Kultur

«Wir sehen Leute, die noch nie im Theater waren»

Von Kai Strittmatter. Aktualisiert am 05.05.2012 6 Kommentare

Sotiris Hatzakis akzeptiert als Leiter des Nationaltheaters in Thessaloniki Lebensmittel beim Ticketkauf. Hatzakis war früher Schauspieler und hat mehrere Theaterstücke geschrieben.

Sotiris Hatzakis kämpft mit den Mitteln des Theaterleiters gegen die Krise in Griechenland und Europa. Bild: PD

Sotiris Hatzakis kämpft mit den Mitteln des Theaterleiters gegen die Krise in Griechenland und Europa. Bild: PD

Theatermann

Der 1957 geborene Sotiris Hatzakis studierte in Athen Theaterwissenschaften. Nach seiner Karriere als Schauspieler leitete er verschiedene Theater in Griechenland und war mit seinen Produktionen in Europa, Kuba, Südafrika und China unterwegs. Seit Juli 2009 ist er Intendant des Nationaltheaters für Nordgriechenland, das in Thessaloniki beheimatet ist. Hatzakis hat mehrere Theaterstücke geschrieben und als Dozent an diversen Institutionen gearbeitet. (TA)

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Seit Ende März dürfen sich die Zuschauer den Eintritt ins Nationaltheater mit einer Packung Reis oder Nudeln erkaufen.

Ja, wir haben lange genug über unser Elend geredet. Wir müssen jetzt kreativ sein. Uns selbst organisieren. Wir wollten als Nationaltheater das Gefühl der Solidarität unterstützen, das nun überall auftaucht. Ein Beispiel geben. Ich sagte meinen Schauspielern: Träumt mit mir, ausserhalb des üblichen Repertoires. Bringt mir die Stücke, die ihr schon immer auf der Bühne sehen wolltet. Führt selbst Regie, ladet Freunde ein, Musik zu machen. Am Ende haben wir fünf Stücke ausgesucht, wie «Die Zofen» von Jean Genet, aber auch eines, das zwei unserer Schauspieler selbst geschrieben haben. Alle Proben und Aufführungen finden in der Freizeit statt, die Schauspieler bekommen keinen Cent dafür. Die Lebensmittel spenden wir an Kinderheime und an ein Frauenhaus.

Und wie finden die Leute das?

Die Reaktion ist enorm. Bis letzte Woche haben wir an der Kasse 2500 Kilogramm Lebensmittel gesammelt. Die Aufführungen sind ausverkauft, viele finden keinen Platz mehr. Wir helfen Kindern und Müttern, die Schauspieler lernen dabei – und Leute, die sich den Eintritt nicht leisten können, kommen nun für ein Päckchen Mehl hinein. Wir sehen Leute bei uns, die in ihrem Leben noch nie im Theater waren.

Gibt es Nachahmer?

Ein Kino in Athen zum Beispiel. Es macht einfach keinen Sinn für ein Nationaltheater, sich in Zeiten wie diesen innerhalb seiner Mauern einzusperren. Man muss ausbrechen. Gerade jetzt. Haben Sie von der Kartoffelbewegung gehört?

Bürger haben ein Netzwerk gegründet, das Bauern und Konsumenten zusammenbringt und so die Zwischenhändler ausschaltet.

Genau. Die haben innerhalb von Wochen Nachahmer im ganzen Land gefunden. Wir wollen als Bewegung genauso viel erreichen. Was wir sehen, ist eine neue Revolution. Eine neue Welle der Ideen und der Kreativität von unten, eine neue Art von Bürger.

Ihnen wurde doch bestimmt auch das Budget gekürzt.

Ja, aber nur um 10 Prozent. Ich glaube, damit zählen wir selbst im Vergleich mit dem Rest Europas noch zu den Glücklichen. Wir haben 8,2 Millionen Euro im Jahr für 280 Mitarbeiter und bespielen damit neun Bühnen. Wir kommen ganz gut zurecht, recyceln die alten Kostüme und Requisiten. Aber wissen Sie, was interessant ist? Unsere Besucherzahlen steigen: Im Vergleich zu 2010 haben wir jetzt 92 Prozent mehr Ticketverkäufe.

Gibt es noch Leute, die mit Geld statt Nudeln an die Kasse kommen?

Viele. Aber unsere teuerste Karte kostet auch nur mehr 20 Euro. Die Leute definieren einfach neu, was sie vom Leben wollen: Wenn schon ärmer leben, dann bitte mit mehr Qualität.

Was lief schief in Ihrem Land?

Griechenland hat seine Werte und Qualitäten aufgegeben, gerade seit den 80er-Jahren. Wir waren ja nie so arm wie die anderen Balkanländer oder die Staaten der Sowjetunion. Man gab uns schon in den 60ern und 70ern die Chance, zu Konsumenten zu werden. Die EU gab uns später Geld für Kühlschränke und Autos, aber auch Flugzeuge und U-Boote. So unterstützten wir die Exporte Deutschlands. Wir haben einfach zu viel konsumiert. Vor allem für Rüstung haben wir so viel Geld verschwendet, das man in die Entwicklung des Landes hätte stecken sollen. Die Griechen lebten in einer Traumwelt, hatten jeden Kontakt verloren zu ihren finanziellen Möglichkeiten und zu ihren Traditionen. Das war ganz klar ihr Fehler. Das Ausmass der Katastrophe ist aber auch dem Niveau der Politiker in Athen und Brüssel geschuldet.

Die Griechen lebten in einer Traumwelt, hatten jeden Kontakt verloren
zu ihren finanziellen Möglichkeiten.

Wie halten Sie es denn mit Europa?

Es gibt eine gemeinsame Währung, aber kein gemeinsames Bewusstsein. Das politische Denken beugt sich der finanziellen Macht. Europa war immer ein Ort der Visionen, der Aufklärung, mit grossen Institutionen der Bildung, der Kunst, der Literatur. Plötzlich soll Europa reduziert werden auf fünf schwere Jungs, die Griechenland zeigen, wos langgeht. Nun erhebt allerorten der Nationalismus sein Haupt. Wir müssen aufpassen, dass die politische Korruption nun nicht auch unsere Gesellschaften zerstört.

Gehen Sie wählen am Sonntag?

Die Wahl ist in diesem Moment unglaublich wichtig. Gerade weil es eine so grosse Empörung gibt – unsere Politiker wagen sich ja nicht einmal mehr auf die Strasse. Unter der Oberfläche brodelt es, es gibt eine latente Gewaltbereitschaft. Der darf man keinen Raum geben, man muss sie in politische Energie umwandeln. Ich glaube, nach den Wahlen wird sich die Spannung lösen. Weil man die Griechen zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise nach ihrer Meinung fragt. Von Sonntag an können sie nicht mehr ständig mit dem Finger auf andere zeigen.

Ihrem Land droht eine zersplitterte Parteienlandschaft. Zehn Parteien haben die Chance, ins Parlament zu kommen.

Die Leute gehen den beiden grossen Parteien von der Fahne. Zu Recht. Das Argument, diese Zersplitterung sei eine Katastrophe, halte ich für Quatsch. Ich finde es gut, dass es so viele Parteien gibt. Es ist für uns eine Übung in Demokratie. Natürlich müssen sie lernen, zu kooperieren. Und die griechischen Politiker müssen verstehen, dass ihre Fehler uns an diesen Punkt gebracht haben, erst an zweiter Stelle die der EU und des IWF.

Ins Parlament einziehen wird aller Voraussicht nach auch die Neonazi-Partei Chrysi Avgi, die «Goldene Morgenröte».

Die Faschisten sind die einzige Kraft, die ich nicht akzeptieren kann. Ich komme aus dem Ort Iraklion auf Kreta, die Hälfte meines Dorfes, die Hälfte meiner Familie wurde während des Zweiten Weltkrieges von Faschisten ausgelöscht.

Erstmals seit dem Ende der Obristendiktatur 1974 wird wohl eine faschistische Partei die 3-Prozent-Hürde nehmen.

Und warum? Weil wir den mit Abstand höchsten Anteil an illegalen Immigranten innerhalb der EU haben. Sie kommen in Wellen über die türkische Grenze. Stellen Sie sich vor: 1,5 Millionen Illegaler bei knapp 11 Millionen Einwohnern. Und die Flüchtlinge landen fast alle im Zentrum von Athen. Es ist die Hölle – auch für sie selbst. Chrysi Avgi beutet die Verzweiflung der Bürger aus. Sie organisieren Bürgerwehren, sie versprechen: Mit uns werdet ihr die Immigranten los. Klar, momentan liegen sie bei nicht viel mehr als 4, 5 Prozent, aber schon das ist ein hässliches Symbol. Und wenn die Krise weitergeht, wenn unsere Löhne weiter gekürzt werden, die Verelendung weiter um sich greift – wer weiss, ob sie dann nicht viel mehr Stimmen sammeln. Hitler hat ähnlich angefangen.

Ich glaube, was wir nun um uns herum sehen, ist die allmähliche Rückkehr zu traditionellen Werten.

Die Griechen haben ihre alten Politiker satt – und trotzdem treten keine neuen Gesichter an.

Es stimmt, im Wahlkampf sehen wir die Masken angeblicher Neuerer, unter denen sich die alten Dinosaurier verstecken. Aber dafür haben wir all die neuen Initiativen der Bürger. Übers Internet, in den Städten entstehen Bewegungen, über die die Parteien keine Kontrolle mehr haben. Die muss man vorsichtig nähren und giessen, dann blühen sie auf. Die griechischen Bürger kapieren es allmählich. Ich glaube, was wir nun um uns herum sehen, ist die allmähliche Rückkehr zu traditionellen Werten, die uns komplett abhandengekommen waren. Weniger Autos, weniger Handys, weniger Konsum. Dafür werden wir wieder produktiver, gehen solidarischer, menschlicher miteinander um.

Die Krise als Katharsis?

Ich persönlich glaube das, ja. Aber vielleicht stehen wir Griechen vor einem fast theologischen Problem: Wir haben den freien Willen und können uns für das Gute oder für das Böse entscheiden. Meine Natur lässt mich an das Gute im Menschen glauben. Aber die Geschichte hat uns gelehrt: Das Böse existiert, und es kehrt immer wieder zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2012, 08:34 Uhr

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6 Kommentare

Thomas Läubli

05.05.2012, 16:49 Uhr
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Schön zu sehen, dass in Krisenzeiten die Kunst auch für Leute relevant wird, die sich sonst für anderes interessieren. Dann erkennt man wieder, was wichtig ist. Bei uns, wo die Spassgesellschaft dekadentes Entertainment, Internet-Kanäle und irgendwelche Pop-"Kultur" hochjubelt, sind die Massstäbe für das Relevante verloren gegangen. Antworten


Alois Meier

05.05.2012, 13:04 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Mit dem Finger auf die anderen zu zeigen ist in Griechenland schon lange Volkssport. Dass sich das ab sondern ändern soll ist eher ein frommer Wunsch dieses Herrn Hatzakis. Antworten



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