten.

Paradiesvögelchen: Die fünfjährige Christine Lauterburg im Garten. Bild: zvg

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Die Volksmusik wurde Christine Lauterburg nicht in die Wiege gelegt. «Für meinen Vater war das Hudigäggelermusik.» Im Hause Lauterburg wurde klassische Musik bevorzugt. Der Vater spielte Klavier, die Mutter Geige und Klavier, ihre beiden Brüder Gitarre. Mit sieben Jahren begann sie Geige zu spielen und komplettierte die Familienkapelle: «Es gab kein Fest, an dem wir nicht zusammen gespielt hätten.» Aber das Üben war ihr ein Krampf: «Es war fürchterlich anstrengend, bis nur ein Ton rauskam.» Das Filigrane lag dem aufgeweckten Mädchen nicht. Lieber spielte sie draussen mit den Buben Räuber und Polizei. Sie wollte die Geige an den Nagel hängen, doch ihre Eltern bestärkten sie, nicht aufzugeben.

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Im Lehrerseminar ist sie dann froh, dass sie ein Instrument beherrscht. Eigentlich wollte sie an die Schauspielschule in Bern, aber ihre Eltern meinten, das sei zu unsicher: «Du solltest zuerst noch einen anständigen Beruf lernen.» Lauterburg bleibt der Geige treu, auch wenn nicht immer der Ton herauskommt, den sie möchte. Wenn sie Sorgen hat, nimmt sie die Geige in die Hand: Sie ist für sie auch ein kleiner Psychiater. So spielt sich Lauterburg den Kummer von der Seele.

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Die Geige ist ihre Wegbegleiterin geworden. Der Gesang war es schon immer. Schon als Kind sang Christine Lauterburg leidenschaftlich gern. Nun nimmt sie Gesangsunterricht beim Komponisten Arthur Furrer. Der klassische Gesang ab Notenblatt behagt ihr allerdings nicht, lieber geht sie nach der Schule in die Turnhalle des Lehrerseminars und singt lauthals ihre Improvisationen durch die Halle. Auch im Klassenzimmer fällt sie auf. Ein Lehrer sagt ihr einmal: «Ohne Sie wäre der Unterricht langweilig.» Sie trägt zu dieser Zeit mit Vorliebe selber gestrickte kunterbunte Röcke und Pullover: «Ich war ein Paradiesvogel.» Und sie ist es geblieben. In den Neunzigerjahren betritt sie als Volksmusikerin die Bühne – mit dem Mannechutteli, kurzen Hosen, Netzstrümpfen und Wanderschuhen. Christine Lauterburg ist eine Provokation für die Hüter der Tradition, und das nicht nur äusserlich. Als sie 1994 ihr zweites Album «Echo der Zeit» veröffentlicht und darauf Jodelgesang mit aktueller Tanz- und Popmusik vermischt, avanciert sie zur Persona non grata beim Jodlerverband.

Wie tief sie ins Herz der Traditionalisten trifft, ist ihr nicht bewusst. Jedenfalls nicht in jenem Moment. Christine Lauterburg ist eben nicht nur Musikerin, sondern auch Performerin und ausgebildete Schauspielerin, die unterhalten will. Die Schauspielschule hat sie tatsächlich doch noch besucht, nach dem Abschluss des Lehrerseminars. Und auf der Theaterbühne und als Strassenkünstlerin hat sie gelernt, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. «Ich brauche keine Bühne, kein Licht, keine Anlage, aber ich ziehe mich so an, dass man mich sieht.»

Woher dieser Wille zur Extravaganz? In ihrer Kindheit war Christine Lauterburg noch ein Paradiesvögelchen, das in einem harmonischen Umfeld aufwuchs – ideal, um sich zu entfalten. Die Familie bewohnte ein Reiheneinfamilienhaus im beschaulichen Hühnerbühlquartier in Bolligen. Ihre Eltern waren freischaffende Grafiker, der Vater arbeitete im Atelier in der Wohnung, die Mutter unterstützte ihn dabei und kümmerte sich um den Haushalt. Wenn sie arbeiteten, waren sie froh, dass sie sich selber sinnvoll zu beschäftigen wusste. Und sinnvoll hiess im Hause Lauterburg, etwas Kreatives zu machen und dabei Eigeninitiative entwickeln zu können.

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Christine Lauterburg hat viel Freiraum bekommen. Und viel Vertrauen. «Diese Verhöre von Eltern, wie ich sie von Besuchen bei Schulkameraden her kannte, gab es bei uns zu Hause nicht.» Am runden Esstisch wurde über Gott und die Welt diskutiert, manchmal parodierte der Vater Vorgesetzte aus seiner Militärzeit, was für Erheiterung sorgte. Das Freigeistige, das Christine Lauterburg später als Künstlerin auslebte, bekam sie schon als Kind eingepflanzt.

Und die Liebe zum Jodeln? Die findet die heute Sechzigjährige erst mit Ende zwanzig. Es ist für sie die Art von Gesang, die sie schon immer suchte: «Dieser Naturgesang hat etwas Archaisches und Mystisches. Mit ihm kann ich meiner Liebe zur Improvisation freien Lauf lassen.»

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Das Jodeln lernt sie an einem Jodelkurs der Migros-Klubschule. Da sie Noten lesen kann und ihre Stimme durch den klassischen Gesang schon geschult ist, macht sie schnell Fortschritte. Nur ein halbes Jahr später nimmt sie am Kantonalen Jodlerfest in Langenthal teil und erhält ein «Gut». Sie passt sich an, trägt die richtige Tracht und singt ein «braves Lied». Aber es sind zwei Welten, die aufeinanderprallen: auf der einen Seite Christine Lauterburg, die aus linksliberalem Elternhaus stammt, urban sozialisiert, ein künstlerischer Freigeist – auf der anderen Seite ein von älteren Männern dominierter Jodlerverband, ländlich und konservativ, der die Volksmusik bis ins kleinste Detail durchreglementiert.

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Nach zwei Jahren tritt sie aus dem Verband aus. Sie erfindet die Jodlerin Christine Lauterburg. Und zwar so, wie es ihr zu Hause mitgegeben wurde: Finde deine Passion und suche dir den Freiraum, um sie zu entfalten. (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2016, 08:04 Uhr

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