Willkommen im Kopfkino

Das Berner Hörfestival sonOhr legt in seiner vierten Ausgabe ein Augenmerk auf Experimentelles.

Frühe Hörspiele wurden live produziert und gesendet, da galt es, auf dem Posten zu sein.

Frühe Hörspiele wurden live produziert und gesendet, da galt es, auf dem Posten zu sein. Bild: zvg

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In den Anfängen des Hörspiels hatten Produzenten mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen, zumal die frühen Hörspiele ausschliesslich live produziert und gesendet wurden. Erich Kästner beschrieb 1929 eine solche Produktion des deutschen Rundfunks: «Ich sah, welche Mühe, Aufmerksamkeit und Präzision erforderlich sind. Kein Wort darf gesprochen oder auch nur geflüstert werden. Zwanzig Menschen, über zwei Räume und einen Flur, der die Säle verbindet, verteilt, und jeder hält ein Textbuch in der Hand, in dem der Regisseur mit Blau- und Rotstift inszeniert hat.

Der Regisseur selber sitzt in seiner Isolierzelle, hört per Radio, was ausserhalb seiner Zelle geschieht, gibt durch das Fenster Wink-Kommandos, jagt seine Sendeboten zu den Inspizienten, sie möchten den Regen das nächste Mal besser machen, und zu der Schauspielerin X, sie möge lauter sprechen oder eindringlicher weinen.»Klanglandschaft und RadionovelaSeit den 20er-Jahren sind viele Wellen durch den Äther geflossen und dank des enormen technischen Fortschritts, lassen sich Hörspiele heute viel einfacher produzieren. Günstige Aufnahmegeräte und bedienerfreundliche Schnittprogramme ermuntern zahlreiche Tonjäger, Stimmen und Geräusche einzufangen und diese künstlerisch zu verwerten.

Nebst dem klassischen Hörspiel haben sich im Verlauf der Zeit zunehmend auch experimentellere Formen entwickelt. Davon profitiert das sonOhr, das Berner Hörfestival, welches zum vierten Mal über die Lautsprecher geht. «Die enorme Vielfalt unter den eingesendeten Audioproduktionen hat uns überrascht und gefreut», so Wilma Rall, OK-Mitglied. Unter den Eingaben finden sich nebst klassischen Hörspielen Features, experimentelle Klangreisen, -landschaften und -dokumentationen, Collagen, groteske Horror-Komödien und gar ein paar Episoden einer Radionovela.

«Kino ist gut. Kino im Kopf ist besser. Die Fantasie ist grenzenlos», schwärmt Päivi Stalder, eines der drei sonOhr-Jury-Mitglieder. Fürwahr wird an der diesjährigen Ausgabe viel Futter für die Fantasie geliefert. So erzählt zum Beispiel das Hörspiel «Vehlgast Klaus» die Geschichte einer Mutter, die mit ihrem halbwüchsigen Sohn überfordert ist, wobei keine anderen Worte als Ortsnamen verwendet werden. Die Klang-Collage «Windmühlewörter» ergründet dagegen, wie sich wohl eine Windmühle ausdrücken würde.

Hinter dem Polentaberg

Zum ersten Mal werden an der diesjährigen sonOhr-Ausgabe auch Beiträge aus der Westschweiz und dem Tessin zu hören sein. Man habe durchaus Expansionsabsichten, erklärt Wilma Rall, schliesslich sei es doch spannend zu sehen, wie ennet des Röstigrabens und hinter dem Polentaberg mit Klängen umgegangen werde. Literarischer sei der Zugang zu Klangproduktionen im Tessin, erklärt Gulia Meier.

Das liege vielleicht daran, dass in Italien und der italienisch sprechenden Schweiz Hörspiele eine weniger lange Tradition hätten. Die Romands wiederum, die zeigen sich gemäss Ties Bay experimentierfreudig, was allerdings daran liegen könnte, dass vor allem Beiträge des Hörfestivals Ohrwurm vertreten seien, welches explizit experimentelle Klangkunst fördert.

Egal ob traditionell, experimentell, italienisch, französisch oder deutsch, allen Beiträgen ist gemein, dass sie der Zuhörerschaft Kopfkino bieten. «Das Ohr ist nicht mehr als eine Tür», lautet eine alte Weisheit aus Surinam; auf der anderen Seite der Türe liegt die wunderbare Welt der Fantasie und Imagination. (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2014, 11:13 Uhr

Infobox

Das Berner Hörfestival findet vom 14. – 16. Februar im Kino Kunstmuseum und der Stadtgalerie im Progr statt. In neun Blöcken werden alle Audioproduktionen zu hören sein. Das Rahmenprogramm eröffnet Martin Heule, langjähriger DRS-Korrespondent in Lausanne mit einem Referat zum Thema, warum welsches Radio so anders klingt als deutsches. Komplettes Programm:

www.sonohr.ch

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