In den Tropen fand er die Trauer
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Die Franzosen ehren das Erbe von Claude Lévi-Strauss
Ein bescheidener «Gigant» Er war einer «der letzten Mohikaner», wie es immer hiess, vielleicht gar der letzte Vertreter einer grossen Generation von französischen Denkern, in einer Linie mit Michel Foucault, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Raymond Aron. Und so wird das Vermächtnis von Claude Lévi-Strauss in Frankreich nun auch etwas wehmütig gefeiert, in Erwartung der Leere nach seinem Tod. Seine herausragende Stellung durfte er noch zu Lebzeiten erfahren. Zu seinem 100. Geburtstag im vergangenen Jahr waren die Zeitungen voll mit Elogen und Hommagen an die Grösse seines Werks. Staatspräsident Nicolas Sarkozy besuchte ihn damals, um ihm die «Dankbarkeit der ganzen Nation» auszudrücken.
Die bürgerliche Zeitung «Le Figaro» bezeichnet den Anthropologen als einen «Giganten des französischen Denkens». Der Historiker Max Gallo formulierte es am Dienstag nur unwesentlich anders: «Er war ein Monument des französischen Denkens des 20. Jahrhunderts.» Die linke «Libération» sieht in ihm einen «Revolutionär der Wissenschaft». Und «Le Monde» fragt: «Wem verdanken wir dieses immense Denken? Einem Philosophen? Einem Anthropologen, Ethnologen, einem Gelehrten, Logiker, einem Detektiv? Oder etwa einem Bastler, einem Schriftsteller, einem Poeten, einem Moralisten, Ästheten, vielleicht gar einem Weisen? Es gibt nur eine mögliche Antwort: Alle diese Figuren zusammen ergeben Claude Lévi-Strauss.»
Persönlicher fiel etwa die Reaktion von Jean D’Ormesson aus, der in der Académie Française neben Lévi-Strauss sass: «Wir sind alle sehr betroffen von diesem Tod», sagte der Schriftsteller, «er war der grosse lebende Gelehrte Frankreichs schlechthin, er hat unser aller Blick auf die Gesellschaft verändert. Und dennoch hatte man, wenn man ihm begegnete, immer den Eindruck, man bewege sich auf einer Ebene mit ihm. Er war von einer aussergewöhnlichen Strenge und Bescheidenheit.» Andere Zeitzeugen, die ihn näher kannten, sprachen von seiner «einschüchternden Schüchternheit».
Aussenminister Bernard Kouchner hob die Wirkung des Verstorbenen auf die internationale Ebene: «Während wir gerade versuchen, der Globalisierung einen Sinn zu geben und die Welt gerechter und menschlicher zu gestalten, hoffe ich, dass das universelle Echo des Werks von Claude Lévi-Strauss nun noch stärker widerhallt.» Präsident Sarkozy schliesslich ehrte den Anthropologen als «unermüdlichen Humanisten, neugierigen Gelehrten» - als Mann, «frei von jeder Sektiererei».
In die Welt hinaus gehen, um zu sich zu kommen: Das Programm des Bildungsromans ist beispielhaft für das Leben des französischen Anthropologen und Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Es war vor allem Abenteuerlust, die den 1908 geborenen Spross einer elsässisch-jüdischen Familie im Alter von 27 Jahren nach Brasilien lockte. Lévi-Strauss, der damals an einem Provinzgymnasium Philosophie lehrte, überlegte nicht lange: Er nahm das Angebot einer Professur für Soziologie an der neu gegründeten Universität von São Paulo an.
Später Aufklärer
Während seines Aufenthalts in Brasilien (1935 bis 1939) unternahm Lévi-Strauss ausgedehnte Expeditionen zu indigenen Stämmen ins Amazonashochland von Mato Grosso. Was er bei den Caduveo, den Bororo und Nambikwara erlebte, hat er 1955 in seinen berühmten Reiseaufzeichnungen «Traurige Tropen» niedergeschrieben. Das Buch, das weniger wissenschaftliche als literarische Ziele verfolgte, weist Lévi-Strauss als Spätaufklärer aus, als geistigen Erben seiner Landsleute Montaigne, Rousseau und Diderot. Doch ist in den «Traurigen Tropen» die Aufklärung bereits eine, die zu spät kommt: Lévi-Strauss führt den Leser durch eine unendlich fremde Zivilisation, die von den Kolonisatoren kontaminiert ist. Ein starker Kulturpessimismus weht aus diesen Tropen: «20 000 Jahre Geschichte» sind im brasilianischen Dschungel verspielt, schreibt der Autor.
Diese Wanderjahre zeigten Lévi-Strauss, dass alle Zivilisationen gleich weit von ihrem Ursprung entfernt sind und dass der Ethnologe am Ende der Kolonialgeschichte, in der Mitte des 20. Jahrhunderts, nichts Ursprüngliches mehr vorfinden kann. Was dem Wissenschaftler bleibt, ist die Untersuchung von gesellschaftlichen Ist-Zuständen. Diesen hat sich der Autodidakt Lévi-Strauss gewidmet.
Die Sprache der Mythen
Das methodische Werkzeug zur Entwicklung seines Strukturalismus hat sich Lévi-Strauss einerseits bei Karl Marx, dem Analytiker kapitalistischer Gesellschaften, andererseits bei Sigmund Freud, dem Erforscher des individuellen Unbewussten, geliehen. Entscheidend wurde für Lévi-Strauss aber auch der «linguistic turn»: Die Anwendung der aus den Sprachwissenschaften stammenden Einsichten auf soziale Wirklichkeiten wie Verwandtschaftssysteme oder gesellschaftliche Praktiken wie Heilkunden oder die Mythenüberlieferung. Die menschliche Kulturleistung besteht demnach in der Etablierung von Zeichensystemen, die die sozialen Praktiken regeln.
Auf das Beispiel der Mythen angewandt, heisst das: Mythen verfügen wie die Sprache über eine begrenzte Anzahl an selbst nicht sinnhaften Zeichen (Leitmotiven), deren Bedeutung sich erst in der Kombination mit anderen Zeichen erschliesst. Tatsächlich war Lévi-Strauss ein Wegbereiter des «linguistic turn». Es ist sein Verdienst, dass in den 60er- und 70er-Jahren die Ethnologie in Westeuropa und in den USA im Bereich der sogenannten Kulturwissenschaften eine Art Leitwissenschaft geworden ist. Der französische Poststrukturalismus mit Michel Foucault, Roland Barthes und Jacques Derrida ist ohne Lévi-Strauss undenkbar.
Die Fruchtbarkeit der strukturalen Analyse hat Lévi-Strauss in seinen beiden Hauptwerken unter Beweis gestellt, der «Strukturalen Anthropologie I & II» sowie der monumentalen «Mythologica I-IV», worin er Hunderte von Mythen schriftloser Kulturen aus Nord- und Südamerika untersuchte. Seine Analyse des Ödipus-Mythos ist ein Husarenstück strukturaler Textauslegung. Sie zeigt, was es heisst, einen Mythos wie eine Partitur zu lesen.
Lange bevor der Strukturalismus sich den schwarzen Rollkragenpullover überzog und im Zuge der 68er-Bewegung von Linksintellektuellen dem Verdacht ahistorischen und antihumanistischen Denkens anheimfiel, war er für Lévi-Strauss selber einfach ein taugliches Instrument der Ethnografie. Mithilfe der strukturalen Analysen wollte Lévi-Strauss den Nachweis führen, dass es in der unüberschaubaren Vielzahl der Kulturen und der kulturellen Praktiken einen universalen, kollektiv wirkenden Geist gibt, der einer einsehbaren Logik folgt und Ordnung schafft in der Menschenwelt: durch Heiratsregeln und Inzestverbote in Verwandtschaftssystemen beispielsweise oder durch einen Bestand von Erzählungen, die entweder den Ursprungsmythen oder den Beziehungsmythen zuzurechnen sind. Denn jede Kultur, jede Gesellschaft hat zwei fundamentale Fragen zu klären: Woher kommen wir? Und wie sind menschliche Beziehungen zu regeln?
Zurück zum Eigenen
Die Vorstellung eines Geistes, der in der Wissenschaft ebenso wirkt wie in der Magie, ist ein Bekenntnis zum Kulturrelativismus. Claude Lévi-Strauss hat dem «wilden Denken» seine Würde zurückgegeben, indem er gezeigt hat, dass dieses ebenso logisch ist wie unser westliches Denken, bloss eben mythologisch. Damit hat er die Ethnologie zur Anthropologie ausgeweitet. Und damit ist Lévi-Strauss, der seit 1959 am renommierten Collège de France auch den Lehrstuhl für Anthropologie innehatte, vom Fremden wieder zum Eigenen zurückgekehrt. Denn die Idee des Menschen bleibt wie jene der Menschheit doch immer auf eine bestimmte Kultur bezogen, und das ist die eigene. So erscheint der persönliche Bildungsroman von Lévi-Strauss auch als derjenige der Disziplin, deren Vater er war, der Ethnologie.
Seit den 80er-Jahren hat sich Lévi-Strauss folgerichtig vor allem mit der Kultur seines Heimatlandes beschäftigt. Das hat mit der ursprünglichen Erfahrung zu tun, dass in einer globalisierten Welt die historisch gewachsenen Unterschiede der Kulturen zunehmend nivelliert werden und dass der Fortbestand einer jeden Kultur letztlich vom Überdauern eines für ein Kollektiv verbindlichen Wertekanons abhängt.
Drei Wochen vor seinem 101. Geburtstag ist Claude Lévi-Strauss, wie nun bekannt wurde, am Wochenende in Paris gestorben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.11.2009, 15:10 Uhr
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